Noch klingen die Aussendungen der heimischen Filmverleiher vorsichtig optimistisch, man will mit Ende des Lockdowns am 7. Dezember wieder neue Filme in die Kinos bringen, zumindest füllen sich die Startlisten wieder; fix dabei ist aber nichts, zu unsicher ist die Infektionslage, und auch die Regierung spricht inzwischen nur mehr von "schrittweisen" Öffnungen. Wann die Kinos dran sind, ist ungewiss.

Doch die Kinobetreiber bleiben vorsichtig optimistisch, und das, obwohl der Pandemie wegen ihr ganzes Geschäftsmodell vor dem Ruin zu stehen scheint. Volle Kinosäle, also die Voraussetzung für gute Umsätze in der Kino- und Filmbranche, sind derweil trotz Impfstoff-Jubelmeldungen nicht denkbar. Zumindest nicht in absehbarer Zeit.

Was also tun mit all der Filmware, die jetzt teilweise schon seit März auf Halde liegt und mit der man statt Millionen-Einspielergebnissen bloß Schlagzeilen über die Verschiebung der Starttermine einfährt? Die großen Player am Kinomarkt, sie erwägen langsam, aber sicher, eine Abkehr von der Leinwand als ihr erstes, unbedingtes Verwertungsglied in der Kette.

Etliche potenzielle Blockbuster des Kinojahres sind inzwischen bei Streamingdiensten untergekommen, darunter etwa "Mulan" oder auch "Onward" vom Unterhaltungsriesen Disney. Neuestes Beispiel: "Wonder Woman 1984", eigentlich ein vielversprechender Box-Office-Magnet für den Kinosommer, wurde wieder und wieder verschoben, und zuletzt wollte man den Weihnachtstermin unbedingt halten. Doch die Pandemie hat auch das vereitelt. Während Europa unter der zweiten Welle stöhnt, steht den USA diese vermutlich erst noch so richtig bevor.

Also hat man sich bei dem produzierenden Studio Warner Brothers dazu entschieden, den Film im Kino und bei Streaming-Anbietern zu launchen. Das wird in der Branche als Wende gesehen, denn bislang hatten sich Studios wie Warner vehement gegen die Aufweichung der Kino-Verwertungskette gewehrt. Doch die Pandemie ist stärker, die Verlustangst einfach zu hoch.

Ein Paradigmenwechsel

Jason Kilar, Chef von WarnerMedia, macht klar: "Der Erfolg eines Films darf nicht mehr allein nach den Einnahmen an den Kinokassen bewertet werden, sondern auch an der Anzahl von Neuabonnenten bei den Streamingdiensten." Das ist wahrlich ein Paradigmenwechsel in der Auswertung, denn: Es geht dabei um die Gleichzeitigkeit. Kinostart und Streaming-Start zum gleichen Termin. Die Zukunft der Kinos und deren Betreiber wird an diesem Modell entschieden werden. Nicht mehr das überlebensgroße Filmereignis im Multiplex oder Programmkino ist die erste Wahl, sondern der Flatscreen (mitunter auch überlebensgroß) im Wohnzimmer. Damit rechnen jedenfalls die Pessimisten in der Branche.

Ein Kinobesuch als soziales Event, bei dem man Freunde trifft und über Filme diskutiert, ist zunächst verunmöglicht - was auch dazu führt, dass man über Filmrezeption im Allgemeinen nachdenken muss. Kinokultur im Sinne einer künstlerischen Annäherung an den Film und seine Spielformen dürfte von der Entwicklung weniger betroffen sein wie die breitenwirksamen Filme, die mit der Masse ihr Geld machen - die Krise trifft Multiplex-Kinobetreiber ungleich härter als kleine Arthaus-Kinos.

Es sind gerade jetzt ikonographische Blockbusterfilme wie "Wonder Woman 1984", die eine Zeitenwende einleiten könnten, die Kulturteile der Zeitungen weltweit sind voll davon. Da ist die Rede von der Nostalgie der Laufbilder, und wie sie die Menschen in ihrer Neugier auf spektakuläre Bilder geeint haben in den letzten 100 Jahren. Da ist aber auch die Wirklichkeit der Corona-Pandemie: Wenn "Wonder Woman 1984" zu Weihnachten in geöffneten Kinos und zeitgleich auch beim US-Anbieter HBO Max erscheint, dann darf eifrig spekuliert werden, wo mehr Zuschauer zu finden sein werden. In Österreich plant der Verleih vorerst mit einem regulären Kinostart am 16. Dezember, denn: Dem Kino, so es geöffnet ist, soll bei Warner weiterhin der Vorzug gegeben werden. Das Geschäftsmodell steht jedoch auf wackeligen Beinen.

Noch hat man wenig Erfahrungen: Nach dem exklusiven Start von "Mulan" auf Disney+ machte sich Ernüchterung breit: Die Zusatzgebühr von fast 30 Euro für den Film erschien hoch. Nach einem Monat war er auf vielen anderen Plattformen, wie Amazon oder Google Play abrufbar. Mit der Exklusivität im Netz ist es bislang nicht weit her. Das wäre immerhin ein starkes Argument, das für ein Wiederaufleben der Kinos spricht.