Madame Rosa (Sophia Loren) ist trotz ihres hohen Alters immer noch als Tagesmutter in der italienischen Küstenstadt Bari tätig. Doch sie ist nicht irgendeine Tagesmutter, sondern versorgt eine spezielle Klientel: Sie nimmt sich für gewöhnlich den Kindern von Prostituierten an, und das tut sie, weil sie einst selbst eine gewesen ist. Als sie ein gewisses Alter erreicht hatte, sattelte sie auf die Kinderbetreuung um, und das macht sie bis heute. Da tritt der zwölfjährige Straßenbub Momo (Ibrahima Gueye) in ihr Leben, den sie bei sich aufnehmen soll. Jedoch wehrt sich das Bürschlein gewaltig gegen Rosas harte Hand, die beiden geraten häufig aneinander. Momo bastelt auch an einer eigenen Unabhängigkeit: Schnell wird er zum umsatzstärksten Drogendealer des Viertels, aber ist das ein Job mit Zukunft? In den problembelasteten Alltag tritt zudem eine zunehmende Vergreisung von Madame Rosa, die sich immer öfter an jene schrecklichen Tage zurückerinnert, die sie als Jüdin in Auschwitz verbringen musste.

Rückkehr aus der Rente

"Du hast das Leben vor dir", eine Netflix-Produktion, die auf dem Roman "La vie devant soi" von Romain Gary basiert, der bereits 1978 erstmals verfilmt wurde, mit Simon Signoret in der Hauptrolle, sollte großes Schauspielerkino sein, und es ist verlockend, sich vorzustellen, was die Netflix-Verantwortlichen sich hier ausgedacht haben müssen: Die mittlerweile 86-jährige italienische Filmdiva Sophia Loren vom inzwischen zehn Jahre andauernden Ruhestand zurück ins Filmgeschäft zu bringen, ist die eine Sache. Die andere ist: Dem Ganzen noch den Anstrich von Familiendynastie zu geben. Denn bei "Du hast das Leben vor dir" führte Lorens gemeinsamer Sohn mit Carlo Ponti, Edoardo Ponti, Regie: Ein versöhnliches Alterswerk der Diva, die darin noch einmal so richtig darstellerisch auftrumpfen soll, allerdings wohlbehütet vom Sohnemann angeleitet.

Soweit die Idee. Leider ist in der Umsetzung zu diesem Drama dann doch einiges nicht so gelaufen wie gewünscht. Das hat vielerlei Ursachen. Zunächst liegt es an der Besetzung: Zwar merkt man der Loren ihr Alter deutlich an, das allein behindert aber nicht den Spielfluss der Akteure. Vielmehr scheint die Chemie hier nicht ganz zu stimmen - die Szenen wirken bruchstückhaft und unfertig, viele rasante Phasen wechseln sich mit noch mehr Leerstellen ab, die dem Film Längen bescheren, anstatt dass man in großer Emotionalität dem Schicksal der Beteiligten folgen will. Schnell beginnt man, sich nicht mehr wirklich für die Figuren zu interessieren. Die heftigen Gefühlsausbrüche des jungen schwarzen Buben Momo gehören noch zu den interessantesten Aspekten, aber sie führen dramaturgisch zu nichts. Seine Rolle reduziert sich oftmals auch zum Stichwortgeber. "Bei dieser Nutte bleib ich nicht", wettert Momo gegen Madame Rosa, nur um wenig später (in seiner Fantasie) von einer Löwin liebkost zu werden.

Hart und einfühlsam

Die Härte und die Einfühlsamkeit, sie sind auch die beiden Pole, zwischen denen Loren ihre Performance anlegt. Als Madame Rosa quält sie die Erinnerung an die Nazis und Auschwitz, doch Pontis Inszenierung vertieft keinen der Gemütszustände seiner Protagonisten wirklich. Sein Film bleibt erschreckend durchsichtig, vorhersehbar, fahl. Sophia Loren, das muss auch gesagt werden, hat noch immer eine immense Präsenz. Es ist schön zu sehen, wie sie zunehmend durch diesen Film irrrlichtert: Sie hat in einigen Momenten trotz des Alters noch immer etwas Mädchenhaftes.