Das Weltall und ferne Planeten, sie könnten die Rettung für die Menschheit bedeuten, eines Tages, wenn die Erde unbewohnbar geworden ist, weil dort Umweltkatastrophen, Seuchen und Viren wüten. Diese Fantasie geistert durch die Sci-Fi-Literatur, seit es sie gibt. Und George Clooney heizt sie nun in seiner neuen Regiearbeit, in der er auch die Hauptrolle spielt, kräftig an: Der von Netflix produzierte Film basiert auf dem Roman "Good Morning, Midnight" von Lily Brooks-Dalton und erzählt die Geschichte einer Postapokalypse.

Das Jahr 2049 ist hier das Ende der Menschheit, denn auf der Erde tobt eine globale Umweltkatastrophe, die uns alle ausrottet. Mit wenigen Ausnahmen, denn der krebskranke Weltraumforscher Augustine Lofthouse (Clooney) verschanzt sich in seinem Häuschen am Nordpol, wo er via Teleskop das ganze All betrachten kann und die Naturkatastrophe vorerst noch nicht eingetroffen ist. Auf der Station zurückgeblieben ist auch die kleine Iris (Caoilinn Springall), die sich vor der Abreise der anderen verschanzt hatte. Die Annäherung zwischen Augustine und Iris ist schweig- und langsam, erst über einer Erbsenschlacht beim Mittagstisch kommt man einander näher.

Schwanger im All

Gleichzeitig erzählt "The Midnight Sky" auch von der Mission eines Raumschiffs, dessen Crew tief ins All vorgedrungen ist, wo noch nie zuvor ein Mensc . . . man kennt das. Tatsächlich wurde ein erdähnlicher Planet entdeckt, und nun tritt die Crew die Rückreise an - nicht ahnend jedoch, dass inzwischen auf der Erde der Untergang stattfindet. Mit an Bord des ultramodern gestylten Raumschiffs, das in futuristischer Romantik von der Zukunft im All erzählt, ist eine schwangere Astronautin (Felicity Jones), die auch den Kindsvater (David Oyelowo) mit dabei hat. Die Rückkehr zur Erde wird schwierig, man fliegt durch unentdecktes All. Auf der Erde antwortet niemand mehr auf die Funksprüche, weil keiner mehr antworten kann. Das weiß da oben aber niemand.

Nur noch Augustine hält die Stellung. Dieser mit allem fremdelnde Einsiedler, gefangen in Krankheit und den Erinnerungen an eine dereinst zerbrochene Beziehung, spielt hier in einem Film über die Einsamkeit, ganz ruhig und besonnen, aber ermahnt von der Bedrohung der Zeit. Oben im All spiegeln sich das Heimweh und die Sehnsucht nach Zuhause in den Hologrammräumen wider, wo die Crew inmitten videoanimierter Erinnerungen an ihre Familien bei Laune gehalten werden muss, um nicht völlig durchzudrehen. Dieser ruhige Fluss von einem Film wird aber jäh beendet, denn ein bisschen Raumschiff Enterprise ist da schon dabei: Zuerst muss Augustine raus in den Schnee, weil das Teleskop zu klein ist. Weiter nördlich ist ein größeres - er packt Iris, und ab geht die Odyssee im Schnee.

Rückkehr in den Untergang

Zugleich gibt es oben im All einen Meteoritenhagel, der viel am Raumschiff zerstört und zwecks Reparatur einen Weltraumausgang der Crew nötig macht. Dazwischen existiert sogar schon kurz ein Funkkontakt zwischen Erde und All. "Wissen Sie irgendetwas darüber, was auf der Erde vor sich geht", fragt Augustine. Die Crew da oben hat keine Ahnung, und es wird eine schwere Entscheidung werden, wohin ihre Reise geht.

"The Midnight Sky" ist stoisches, manchmal philosophisches Weltraumkino, das bald zur rasanten Rallye wird, mit Schneegestöber und Not-OP im All. Clooney bringt den Arche-Noah-Gedanken ebenso unter wie die Genese der Menschheit und ihren Untergang. Das alles ist ein großes Vorhaben, denn fundamentale Themen und ihre filmische Umsetzung sind häufig der Grund, weshalb Regisseure an ihnen scheitern. Zuviel sollte man sich jedenfalls nicht vornehmen, und gerade diese Netflix-Produktion tut das, auch in Hinblick auf ihre mehrheitliche Rezeption im Laptop-Format.

Clooney spielt in seinen Szenen vor allem mit Leid und Schicksal, und trotz Vollbart lassen sich Gefühle ausmachen. Im All oben geht es visuell zeitweise so elegant und actionreich zu wie in "Interstellar" oder "Gravity", zwei Filmen, deren Einfluss man hier deutlich sieht. Was man aber auch sieht, und das gibt dem Film zumindest den Anstrich einer Relevanz: wie sehr man in sich selbst wohnt, wie sehr die Heimat einem innewohnt. Und wie sehr die Erinnerung das eigentliche Zuhause jedes Menschen ist.