Lesbisch sein in Indiana, das kann schon mal dazu führen, dass gleich der ganze Abschlussball abgesagt wird. Weil die junge Emma (Jo Ellen Pellman) diesen Ball gerne mit ihrer Freundin besucht hätte, regt sich krasser Widerstand in der örtlichen Schulgemeinde. Wie kann es nur sein, dass "so etwas" möglich ist? Wo Indiana doch einen so rigiden, umfangreichen Wertekompass vertritt, dass dort für das Wort "Schwul" einfach der Platz nicht reicht.

Zur gleichen Zeit in New York: Am Broadway floppt ein Musical über Eleanor Roosevelt, und die Starbesetzung ist ratlos. Woran mag es denn gelegen haben? Doch wohl nicht an uns? Wahrscheinlich ist das Publikum einfach zu dumm für unsere Kunst!

Aber es fällt das Wort von der Überheblichkeit, das den anwesenden Musical-Darstellern die Röte ins Gesicht treibt. Man ist ganz offensichtlich zu selbstgefällig im eigenen Metier, hält sich für gottgleiche Geschöpfe, für Promis, die heller strahlen als die Sterne da draußen. Eine Hochnäsigkeit, die eben nicht gut ankommt, und so beschließt die Truppe von Schauspielern, mit einer "Aktion" das eigene Image aufzupolieren, weg von der Selbstsucht, hin zu aufopfernder Hingabe. Für die Musical-Stars Dee Dee Allen (Meryl Streep), Barry Glickman (James Corden) und Angie Dickinson (Nicole Kidman) gar keine leichte Aufgabe.

Selbstlos sein, für die Medien

Doch da kommt ihnen der Fall aus Indiana ganz recht - die Truppe beschließt, in dem Kaff einzufallen und dort für die Rechte der LGBTQ-Szene einzutreten, "obwohl ich gar nicht nachgelesen habe, wofür diese Abkürzung überhaupt steht", singt Dee Dee Allen. Medienwirksam wollen die Broadway-Stars so ihr Image verbessern, auf dass wieder mehr zahlende Gäste in ihre Theater kommen. Selbstlosigkeit sieht anders aus.

Das Netflix-Musical "The Prom" erzählt diese Story in glitzernden Bildern, illustriert aber auch das "Gefälle" zwischen den Superstars und den gewöhnlichen Leuten aus Indiana. Eine Kluft, die definitiv vorhanden ist - auch im echten Leben, wo immer mehr Stars wegen ihrer Abgehobenheit beim Publikum schlecht wegkommen, was zumeist nur sie selbst überrascht.

Ryan Murphy hat die Musical-Vorlage, die wiederum auf einem echten Diskriminierungsfall beruht, mit sicherer Hand umgesetzt, kombiniert die Sanges- und Tanzeinlagen mit akzentuiert gespielten Dialogen und pointierten Aussagen: "Wir sind keine Monster, wir sind kulturelles Störfeuer", bellt Dee Dee Allen in Richtung des örtlichen Schuldirektors (Keegan-Michael Key), der sich als ihr Fan outet, was der Grande Dame natürlich schmeichelt. Für diese Selbstverliebtheit gebührte Meryl Streep schon fast ein Oscar, vor allem als sie "It’s not about me" ("Es geht hier nicht um mich") darbietet, in dem es ausschließlich um sie geht.

Das Feuer erlischt bald

Streep, Kidman und Corden spielen zunächst in bester Musical-Manier auf, die Nummern haben Tempo und Charme, und doch hat das Thema schnell sein Feuer verloren; "The Prom" wird dann zu einer gut gemachten, aber zusehends uninteressant werdenden Nummernrevue, in der auch die Lieder mit ihren naiv-idealistischen Texten bald mehr nerven als unterhalten. Ein bisschen Eskapismus in Corona-Zeiten bietet das Spektakel allerdings schon, zumal die simple Message, dass am Ende nur die Liebe zählt, ohnedies gemeinhin als die Beschwörung eines Ideals verstanden wird, von dem die Menschheit weit entfernt ist. Daran ändert auch dieser Film nichts, daran wird auch der politische Umschwung in den USA zu Joe Biden nichts ändern.

Denn manchmal, auch das lehrt uns "The Prom", sind die Dinge eben, wie sie sind: In Indiana steckt grundsätzlich in jeder Limonade Alkohol, und weil die lesbische Liebe hier sogar zwischen Weiß und Schwarz passiert, ist das Grund genug, von den Eltern verstoßen zu werden. Zwei Tabubrüche auf einmal? Na warte!

Ryan Murphy, der mit "The Prom" die erste Spielfilm-Arbeit unter einem neuen, millionenschweren Deal bei Netflix abliefert, hatte sich zuvor um Serien wie "Hollywood", "Ratched" und "The Politician" gekümmert. Die von ihm ersonnene TV-Serie "Glee" und seine Affinität zu Musical und Gesang schlagen in "The Prom" voll durch. Und weil sich Streep, Kidman und Corden hier durchaus selbstironisch geben, verbreitet der Film die Hoffnung, dass manchmal auch die gute Sache im Vordergrund steht. Mehr als eine Hoffnung ist es aber nicht.