Erst im Vorjahr hat Jean-Luc Godard in einem Handyvideo zur Lage des Filmschaffens Stellung bezogen und in einem weiteren Video erklärte er seinen Zugang zum Filmemachen, das Ganze wird als "Master Class mit Jean-Luc Godard" kostenpflichtig vermarktet.

Das sind für diesen Herrn ganz neue Töne. Denn eigentlich lebt Jean-Luc Godard, der heute, Donnerstag, seinen 90. Geburtstag feiert, sehr zurückgezogen und nimmt kaum öffentlich zu irgendwas Stellung. Seit den 80er Jahren lebt Godard am Genfer See und meidet die Öffentlichkeit. Godard spricht alleine durch seine Filme, die er immer noch - auch im hohen Alter - in schöner Regelmäßigkeit auf die Welt loslässt.

Der Godard von heute ist keineswegs mit dem Godard von früher zu vergleichen. Überhaupt lässt sich dieser Ausnahmeregisseur gar nicht klassifizieren. Er ist Mitbegründer der Nouvelle Vague, soviel ist sicher. Schließlich hat sein Film "A bout de souffle" ("Außer Atem") 1960 diese Filmströmung überhaupt erst "erfunden". Aber festgelegt darauf hat er sich nie. Schnell erfand sich Godard immer wieder neu, seine Stile gingen neue Wege, er mixte dem Erzählkino jede Menge Avantgarde bei, bis am Ende nur mehr das Experimentelle zählte: Seine letzten Filme sind allesamt Bilderräusche, sie enthalten Botschaften, aber keine Handlung mehr. Sie sind Kinokunstwerke, keine Unterhaltung. Sie fordern heraus und sie strengen an.

Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris in eine protestantische bürgerliche Familie geboren, die in Frankreich und der Schweiz lebte. Nach dem Schulbesuch in Nyon im Schweizer Kanton Waadt ging er nach der Scheidung seiner Eltern zurück nach Paris, wo er Ende der 1940er-Jahre die Nouvelle-Vague-Mitbegründer François Truffaut, Jacques Rivette und Eric Rohmer kennenlernte. Zusammen mit ihnen rief er die kritische Filmzeitschrift "Cahiers du Cinema" ins Leben.

Aber Godard wollte nicht nur über Kino schreiben, er wollte auch Kino machen. Er legte mit linearen Erzählungen los: "Außer Atem" war eine Gangstergeschichte um eine junge Amerikanerin (Jean Seberg) und einen Herumtreiber (Jean-Paul Belmondo), sein Film "Die Verachtung" (1963) über einen Drehbuchautor mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli ergaben einen faszinierenden Einblick in die Welt des Kinos (mit einem wunderbaren Auftritt von Regie-Legende Fritz Lang, der sich darin selbst spielte).

Ab Mitte der 1960er-Jahre bricht Godard in Filmen wie "Weekend" und "Die Chinesin" immer häufiger die Erzählstrukturen auf. Seine Geschichten werden fragmentarischer, die Handlungsebenen verschwimmen zusehends. Seine Phase der totalen Abkehr von gängigen Gestaltungsformen läutete er mit "Die fröhliche Wissenschaft" ein.

In dem gestalterischen und gedanklichen Kinoexperiment treffen sich Emile Rousseau, ein Nachfahre des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, und die Tochter eines ermordeten kongolesischen Freiheitskämpfers. Sie diskutieren über die Unterdrückung der Gesellschaft und den Sinn von Bildern und Worten. Der Film wurde in der Zeit kurz vor den Studentenunruhen in Frankreich im Mai 1968 gedreht. Ab diesem Zeitpunkt bezeichnete Godard seine Filme auch nicht mehr als Filme, sondern als "Bilder und Töne". Er erklärte einmal: "Ein Film muss einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge". Und: "Das Kino zeigt immer, was alles auf der Welt passiert. Dabei sollte es lieber zeigen, was nicht passiert".

1990 greift Godard mit "Nouvelle Vague" und Alain Delon in der Hauptrolle nochmals Bezüge zu seinen filmischen Wurzeln auf. Danach werden seine Filme immer kollagenhafter und beinhalten Themen wie Krieg, Mord und Gesellschaftsfragen. Filme wie "Film socialisme" oder "Adieu au langage" verstehen sich mehr als Essays denn als Filme, und für seinen bislang letzten Film "Bildbuch" erhielt Godard 2018 eine Sonderpalme beim Filmfestival in Cannes. Abgeholt hat er sie sich allerdings nicht. Wegen eines schnöden Preises würde Godard seinen Sitz am Genfer See keinesfalls verlassen.