Das alte Hollywood in all seinem Glanz zu beschreiben, ist unzählige Male in Filmen gezeigt worden, die Motive sind immer die gleichen: Der Glamour, der Glanz, die üppigen Diners, die Galas, die Roben, die Tuxedos, das Blitzlichtgewitter. Die Oscars zeigen uns im Grunde Jahr für Jahr dieses Bild eines altehrwürdigen Zirkels von Managern, Künstlern, Filmregisseuren, Starlets, vereint in all ihren Klischees.

David Fincher versucht mit seiner neuen Netflix-Produktion "Mank" einen etwas anderen Zugang: Er schlüpft zwischen die Schichten, die Ebenen, die - erst einmal übereinander gelegt - diesen Glamour überhaupt erst möglich machen. Mit viel Enthusiasmus tat dies heuer schon die Serie "Hollywood", aber "Mank" pickt sich eine einzige Figur heraus, um anhand dieser ein Breitband-Panoptikum Hollywoods zu entfalten. Im Mittelpunkt steht der Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman), der im Jahr 1940 seinen größten Erfolg feierte: Von ihm stammt das Drehbuch zu Orson Welles’ Debütfilm "Citizen Kane", der vielen bis heute als der beste Spielfilm aller Zeiten galt, weil er mit innovativen gestalterischen Mitteln und ganz neuen dramaturgischen Impulsen arbeitete.

Schreiben im Suff

Welles, damals 25, holte den Routinier Mankiewicz, genannt Mank, um mit dessen Geschichte Hollywood in Aufruhr zu versetzen: Als Inspiration für die Hauptfigur diente der damalige Verleger-Zampano William Randolph Hearst (Charles Dance), der genau wie "Kane" im Film durch den Reichtum seiner Eltern groß wurde und am Ende ein Mix aus Despot und Liebessuchender ist. Manks Drehbuch entstand in der Abgeschiedenheit des Kaffs Victorville, wo er in nur 60 Tagen alles zu Papier brachte. Dass er dort ohne seinen geliebten Alkohol würde schreiben können, erweist sich schnell als Trugschluss. Bald lässt sich Mank Hochprozentiges bringen, ohne das er Hollywood nicht aushalten würde. Und am Ende des Schreibprozesses ist er der Meinung: "Das ist das beste Drehbuch, das ich je geschrieben habe!" Er verlangt eine Nennung als Autor im Abspann, was ursprünglich mit Welles nicht so vereinbart war - und gut war diese Eingebung: Der Drehbuch-Oscar ist der einzige, den "Citizen Kane" 1942 gewinnen konnte - und Mankiewicz auf diese Weise adelte. Natürlich auch Welles, der eher wenig dazu beitrug.

Was David Fincher an dieser Geschichte, entstanden nach einem Drehbuch seines Vaters Jack Fincher, noch mehr zu interessieren scheint als die durchaus tragische Geschichte des Trinkers und Drehbuch-Stars Mankiewicz, ist die Innensicht, die er auf den Bildschirm bringt: All die strategischen Besprechungen in den mit Rauchschwaden verhangenen Luxusbüros der Studiobosse, all das finanzielle Kalkül, das Hollywood schon in den 1930er Jahren perfektioniert hatte - und all die politischen Verwicklungen dieser Unterhaltungsindustrie, die bedeutend intensiver waren als gemeinhin bekannt.

Hinter den Kulissen

Man ist dabei, wenn David O. Selznick und Josef von Sternberg von einer Truppe von Autoren um Mank ein neuer Horror-Film gepitcht wird. Man ist dabei, wenn Louis B. Mayer (Arliss Howard), der gloriose Chef der MGM-Studios, seine Unternehmensregeln erklärt: Kunst, Emotion und der brüllende Löwe im Vorspann. Gleich danach wird er seine Belegschaft um Gehaltsverzicht bitten, denn die Zeit ist: Die große Depression, das wirtschaftliche Daniederliegen der USA in den 30er Jahren, und die Hoffnung auf Aufschwung; die Kinobranche ist damals so gebeutelt wie heute in Corona-Zeiten, Zuschauer sind weit und breit keine in Sicht.

Dabei ist die Depressions-Ära eigentlich ideal für Hollywood und seine Angebote des Eskapismus. "Die wahre Magie des Films ist: Der Käufer kauft nur eine Erinnerung, die Ware bleibt im Eigentum des Herstellers", wie es Mayer nüchtern formuliert.

"Mank" ist voll von solchen Schmankerln, der Film ist ein Leckerbissen für Hollywood-Aficionados. Alle anderen dürfen nebenher die Lebensdaten vieler Tinseltown-Protagonisten googlen. Zum Beispiel jene von Irving G. Thalberg (Ferdinand Kingsley), diesem mit nur 37 verstorbenen Produzenten-Wunderkind von MGM, der Filme wie "Menschen im Hotel" oder "Marx Brothers: A Day at the Races" produzierte. Oder die Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried), deren Karriere als Frau an der Seite des Milliardärs Hearst erst so richtig in Fahrt kam. Die Verquickungen Hollywoods mit der Politik illustriert Fincher anhand der damaligen kalifornischen Gouverneurswahl, wo der demokratische Herausforderer, den man gemeinhin als Sozialisten oder Kommunisten beschimpfte, dem republikanischen Amtsinhaber unterlag - eine Feierstunde für Louis B. Mayer und Co. Und die Bankrotterklärung aller damals in Hollywood wirkenden liberalen Kräfte - darunter auch Mankiewicz. Dem Milliardär Hearst wird hier übrigens politische Einflussnahme vorgeworfen: Er habe mit seinen Anrufen bei der Regierung ganze Politkabinette bestimmt, als würde es um die Besetzung eines Films gehen.

Eine Liebe zum Detail

Fincher verpackt in "Mank" dermaßen viele inszenatorische Details zur Geschichte, die man wie ein Detektiv freilegen kann. Zugleich zeichnet er ein durchaus nüchternes, wenig gefühlsbetontes und resignierendes Bild einer Traumfabrik, die Mühe hat, die fulminanten Kulissen der Fröhlichkeit aufrechtzuhalten.

Zugleich feiert "Mank" optisch das schwarzweiße Hollywood der 30er Jahre. Finchers Liebe zum Detail geht hier so weit, dass er in dieser digital gedrehten Produktion sogar die Überblendungszeichen beim Rollenwechsel einer Filmvorführung ins Material stanzt. Den meisten Spaß aber macht Gary Oldman in seiner Suff-Darstellung von Mankiewicz: Da ist er schamlos sarkastisch und immer mit seinem Finger auf den Wunden der fragilen Hollywood-Granden. Doch wer hört ihm ernsthaft zu, wenn er seine Tiraden schwingt? Er ist doch nur ein Drehbuchautor.