Die Nachricht schlug vergangene Woche ein wie eine Bombe: Das Hollywood-Studio Warner Bros. will seine Filme künftig zeitgleich in den Kinos sowie auf dem Online-Streamingdienst HBO Max veröffentlichen. Der Hintergrund dafür sind die seit Monaten geschlossenen US-Kinos und der Stau, der sich auf der Startliste des Studios ergeben hat: Ein Filmstau, der abgebaut werden will, zumal da tagtäglich Millionen an Einnahmen fehlen. Für die Kinobetreiber gleicht diese Nachricht einer Hiobsbotschaft, denn man geht davon aus, dass die Menschen eher bequem daheim am Sofa bleiben, um neue Filme zu streamen, anstatt sich aufzuraffen und in das örtliche Kino zu gehen. Vor allem in Zeiten der Pandemie, wo die Lust auf Ausgehen eher gering ist.

Eine Lösung für die Kinos scheint nicht in Sicht, aber immerhin: Der Vorstoß von Warner soll kein Dauerzustand werden, beteuert das Studio. Die Maßnahmen würden nur für das Jahr 2021 gelten, danach werde man wieder dem Kino den Vortritt lassen und zur klassischen Verwertungskette von Filmen zurückkehren. Überdies gelte die Maßnahme nur in den USA, wie bekräftigt wurde.

Tatsächlich ist auf Nachfrage beim österreichischen Warner-Büro zu erfahren, dass man weltweit am Kino festhalten wird und nur der Markt in den USA betroffen ist - eben vorübergehend. Für die österreichischen Kinofans bedeutet das auch: Mehrmals verschobene Filmstarts von potenziellen Blockbustern wie "Wonder Woman 1984" sollen hierzulande ganz normal im Kino laufen, sobald dies wieder möglich ist. Der Haken: Die österreichischen Kinostarts sind wegen des gemeinsamen Sprachraums eng an die deutschen geknüpft, und kommt dort jetzt wie erwartet ein strikter, längerer Lockdown, wird das auch auf die heimischen Kinos durchschlagen, die nach derzeitigem Stand mit 7. Jänner 2021 wieder öffnen dürften. In Deutschland erwartet man für den Fall eines Lockdowns allerdings durchaus eine länger andauernde Kinosperre - was letztlich sogar Filmfestivals wie die Berlinale treffen könnte, die Mitte Februar starten sollte. Inzwischen überlegen die Verantwortlichen dort eine Verschiebung des Festivals auf Ende April.

Der Fokus liegt auf Disney+

Dem Vorstoß von Warner folgte am Donnerstag auch der Disney-Konzern, zumindest in Teilen. Disney, zuletzt von Milliardenverlusten seiner Freizeitpark-Sparte geschwächt, setzt ab 2021 voll auf Streaming auf der hauseigenen Plattform Disney+. Dort sollen in den nächsten beiden Jahren jeweils zehn (!) neue Serien zu den Franchises "Star Wars" und "Marvel" veröffentlicht werden. Außerdem sind die Online-Premieren von 15 Kino- und 15 Zeichentrickfilmen fixiert. Bereits im Sommer hatte man mit der Veröffentlichung von "Mulan" auf Disney+ eine Pionierrolle übernommen. Für "Mulan" waren jedoch rund 30 Dollar zusätzlich zum Abo fällig, ob das Modell ein Erfolg war, wurde von Disney bis dato noch nicht kommentiert. Fakt ist nun: Auch der Micky-Maus-Konzern unternimmt die Umgehung der Kinos zur Rettung der eigenen Umsätze. Nach Ankündigung der Serienoffensive bedankten sich die Anleger mit einem satten Börsenplus von 2,5 Prozent.

Harsche Kritik

Und die Branche? Es dauerte nicht lange, da regte sich massiver Widerstand gegen die neue Warner-Strategie in den USA: Christopher Nolan ("Tenet"), der fast alle seine Filme bei Warner gedreht hat, war unter den Ersten: "Einige der größten Filmemacher und wichtigsten Filmstars gingen nachts im Glauben ins Bett, für das großartigste Filmstudio der Welt zu arbeiten - und wachten am nächsten Tag auf, um herauszufinden, dass sie für den schlimmsten Streaming-Anbieter arbeiten", so Nolan. HBO Max, der hierzulande vorerst nicht verfügbar sein wird, wurde erst im Mai 2020 als Tochterfirma des TV-Giganten HBO aus der Taufe gehoben, die Firmen befinden sich im Besitz von WarnerMedia. Hatte HBO Max im November noch rund 8,6 Millionen Abonnenten, stiegen die Anmeldungen für das Portal nach der Warner-Ankündigung letzte Woche sprunghaft an. Derzeit hält man bei 12 Millionen Aktivierungen - das ist zwar noch weit entfernt von den 190 Millionen Netflix-Usern (und den inzwischen 87 Millionen Disney+-Kunden), jedoch sind solche Zuwachsraten enorm. Für HBO-Max-Chef John Stankey ist der gleichzeitige Filmstart in Kinos und Online jedenfalls ein "Modell mit Zukunft. Man kann nicht alle Filmstarts auf 2021 und 2022 verschieben", wird Stankey zitiert. Der Markt werde davon "diktiert, was die Konsumenten wollen". Ein Versprechen, zum Kino als exklusiven Ort der Erstauswertung eines Films zurückzukehren, so wie Warner das abgegeben hat, hört sich freilich anders an. Es dürfte in der Branche jedenfalls kein Stein auf dem anderen bleiben.

Warner-Filme wie "Dune", "Matrix 4", "Godzilla vs. Kong" oder "The Conjuring 3" werden 2021 diese Gleichzeitigkeit von Leinwand und Stream erleben. "Dune"-Regisseur Denis Villeneuve zeigte sich von Warner enttäuscht, und die Produktionsfirma Legendary Pictures, die "Dune" und "Godzilla vs. Kong" mitproduziert hat, erwägt gar rechtliche Schritte gegen Warner; man will auf dem exklusiven Kinostart beharren. Rechtsstreitigkeiten könnten schließlich dazu führen, dass betroffene Filme gar nicht erscheinen können - und zwar zum Schaden aller Beteiligter.

Wie auch immer die Geschichte ausgeht: Am Ende wird tatsächlich der Konsument entscheiden, was er wo sehen will. Falls man ihm die Wahlmöglichkeit lässt.