Als James David Vance 18 Jahre alt war, verpflichtete er sich bei den Marines. Da hatte er schon einiges hinter sich: Ein Aufwachsen im sogenannten "Rust Belt", einer industriegeprägten Hochburg des Amerikas von Donald Trump, wo vor allem die weiße Unterschicht von viel zu wenig Jobs leben muss, die noch dazu schlecht bezahlt sind. Wer hier aufwächst, der hat das Leben schon als Teenager hinter sich, mit öden Nachmittagen zwischen bekifften Freunden und drogensüchtigen Müttern. Trump hat hier, bei diesen Wählern, die man in den USA gerne "White Trash" nennt, 2016 besonders gut abgeschnitten. Auch 2020 wählte man dort vorwiegend Trump, er hat den Hoffnungslosen wieder Hoffnung gemacht.

Genau aus diesem Umfeld stammt J.D. Vance. Er ist heute eine Berühmtheit in den USA. Nicht nur, weil er es vom sozialen Nullpunkt bis nach Yale geschafft hat, nein, auch, weil er seine Geschichte in Buchform aufgeschrieben hat - und damit lange Zeit die Bestsellerliste der New York Times dominierte. Das war 2016. Er ist Finanzmanager in einer Investmentfirma, und nach dem Buch landesweit gut gebucht als Redner; CNN lässt ihn als Experten auftreten, den Ruf der Republikaner, ihn als Kandidaten für den US-Senat zu gewinnen, hat der 36-Jährige bisher nicht erhört; man will schließlich nicht unglaubwürdig sein, wenn man genau jene Leute als Establishment kritisiert, die einen umwerben.

Auf Hillbilly-Augenhöhe

Ron Howard ("A Beautiful Mind", "Rush") hat aus Vances Memoiren nun einen Film für Netflix gemacht, und packt da alles hinein, was man über das Gegenwarts-Amerika wissen muss; Howard, dieser zweifach oscarprämierte Regie-Routinier, taucht ein in die Untiefen der amerikanischen Sozialtristesse, und er tut es - trotz des scheinbaren Klassenunterschieds - auf Augenhöhe und ohne Verurteilung. Es geht um einen Hillbilly, so bezeichnet man die Hinterwäldler aus den ländlichen Regionen der USA, die zu ungebildet, ungehobelt und proletenhaft sind, um es zu etwas zu bringen. Sie scheitern in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten an sich selbst. Aus solch einer Familie stammt dieser J.D. Vance: Seine Großmutter (dargestellt von einer brillanten Glenn Close) hatte immer Ärger mit ihrem Mann, einem notorischen Tunichtgut und Säufer; dabei war man nach dem Krieg hierher nach Middletown, Ohio, gekommen, um eigentlich den amerikanischen Traum zu leben. Ihre Tochter, J.D.‘s Mutter Bev Vance (Amy Adams), hatte in der Schule die zweitbesten Noten, aber die frühe Schwangerschaft presste sie ins Rollenbild der Hausfrau und Mutter, das sie nie erfüllen wollte. Stattdessen: wechselnde Bekanntschaften, Alkohol und Drogen. Auch Vance Jr. wird in seiner Jugend in den 90ern ständig mit den "Losern" konfrontiert, die für ein "anständiges" Leben schon vom Elternhaus nicht die richtigen Zutaten mitbekommen haben.

Oma, bitte kommen!

Oma Vance raucht Kette, wie die Schlote der damaligen Stahlindustrie im Rust Belt, während Mama Bev sich mehrmals mit einer Drogenüberdosis fast ins Jenseits kickt. Der aufwachsende J.D. braucht lange, bis in ihm die Alarmglocken schrillen und er einen Ausbruch aus der Misere versucht.

Es geht in diesem Film um den amerikanischen Traum, und wie er als Damoklesschwert über all jenen hängt, die keinerlei Aussicht auf seine Verwirklichung haben. Ron Howard versucht zu erzählen, warum es so schwer ist, der eigenen Herkunft zu entkommen, er springt beständig von Rückblenden in die Kindheit zu J.D.‘s gerade beginnendem Kampf, sich von Yale aus in die Arbeitswelt zu integrieren - etwas, was vor ihm keiner in der Familie geschafft hat. Er ist ein Aufsteiger, aber er ist auch der Tollpatsch geblieben, der schon als Kind von Mitschülern verprügelt wurde und den die cholerische Mutter windelweich geprügelt hatte.

Amy Adams spielt groß auf in dieser Mutterrolle, die ihr mit Sicherheit eine Oscarnominierung einbringen wird, sofern die Academy im Corona-Jahr Regelausnahmen macht und auch Netflix-Filme ohne Kinoauswertung zulässt. Adams gibt die drogensüchtige Krankenschwester, die ihren Patienten die Pillen klaut, diese selbst konsumiert und hernach rollschuhfahrend und völlig high durch die Intensivstation flitzt. Sie zwingt ihren Sohn, seinen Urin für den ihren abzugeben, auf dass sie ihren Job im Spital nicht verliert und "sauber" ist. Sie ist eine Frau, die maximal eskalieren kann, Streit, Ausraster, aufgeschnittene Pulsadern, all das. Und J.D. sieht alles hautnah mit an. Es ist die Erzählung über eine Unterschicht, aus der es kein Entrinnen gibt, scheinbar. Privater Stress führen bei J.D. zu schlechten Noten, es gibt jugendliche Gewalt, die Abwärtsspirale setzt sich in Gang und Ausweg gibt es keinen. Wenn deine Eltern Loser sind, bist du eben auch einer. So ist das.

Alles ändert sich erst, als der Teenager J.D. ausgerechnet zur Großmutter zieht, doch auch in Yale holt ihn die Vergangenheit immer wieder ein, etwa, als Bev mit einer Heroin-Überdosis in der Notaufnahme landet. Niemand hier kriegt sein Leben auch nur annähernd auf die Reihe.

"Hillbilly Elegie" ist Ursachenkino, dafür sind die Amerikaner bekannt, aber auch: Diese Ursachen am Ende zu überwinden (Stichwort: Happy End) - und am Ende den amerikanischen Traum zu beschwören, dass es fast schon grauslich ist. Das ist Kitsch, aber Ron Howard kann ihn lange Zeit mit seinem punktgenauen und präzisen Sozialdrama verschleiern. Es gibt auch hier die Formeln, die Hollywood all jenen kredenzt, die in misslichen Lagen stecken: Der Weg zum amerikanischen Traum, er führt über die Versöhnung: "Du musst deiner Mutter vergeben, sonst wirst du nie da raus kommen, wo man rauskommen will", sagt J.D.‘s Schwester im Film. J.D. Vance hat das beherzigt. Der Film feiert das. Und wer weiß, vielleicht ist es genau eine Figur wie er, die bald als politischer Hoffnungsträger gefeiert werden wird. Kurz und griffig genug für ein simples Wahlwerbeschild wie "Trump/Pence" wäre sein Nachname ja.