Manchmal kann man sich ganz schön täuschen. Als Romy Schneider am 10. April 1958 am Pariser Flughafen Orly landete und die Treppe des Fliegers hinabsteigt, da sieht sie ihn zum ersten Mal, diesen jungen Mann im viel zu modernen Anzug, mit Krawatte und ganz Gentleman, wie er da unten wartet, mit einem Strauß roter Rosen. Die Fotografen knipsen sich die Seele aus dem Leib, nicht wissend, welch buntes Paparazzi-Kapitel hier im Leben von Romy Schneider beginnt. Sie ist damals wegen der drei "Sissi"-Filme in ganz Deutschland und Österreich ein Megastar, ihn kennt (noch) kaum jemand: Alain Delon steht hier und macht auf Romy Schneider einen schlechten ersten Eindruck: "Ich fand das Ganze geschmacklos und den Knaben uninteressant", erinnerte sich Schneider später.

Und auch Delon, der morgen, Sonntag, seinen 85. Geburtstag feiert, war nach diesem ersten Treffen mit Romy Schneider alles andere als angetan: "Auch er fand mich zum Kotzen", so Schneider. "Er sah in mir ein angeberisches, dummes, süßes Wiener Mädchen, ohne Pfiff".

Dass aus dieser Abneigung in wenigen Monaten die gegenseitige Liebe eines Lebens werden sollte, eine Liebe auch, die die Schlagzeilen der Boulevardpresse selbst Jahre nach dem Ende der Beziehung füllte, konnte hier noch niemand ahnen. Bis heute gibt die Romanze zwischen Delon, dem französischen Draufgänger mit dem kühlen Charme, und Romy Schneider, der ewigen Filmprinzessin mit Fluchtambitionen aus dem erdrückenden Wien, genug Stoff für Berichte über diese glamouröse, wenn nicht glamouröseste Zeit des europäischen Kinos, das zwischen Nachkriegs-Frustbetäubung und dem Aufbruch in neue künstlerische Sphären wie etwa die "Nouvelle Vague" gerade ein neues Selbstverständnis suchte.

Romy als nationale Kränkung

Einen Beweis dafür, dass der Boulevard ganz gut mit dem Cineasten-Anspruch einhergehen kann, liefert der deutsche Autor und fundierte Filmkenner Thilo Wydra, der mit seinem Buch "Eine Liebe in Paris: Romy & Alain" nun eine umfangreiche Aufarbeitung dieser teilweise in der Öffentlichkeit verlebten Beziehung vorlegt. Wydra, der bereits zahlreiche Bücher über einige der Legenden der Filmgeschichte geschrieben hat (darunter Biografien zu Margarethe von Trotta, Alfred Hitchcock, Grace Kelly oder Ingrid Bergman), legt mit seinem penibel recherchierten Buch auch die Hand in die immer noch offene Wunde einer nationalen Kränkung: Der Moment nämlich, als Romy Schneider ihrem Alain Delon nach Paris folgte und damit ganz Deutschland und Österreich de facto für immer den Rücken kehrte, gilt als Befreiungsschlag für die Schauspielerin, führte aber zu einer aufgebrachten Presse der späten 50er Jahre, die Romy als Verräterin bezeichnete, als jemand, der seine Wurzeln für einen französischen Hallodri aufgab, und das, obwohl man ihr daheim überall den majestätischen Teppich ausgerollt hatte, all die Jahre, als sie Sissi war und nicht Romy sein durfte. Die Kaiserin, "die mir ein Leben lang am Leib klebte", hat ihren Ruhm begründet, und Delon hat diese Kaiserin gestohlen: "Ça ne peut pas être vrai!"

Das erste Treffen zwischen Romy und Alain fand statt, weil man mit ihr 1959 in Frankreich und Wien den Film "Christine" drehen wollte - zwar wieder ein Stück in historischen Rittmeister-Uniformen, von denen Romy eigentlich genug hatte. Aber es war eine französische Produktion, und das bedeutete die Chance auf ein Ausbrechen aus dem Goldenen Käfig, den ihre Mutter Magda Schneider und ihr Stief-"Daddy" Hans Herbert Blatzheim, der auch als ihr Manager auftrat und ihre "Sissi"-Millionen verwaltete, während sie von einem Taschengeld lebte, für sie errichtet hatten. Romy vertraute Alice Schwarzer in den 70er Jahren an, dass Blatzheim nicht nur einmal versucht habe, mit ihr zu schlafen, sie bezeichnete die Zeit bis zu seinem Tod 1962 als die schlimmste ihres Lebens und kam erst gar nicht zum Begräbnis.

Beginn einer Dynastie

"Christine" war ein Remake des Films "Liebelei" von Max Ophüls aus dem Jahr 1933, mit dem Mutter Magda in Romys Titelrolle berühmt wurde. Magda Schneider dachte immer schon dynastisch, schließlich war Romy auch ein guter Motor für ihre Alterskarriere an ihrer Seite, oftmals (wie auch bei "Sissi") spielte sie ihre Mutter.

Das "Wiener Mädchen ohne Pfiff" und der "uninteressante Knabe" genossen jedenfalls viel Medienaufmerksamkeit während der Dreharbeiten - man munkelte schon, dass der Franzose "die Kaiserin" stehlen könnte. Was prompt geschah: Romy Schneider zog zu Delon nach Paris und emanzipierte sich, kaum 18 Jahre alt, von ihrem Korsett, das ihr allzu eng geworden war. Die Liebe kommt während einer Zugfahrt zu einem Filmball nach Brüssel, danach sind Romy und Alain für Jahre unzertrennlich. "Romy ist Delon ganz und gar erlegen und setzt sich ihm aus. Und Delon lässt sie zu sich kommen - nach Frankreich, nach Paris", so Autor Thilo Wydra, der dann auch dievon Magda Schneider und Blatzheim minutiös und medienwirksam arrangierte Verlobung des Paares am Luganer See nacherzählt. Romy und Alain waren sauer, der französische "Halunke" (eine Zeitung damals) kam dorthin überhaupt nur leger gekleidet und in Jeans und hatte keine Lust auf Anstand. Eine kleine Rebellion, zu der selbst Romy notierte: "Zwischen Alain und mir lag eine Welt".

Und war für eine! Diese Diskrepanzen, aber auch die schönen Gemeinsamkeiten zu entschlüsseln, das gelingt dem Buchautor mit sicherer Hand, zumal er dafür auch auf die Expertise vieler Zeitgenossen des Paares zurückgreifen kann. Thilo Wydra führte etliche Gespräche mit Freunden und Kollegen von Schneider und Delon, darunter mit Mario Adorf, der über Delon sagte: "Er war ein schöner Mann, aber sein Charme, der war nicht echt. Delon war kalt". Oder Senta Berger, die erzählt, wie "verliebt" sie in Romy Schneider war, in "ihre Stimme, ihre kleinen Ohren und Hände, in das Mädchenhafte. Das war auch ihr Zauber, das hat zu Tränen gerührt. Darüber war sie sich selbst gar nicht im Klaren".

Regisseur Volker Schlöndorff erinnert sich hingegen an die erste Theatererfahrung, die Romy 1961 in Paris machte: An der Seite von Delon in der Visconti-Inszenierung "Schade, dass sie eine Hure ist". "Sie wirkte zerbrechlich, fast wie eine Anfängerin, aber nie dilettantisch. Sie hatte mehr Bühnenpräsenz als Delon", so Schlöndorff. "Und das zeigte, dass ihr Ehrgheiz in eine ganz andere Richtung ging als das ‚Sissi‘-Image weiterzuleben".

Bitter wird für Romy die Trennung von Alain im Dezember 1963, kurz vor Weihnachten. "Legenden ranken sich um diese Trennung", konstatiert Wydra. "Delon trennt sich von Romy mit einem Strauß roter Rosen und einigen wenigen, auf einem Zettel rasch hingeschriebenen Worten: ‚Bin mit Nathalie nach Mexiko. Alles Gute. Alain." Die Jahre dazwischen, und was zu dieser Trennung führte, erzählt der Autor in vielen Anekdoten und Details.

Die gelebte Freundschaft mit "Swimmingpool"

Jetzt beginnt der zweite, der wertvollere Abschnitt in beider Leben: Die gegenseitig als tief empfundene Freundschaft. Zusammen dreht man 1968 "Der Swimmingpool", fünf Jahre nach Ende der Beziehung. Der Film wird - auch wegen des einstigen Glamourpaares, zwischen dem es erneut knistern soll, ein voller Erfolg.

Noch einmal, für "Die Ermordungs Trotzkys" werden sie 1972 zusammenarbeiten. Delon bleibt immer ein Vertrauter, auch, als Schneider durch den Selbstmord ihres Ehemanns Harry Meyen und den Unfalltod ihres Sohnes David die schlimmste Zeit ihres Lebens durchleidet. Am Grab von Schneider, die am 29. Mai 1982 ihrem Seelenschmerz erliegt, ist Delon zerstört. Sein öffentlicher Brief an Romy geht um die Welt: "Ma Puppelé, ich schau Dich immer wieder an, immer wieder. ich will Dich mit meinen Blicken verschlingen und dir immer wieder sagen, dass du nie so schön und ruhig warst. Ruhe Dich aus. Ich bin da. Ich habe von Dir ein wenig Deutsch gelernt. Die Worte: Ich liebe Dich. Je t’aime. Je t’aime, ma Puppelé."

Alain Delon und Romy Schneider, er ambivalent, lasterhaft, sie gierig nach Leben und maßlos; kein Paar, das miteinander überlebt, das zeigt Thilo Wydras Buch sehr anschaulich. Und doch eine Liebe fürs Leben. Eine große Liebe. Wie man sich täuschen kann.