Am Anfang von Karl Mays Eroberung der Kinoleinwände stand viel Herzblut - und ein kapitaler Flop. Als sich die glühende May-Verehrerin Marie Louise Droop (1890-1959) im Alter von 13 Jahren ein Herz fasste und begann, ihrem Lieblingsautor Briefe zu schreiben, da ahnte sie noch nicht, dass sie einmal die erste sein würde, die eine Verfilmung eines May-Romans produzieren würde. Droop traf den Abenteuer-Autor sogar noch persönlich, ehe dieser 1912 starb. Zu Lebzeiten ist nichts bekannt davon, dass sich findige Produzenten um die Filmrechte zu Mays Oeuvre bemüht hätten, da hatten Kollegen wie Jack London mehr Strahlkraft (er wirkte in der Verfilmung seines Buches "Der Seewolf" 1913 sogar selbst mit). Aber Marie Louise Droop erkannte die Breitenwirksamkeit des relativ neuen Mediums und konnte Mays Witwe Klara davon überzeugen, die Rechte für drei Verfilmungen herauszugeben. Für die Umsetzung gründete Droop in Berlin die Ustad-Filmgesellschaft; das persische Wort Ustad steht für einen Ehrentitel (etwa "Maestro"), bezeichnet aber auch eine Figur aus Karl Mays "Im Reiche des silbernen Löwen". Die Produktionsfirma sollte sich voll und ganz der visuellen Umsetzung von Mays Werk widmen, und die ersten drei Produktionen waren auch innerhalb eines Jahres fertig: "Auf den Trümmern des Paradieses", "Die Todeskarawane" und "Die Teufelsanbeter" (der einen frühen Leinwandauftritt des späteren Dracula-Darstellers Bela Lugosi enthält) wurden allesamt 1920 gedreht, zu einer Zeit, als es deutschlandweit 3000 Kinos und 350 Millionen zahlende Zuschauer gab. Ein Riesenpotenzial also.

Verschollene Stummfilme

Doch das Publikum verweigerte den Filmen seine Zustimmung. Die Stummfilme, die aufwändig in Studios in Berlin und bei Außendrehs in der Sächsischen Schweiz entstanden, konnte dramaturgisch nicht überzeugen, das sagten zumindest die damaligen Filmkritiker. Den hellen Geist Karl Mays, seine Leidenschaft für das Abenteuer, für Exotik und Spannung konnten die Filme offenbar nicht reflektieren. Überprüfen lässt sich das allerdings nicht: Alle drei Filme gelten heute als verschollen, es gibt davon keinerlei Kopien.

Erste, verschollene Karl-May-Verfilmung: "Auf den Trümmern des Paradieses" (1920). - © km-film
Erste, verschollene Karl-May-Verfilmung: "Auf den Trümmern des Paradieses" (1920). - © km-film

Sie sind dennoch der Anlass für den neu im Karl-May-Verlag erschienenen Bildband "100 Jahre Karl May im Kino", eine liebevoll zusammengestellte Hommage an die Filme, die Karl May zum Straßenfeger machten. Autor Stefan von der Heiden versammelt auf den rund 200 Seiten Fotos und Anekdoten, die die Herzen der May-Fans wohl höher schlagen lassen dürften, die aber auch gut als Einführung in das filmische May-Werk dienen können.

Die Bewerbung der ersten May-Verfilmungen mit den Worten, sie hätten "eine sensationelle Wirkung" auf den Zuschauer, ging jedenfalls daneben: Der Flop der May-Trilogie von 1920 führte direkt in die Pleite der Ustad-Film; zu ambitioniert war die Idee, kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Menschen an exotische, ferne Orte zu entführen. Mehr als 15 Jahre lang wagte sich niemand an die Bücher Karl Mays, und das, obwohl sie (im deutschen Sprachraum) fast jeder kannte. Auch, wenn Mays Werk in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde, zum Weltautor hat er es nicht gebracht - er blieb bis heute ein sehr deutsches Phänomen.

1935 wagte sich die Berliner Lothar-Stark-Film an die Adaption von "Durch die Wüste" - und ging einen anderen Weg als die Stummfilme: Um wirkliche Exotik zu zeigen, reiste das Filmteam für die Außenaufnahmen nach Ägypten - aber die zeitgenössische "Filmkritik" der NS-Presse war erbarmungslos: Zu langatmig, zu wenig Spannung - und am Ende noch ein halb-jüdischer Regisseur, was die Firma unter der NS-Herrschaft zuverlässig ins Aus manövrierte.

"Schlangen vor den Kinos"

Wieder vergingen Jahrzehnte. Erst mit den beiden in Spanien gedrehten "Die Sklavenkarawane" (1958) und "Der Löwe von Babylon" (1959) wagte man sich wieder an zwei May-Vorlagen, wobei ersterer von Georg Marischka, dem Neffen des "Sissi"-Regisseurs Ernst Marischka, inszeniert wurde und es immerhin zum Achtungserfolg brachte, sodass hinterher gleich der zweite folgte.

Der jedoch floppte - und wieder ging der Plan, aus Karl Mays Romanen serienhafte Kinoerfolge zu produzieren, daneben. Auch, als man die beiden Filme Anfang der 60er Jahre nochmals in die Kinos brachte, wollte sie kaum jemand sehen, was nicht an der Besetzung mit Georg Thomalla und Theo Lingen lag, die ihre Sache recht ordentlich machten. Aber der Erfolg von Karl May auf der großen Leinwand sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Denn es kam: 1962. Im selben Jahr, in dem auch James Bond mit "Dr. No" seinen Siegeszug um die Welt antrat und dem bis 1970 weitere fünf Abenteuer folgten, gelang es auch, Karl May im Kino zur absoluten Gelddruckmaschine zu führen. Initialzündung für den Erfolg, also quasi der "Dr. No" des Karl May, wurde Harald Reinls Verfilmung von "Der Schatz im Silbersee", der zum Überraschungshit wurde. Das Branchenblatt "Filmecho/Filmwoche" vermeldete zu Weihnachten 1962: "Schlangen vor den Kinokassen, wie man sie nur noch in blasser Erinnerung hatte, beweisen, dass es sich bei diesem Film offenbar um einen Goldschatz handelt".

Und die May-Anhänger waren viel produktiver als Bond: In nur sieben Jahren wurden 17 Filme gedreht, die mehr oder weniger auf Mays Büchern basierten, darunter die "Winnetou"-Trilogie (1963-1965), "Old Shatterhand" (1964), "Der Schut" (1964) oder "Durchs wilde Kurdistan" (1965). Allein 1965 kamen sieben Karl-May-Verfilmungen heraus, in denen zumeist die jugoslawische Landschaft als Kulisse für die USA herhalten musste. Überzeugt hat das damals wie heute jeden Fan. Bis in die 70er Jahre hielten sich Proteste der Kinobetreiber gegen eine TV-Ausstrahlung dieser Filme, weil die bei jeder Wiederaufnahme in den Kinos so viel Publikum anlockten. Und: Es war die Zeit ikonografischer Helden im deutschen Kino, an deren Spitze der Beliebtheitsskala ausgerechnet ein Franzose und ein Amerikaner standen: Pierre Brice gab seinem Winnetou - den holzschnittartigen Vorzeichen der Filmreihe getreu folgend - eine Sanftheit und Anmut, eine Güte und eine Heroik, die kein Schauspieler im US-Kino über Native Americans je auf die Leinwand brachte. Und Lex Barker, der Hüne und Colt-Akrobat, wurde als kongenialer Partner des Indianers schnell zum Helden jedes Kinderzimmers. Man darf behaupten, dass die Faschingsspiele vom "Cowboy und Indianer" hier ihren wahren Ursprung hatten.

Für viele Darsteller wurde diese Filmreihe zu einem Karriereturbo: Uschi Glas wurde mit "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" (1966) berühmt, auch für Götz George, Eddi Arent oder Mario Girotti bedeutete die Reihe Aufwind. Letzterer wurde später bekanntlich als Terrence Hill sogar noch zum Weltstar, in komödiantischen Variationen des Western-Genres.

Historisch akkurat waren die Karl May-Verfilmungen eher nicht - denn sie sollten in erster Linie das deutschsprachige Unterhaltungskino befeuern, was auch famos gelang. Zeitgleich entwickelte sich in der DDR allerdings ein ähnlicher Trend. Dort drehte die DEFA in den 60er Jahren auch etliche Indianer-Filme, die jedoch wesentlich genauer auf den historischen Umgang der kapitalistischen Amerikaner mit den unterjochten Indianern eingingen.

Humor war May nicht fremd

Wie dem auch sei: Jeder Trend hat mal ein End‘, und auch die Hoch-Zeit der Karl-May-Verfilmungen ging vorüber. 1974 fokussierte das Bio-Pic "Karl May" - hochkarätig besetzt mit Helmut Käutner (als Karl May), Attila Hörbiger, Lil Dagover, Rudolf Prack und "Reichswasserleiche" Kristina Söderbaum (die zur NS-Zeit in vielen Filmen ihres Mannes Veit Harlan mitwirkte und in "Jugend" und "Jud Süss" ihren Tod im Wasser fand, was ihr diesen Spitznamen einbrachte) - auf die letzten 12 Lebensjahre des sächsischen Schriftstellers. Es folgten ein paar TV-Filme, aber der nächste große Kinofilm rund um Karl May war dann eine Parodie: "Der Schuh des Manitu" (2001) von Michael "Bully" Herbig durfte sich lange der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten nennen.

Humor war Karl May nicht fremd, und dieser Ulk hatbis heute Kultstatus. Vielleicht auch deshalb, weil seither nicht mehr viel passierte. Vielleicht ist die Zeit noch nicht reif für einen neuen Winnetou. Vielleicht denken einige Produzenten aber schon im Geheimen nach, wie "Der Schatz im Silbersee" als Remake aussehen könnte: Mit Elyas M’Barek als Winnetou, Lars Eidinger als Old Shatterhand und Nora Tschirner als Apanatschi. Warum denn nicht? Lustig wär‘ das schon.