Langeweile gibt es für Alexander Dumreicher-Ivanceanu dieser Tage nicht, trotz Lockdown und umfassender Corona-Maßnahmen. Im Gegenteil. Gerade feiern er und die Filmemacherin Bady Minck mit ihrer gemeinsamen luxemburgisch-wienerischen Filmproduktionsfirma "Amour Fou" deren 25-jähriges Bestandsjubiläum, dazu gibt es ab Freitag unter www.filmarchiv.at eine sechs Filme umfassende Online-Retrospektive über die Produktionsfirma - eine schöne Notlösung in Pandemiezeiten, wenn die Kinos nicht öffnen dürfen. Zudem muss Dumreicher-Ivanceanu die eigenen Produktionen mit strengen Corona-Auflagen zur Umsetzung bringen, plant den Kinostart von Evi Romens beim Zürich Filmfestival ausgezeichneten Film "Hochwald" im kommenden Jänner und steht seit Anfang November zudem dem Fachverband der Film- und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer vor; eine Funktion, die die Interessen von nicht weniger als 6.000 Unternehmen vertritt. Dumreicher-Ivanceanu ist für fünf Jahre gewählt, und es dürften fünf turbulente Jahre werden.

"Es ist mitten in der Pandemie natürlich eine große Herausforderung, diese Branche zu vertreten", sagt der Produzent im Gespräch. Wiewohl die erste große Hürde der Filmbranche in Hinblick auf Corona Anfang des Sommers genommen werden konnte. "Ab 16. März konnte die Filmbranche nicht mehr drehen, das bedeutete Stillstand und eine unglaubliche Krise. Durch die Schaffung eines Ausfallsfonds für coronabedingt unterbrochene Dreharbeiten konnte jedoch die Branche weiterhin produzieren." Der Fonds wurde kurz nach Antritt der Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer, die der glücklosen Ulrike Lunacek nachfolgte, gegründet. "Mayer macht wirklich einen großartigen Job, die Branche spürt, dass sie sich mit Leidenschaft einsetzt", so Dumreicher-Ivanceanu. Gerade beim Ausfallsfonds für abgesagte Dreharbeiten sei Österreich ein Vorreiter in Europa gewesen. "Gemeinsam mit einer an einem Strang ziehenden Branche und der Politik konnte da viel bewegt werden", so Dumreicher-Ivanceanu, allerdings: "Was sichtbar bleibt, ist, dass wir große strukturelle Probleme haben. Es gibt ein hohes kreatives Potenzial, aber keine ausreichenden Finanzierungsmittel. Dass der geförderte Film ein Arbeitsplatzmotor sein kann, haben wir bewiesen. Aber nur, wenn es gut läuft. In einer Krise wie dieser finden sich viele Filmschaffende schnell am Rande des Prekariats wieder, weil es kaum Absicherungssysteme gibt. Auch der Aufholbedarf bei Geschlechtergerechtigkeit und beim Nachwuchs ist sehr klar sichtbar geworden."

2021 wird die Krise auf der Leinwand sichtbar werden

Die Folgen der Krise liegen auf der Hand: "2021 werden uns die Filme ausgehen", so Dumreicher-Ivanceanu. Der Hunger auf bewegte Bilder sei gerade während eines Lockdown unstillbar, dabei wurde weltweit 2020 bedeutend weniger gedreht. Insiderschätzungen gehen davon aus, dass die Anzahl der Produktionen mindestens um 50 Prozent eingebrochen ist. Heißt auch: Der Content wird 2021 fehlen, in Kino, TV und bei Streamingdiensten. "Das ist der spannende Moment, in dem wir uns befinden: Die unmittelbare Krise ist bewältigt, weil wir wieder drehen können, aber die Zukunft in der Pandemie ist ungewiss, und da drängt sich die Frage auf, wie man eine Branche strukturell neu aufstellen kann", so Dumreicher-Ivanceanu.

Dank einer Stoffentwicklungsoffensive des Österreichischen Filminstituts (ÖFI), die nach dem ersten Lockdown zahlreiche Autorinnen und Autoren animierte, sich in Drehbuchentwicklungen zu vertiefen, können erstklassige neue Stoffe erwartet werden, ein Grundproblem aber bleibt: "2021 wäre das Jahr, in dem die gesamte Branche in die Offensive gehen könnte, Kreativitätund internationale Reputation sind breit vorhanden. Dafür gibt es bei den Förderstellen aber zu wenig Geld", weiß Dumreicher-Ivanceanu. Deshalb schwebt ihm als Obmann des WKO-Branchenverbandes ein neues Konzept vor: "Ich trete ein für eine Investitionsprämie, die es für Filmproduktionen geben soll. Investitionen in das heimische Filmschaffen sollen belohnt werden". Dieses Anreizmodell soll dabei auch den Bereich "Grünes Produzieren" forcieren: "Da haben wir Aufholbedarf: Auch bei der Filmherstellung umweltbewusst zu sein", sagt Dumreicher-Ivanceanu.

Neue Finanzierungen für Filmproduktionen

Die Idee eines dritten Finanzierungsstandbeins neben den nationalen und regionalen Förderungen sowie dem ORF in der Filmbranche ist keineswegs neu, seit Jahrzehnten wird darüber debattiert. Allein: Wegen seines Nischendaseins hatte der österreichische Film bisher stets das Nachsehen. Bedenkt man, welche positiven Effekte Film etwa auch im Bereich des schwer getroffenen Tourismus erzielen kann, könnte das auch die Wertigkeit der Künste für die Politik neu ordnen.

"Ich finde, eine Investitionsprämie mit grünem Bonus ist ein richtiger Weg, denn Dreharbeiten schaffen viele Arbeitsplätze und Filme haben eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung". Und: "Den Zusammenhalt, den wir in der Krise erleben, wollen wir unbedingt in die Zukunft mittragen", sagt Alexander Dumreicher-Ivanceanu. Das Gemeinsame, es war nicht immer selbstverständlich in Österreichs Filmbranche. Die Pandemie hat das geändert. Heute ist nicht nur Dumreicher-Ivanceanu klar: "Es geht nur miteinander".