Viel war in den vergangenen Wochen die Rede von einer gespaltenen USA. Aber auf eine Person können sich Links und Rechts, Ost und West, Nord und Süd, Frau und Mann, Schwarz und Weiß, Trucker und Drag Queen wohl auf ewig in erstaunlicher Brüderlichkeit einigen. Das ist die Country-Musikerin Dolly Parton. Die Sängerin und Songwriterin gilt praktisch als Säulenheilige der US-Kultur, und das nicht nur wegen ihrer berühmten Songs wie "Jolene", "9 to 5" oder das von Whitney Houston zur Kampfballade gecoverte "I will always love you". Parton ist die Königin des Country und diese Musik ist wohl das uramerikanischste Phänomen überhaupt. Parton ist im wahrsten Sinne des Wortes die schillernde Ikone des Genres, und das hat sie abseits von Whisky, Banjo und "Yeehah" mit einem beachtlichen Talent für zeitlose eingängige Melodien zuwege gebracht. Und der effektvollen Verbindung der bodenständigen, allgemeingültigen Inhalte (die gefallen dem Trucker) und Wagenladungen von Strass an Kostüm und Cowboyboots (das gefällt der Drag Queen). In ihrer Einzigartigkeit hat sie die Countrybranche massiv geprägt und ist so sicher auch für manche akustische Geschmacklosigkeit mitverantwortlich. Das aber gefiele Dolly Parton ohnehin, denn auf ihren eigenen schlechten Geschmack ist sie so stolz, dass sie ihn mit der charmantesten Waffe verteidigt: mit Humor. "Es kostet eine Menge Geld, so billig auszusehen", stellte sie zum Beispiel einmal klar.

Zuckerstangenschock

Ganz in dieser Tradition steht auch der neue Weihnachtsfilm, der nun auf Netflix zu sehen ist. Da fällt im Beautysalon auch das Zitat "Je höher die Frisur, desto näher am Himmel", eine Regel, die zweifellos auch die gläubige Parton unter dem toupierten Blondschopf beherzigt. (Einer ihrer wenigen Kommentare über Donald Trump war: "Wenn der Präsident so gehasst wird, warum beten wir dann nicht für ihn?") Das Musical "Dolly Parton’s Christmas on the Square" (derzeit nur auf Englisch mit Untertiteln verfügbar) ist eine Kitschlawine der Extraklasse mit Wunderwendungen aus der Kategorie "Gerade noch im Koma, jetzt auf ihrer Showbühne" - und somit genau das, was sich das Gros der Weihnachtsfilmliebhaber von einem Weihnachtsfilm erwartet.

Die große Christine Baranski spielt die siebenunddrölfzigste Variante von Ebeneezer Scrooge, sie stolziert strammen Fußes durch das Zuckerstangen-Enthusiasmus-Ballett und teilt eiskalt Räumungsbescheide aus. Da lässt sie sich auch von putzig mit Weihnachtspulli angetanen Welpen nicht beirren. Dolly Parton ist ein als Sandlerin getarnter Engel, der ganz besonders kess auf einer Wolke sitzen kann und den üppigen Ausschnitt fast züchtig im 80er-Jahre-Dreieck unter reichlich Glitzer verbirgt. Passend dazu hat Parton natürlich auch ein neues Weihnachtsalbum, "A Holly Dolly Christmas", das ist keineswegs ihr erstes. Wie auch der Film nicht ihr erster zum einschlägigen Thema ist. Parton feiert in ihrem nach ihr benannten Vergnügungspark "Dollywood" in ihrem Heimatstaat Tennessee auch jährlich ein Weihnachtsfestival, "Smokey Mountain Christmas".

Engel mit Millionenscheck

Auch heuer. Der Hinweis auf der Homepage dieses Vergnügungsparks, der klarstellt, dass man mit Zutritt zum Unterhaltungsareal zustimmt, sich dem Risiko einer Infektion mit Covid-19 freiwillig auszusetzen, zeigt, dass Dolly Parton nun mal auch eine amerikanische Geschäftsfrau ist. Aber zumindest eine, der die Philanthropie nicht fremd ist. Erst kürzlich wurde bekannt, dass ausgerechnet die - übrigens in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene - Countrysängerin möglicherweise die Impfstoffentwicklung beschleunigt hat. Sie hat nämlich der Universität eines befreundeten Arztes eine Million Dollar gespendet, die in der Erforschung des Vakzins der Firma Moderna aufging. Dieser Arzt, Naji Abumrad, meint: "Ohne Frage hat ihre Spende den Weg zur Impfung zehn mal kürzer gemacht." In den Sozialen Netzwerken wollte man sich damit vor Begeisterung nicht abfinden und forderte noch, dass Parton ihren Hit "Jolene" zu "Vaccine" umtextet. Quasi als Hymne, die nun auch Impfwillige und Impfgegner vereint.

Was für eine kitschige Idee. Aber eigentlich . . .