Es gibt sie nicht oft, diese Serien, wo wirklich mit Erwartungshaltungen gebrochen wird. Obzwar sich die Streamingdienste im Wettrüsten um mehr exklusiven Content da schon sehr anstrengen. Aber "The Undoing", seit Montag auf Sky zu sehen, spannt die Zuschauer sechs Folgen lang auf die Folter und lenkt den Verdacht in einem Mordfall gekonnt von einer Person auf die nächste. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit: Hier spielen mit Nicole Kidman und Hugh Grant zwei (Ex-)Superstars des Kinos ein gut situiertes Ehepaar aus der Upper Class New Yorks, und zumindest Mr. Grant ist komplett gegen den Typ besetzt: Seit er in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" 1994 den schusseligen Romantiker gab, war Grant auf diese Rolle hoffnungslos abonniert und schaffte eigentlich nie den Ausbruch. Jetzt, in "The Undoing", gerät er als Kinder-Onkologe plötzlich unter Mordverdacht: Er soll die junge Mutter Elena (Matilda De Angelis) brutal ermordet haben. Ihr erst zehnjähriger Sohn findet ihren zerstückelten Leichnam und steht unter Schock. Hugh Grant kann hier ganz neue Facetten zeigen, die ihn vom einstigen Rom-Com-Liebling deutlich abheben. Das hatte man von jemandem wie ihm nicht mehr erwartet.

Die Macht der Blicke

Aber es funktioniert gut, was auch am Zusammenspiel mit Kidman liegt. Die bietet als Mitglied der New Yorker Gesellschaft eine gar nicht so ungewohnte Performance, sie spielt nuanciert, soweit das die Botox-Kur eben zulässt, aber man muss sagen: Kidman hat ihr Äußeres stark zum früheren Status "rückgebaut", sie sieht in "The Undoing" manchmal juvenil aus wie in Kubricks "Eyes Wide Shut", und da wie dort spielen Blicke eine entscheidende Rolle. Kidman wirkt jedenfalls wieder sichtlich zufriedener mit sich selbst und kann sich dadurch auch stark in die Rolle fallen lassen.

Eine Rolle, aus deren Perspektive diese Mini-Serie beginnt: Grace (Kidman) und Jonathan Fraser (Grant) haben eigentlich das perfekte Leben, er Arzt, sie Therapeutin in New York, ein Ehepaar, das auf Wohltätigkeitsgalas geladen wird, wo man bereits für ein Glas Leitungswasser 1.000 Dollar bietet. Als die junge Elena sich bei Grace vorstellt, ändert sich ihr Leben schlagartig: Denn nur kurz nach einer recht seltsamen Begegnung mit Tränen und Küssen am Damenklo bei einer Charity-Gala wird Elena tot aufgefunden - und von Vorzeige-Ehemann Jonathan fehlt plötzlich jede Spur. Angeblich ist er bei einem Ärztekongress, doch sein Handy hat er seltsamerweise daheim vergessen; es klingelt im Nachtkasterl, wenn seine Frau anruft. Grace gerät in einen Strudel aus Ängsten, dass ihr bisheriges, sicheres Leben im Grunde immer nur eine Illusion war.

Die Serie, die auf Jean Hanff Korelitz’ Roman "The Undoing" basiert, der auch unter dem Titel "You Should Have Known" veröffentlicht wurde, ist von David E. Kelley (Schöpfer von "Ally McBeal" oder "Big Little Lies") zur Serie umgeschrieben worden. Die dänische Regisseurin Susanne Bier hat inszeniert, und das ist manchmal der Trübstoff in dieser Serie.

Das perfekte Bild

Bier hat - wie sie in ihren Kinofilmen "Love is All You Need", "Für immer und ewig" oder "Serena" zeigte - einen ausgesprochen großen Hang zum perfekten Bild, ihre Kompositionen sind allesamt geprägt von einer Hochglanzoptik, die vielleicht die New Yorker Upper Class gut abbilden können (oder: das filmische Klischee davon), aber zu den schmutzigen Untiefen hinter den Fassaden weit weniger gut passen und diesen auch keine Stilistik gönnen.

Abgesehen davon kann man der Serie auch vorwerfen, dass Hauptfigur Grace recht gerne ihr Wissen als Therapeutin hervorkramt, wenn es um Zusammenhänge im Plot geht, was alles ein bisschen plakativ macht. Aber so geht eben das serielle Erzählen.

Im Grunde aber geht der Spannungsmoment auf, und das ist nicht zuletzt Hugh Grants Verdienst, weil er hier seine andere, kaum jemals zum Vorschein gekommene Seite zeigen darf. Aber auch weitere Figuren sind stark: Etwa Donald Sutherland als Grace’ mahnender Vater oder Edgar Ramirez als knallharter Ermittler, der an Grace ein ganz eigenes Interesse zu haben scheint. Wer hier welches Spiel treibt, ist bewusst schwer durchschaubar. Genau so soll spannende Serienunterhaltung ja eigentlich sein.