Ted Bundy ist einer der berühmtesten US-Amerikaner - allerdings kommt seine Berühmtheit nicht von einem Kinofilm, einer Schallplatte oder von umtriebigem Erfindertum. Bundy ist unrühmlicher "Star" in der "Hall of Murderers": Zwischen 1974 und 1978 hat er das Land unter Hochspannung versetzt, als er in diesem Zeitraum mindestens 28 Frauen vergewaltigt, ermordet und ihre Leichen dann auf grausamste Weise zerstückelt hat. Sie alle gingen seinem Charme auf den Leim, denn Bundy ließ immer seine Intelligenz und Attraktivität spielen, wenn er auf Beutejagd war. Anfang 1989 richtete man Ted Bundy in Florida auf dem elektrischen Stuhl hin, aber seine "Legacy" blieb: Das Monster im "Liebhaber", es wurde zur Blaupause für viele Auseinandersetzungen in Film und TV. Zuletzt fand man Anklänge an Bundys "Karriere" etwa in der Netflix-Produktion "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile", in der Zac Efron einen Serienmörder mimte.

Alex Gibney versucht nun in seiner Doku "Crazy, Not Insane" in die Denkweise von Massenmördern einzudringen und holt sich dafür professionelle Hilfe von der forensischen Psychiaterin Dorothy Otnow Lewis, die ihr Leben vor allem einer Frage gewidmet hat und diese seit Jahrzehnten zu beantworten versucht: Warum werden Menschen zu Mördern? "Oder anders gefragt: Warum werde ICH eigentlich kein Mörder?", fragt Lewis im Film. Und zählt auf, welche unterschiedlichen Faktoren zusammenkommen müssen, dass Menschen zu töten imstande sind.

Wissenschaftlerin Dorothy Lewis erläutert ihre jahrzehntelange Forschung. - © Sky/HBO
Wissenschaftlerin Dorothy Lewis erläutert ihre jahrzehntelange Forschung. - © Sky/HBO

Oft liegt der Grund in einer problematischen Kindheit

Eine Gewaltbereitschaft im Erwachsenenalter rührt oft daher, dass man schon als Kind Gewalt erlebt hat, meint Lewis. "Die Faktoren sind sozialer und gesellschaftlicher Natur", so die Wissenschaftlerin. "Ich bin wie ein Detektiv und muss das alles herausfinden. Das liebe ich besonders an meiner Arbeit".

Dorothy Lewis war eine der letzten Personen, die Ted Bundy vor seiner Hinrichtung treffen durfte. Sie hatte zuvor als Zeugin der Verteidigung vor Gericht ausgesagt. Er hatte nach ihr verlangt, wollte ihr noch etwas anvertrauen, weil er in ihr die einzige Person sah, die ihn nicht von vorne herein als abgrundtief böse verurteilt hatte, sondern nach Gründen suchte, weshalb Bundy diese Morde begangen hatte. Die Sequenz zu Bundy im Film gehört zu den eindringlichsten; Gänsehaut inklusive, denn Regisseur Gibney erzählt das alles auch in einer schon angsteinflößenden Machart, lässt Spannung und Dramatik walten, obwohl hier zumeist nur gesprochen wird. Aber die dazu servierten Bilderwelten tun ihr Übriges für spannende Momente.

Bundy ist nicht der einzige Killer, der in "Crazy, Not Insane" von Lewis analysiert wird - insgesamt spricht sie mit über 22 Serienmördern, und oft geht es um prägende Ereignisse in der Kindheit, die Lewis als Wurzeln des Übels ausmacht: Sexueller Missbrauch steht auf dieser Ursachenliste ganz oben, aber auch so genannte multiple Persönlichkeiten stehen im Fokus - sie verkörpern oft mehr als nur ein Ich. "Mein Sohn hat einmal gesagt: ‚Mom, du bist die einzige, die eine Gruppentherapie mit einer einzigen Person macht‘". Dorothy Lewis muss manchmal eben versuchen, ihre Arbeit mit einer Portion Humor zu nehmen.

In den USA zählt Rache
mehr als Prävention

Gibney arbeitet gut heraus, dass eines der Grundprobleme bei einem Gewaltverbrechen ganz spezifisch auch in der Gesellschaft zu suchen ist, in der es stattfindet: In den USA ist die Rechtssprechung vor allem darauf aus, Taten zu ahnden, Täter zu strafen. In Prävention von Verbrechen hingegen fließe kaum Aufmerksamkeit, erzählt der Film. Und nach der Feststellung, dass niemand als Mörder geboren wird, sondern von komplexen Umständen dazu gemacht wird, kann man auch verstehen, wieso es gerade in den USA so viele Gewaltverbrechen gibt. Und auch, weshalb diese in einigen Teilen irrgeleitete Gesellschaft immer noch vielerorts an der Todesstrafe festhält.