Sie alle verfolgen das gleiche Ziel: Balletttänzer zu werden. Es ist ihre Berufung. "Das Tanzen, die Musik, die Kostüme, die Kulissen. Ich kann ohne dem nicht leben", sagt eine junge Studentin. Ein Engagement im New York City Ballet zu bekommen, wäre dann noch das Schlagobershäubchen obendrauf. Pardon, Schlagobers gibt es für die angehenden Tänzer natürlich nicht. Demnach: Ein Job wäre das i-Tüpfelchen. Bis dahin ist es aber ein sehr, sehr weiter Weg - ohne Garantien. Nur hartes Training kann das vorhandene Potenzial hervorbringen. Da sind sich die Balletttrainer in der School of American Ballet (SAB) in New York City einig.

Es ist ein seltener Blick hinter die Kulissen einer der weltweit renommiertesten Ballettschulen, den Disney Plus seinen Abonnenten ermöglicht: "On Pointe" heißt die sechsteilige Dokumentation, die seit Freitag, 18. Dezember, zum Stream angeboten wird.

Alltag zwischen 8 und 18 Jahren

Proben auch für die Jüngsten, denn die "Nussknacker"-Vorstellung rückt immer näher. - © Disney Plus
Proben auch für die Jüngsten, denn die "Nussknacker"-Vorstellung rückt immer näher. - © Disney Plus

Nun, Ballettfilme und -dokus gibt es unzählige, aber sehr wenige spiegeln die Realität wider, sondern bringen vielmehr, was der Zuschauer sehen will: vor allem Klischees wie Intrigen sowie Selbstzweifel und dazu ein paar mehr oder weniger professionelle Tanzszenen, die meist in Form von Wettbewerben, oftmals gegen Streetdancer, gezeigt werden. Effektvoll, aber Show. "On Pointe" hingegen, ist eine der wenigen Dokus, die den Alltag und auch die Entbehrungen der Familien zwar Disney-verpackt freundlich, aber dennoch zeigt. Um der Doku auch eine inhaltliche Spannung zuschreiben zu können, begleitete Regisseurin Larissa Bills (Produzenten: Brian Grazer, Ron Howard, Sara Bernstein und Justin Wilkes) das Leben von Schülern im Alter zwischen 8 und 18 Jahren bei den Proben und der Inszenierung zum Weihnachtsklassiker des New York City Balletts "Der Nussknacker" in der Choreografie von George Balanchine. Er war es übrigens auch, der die School of American Ballet 1934 gründete. Balanchine (1904-1983) entwickelte eine eigene Tanztechnik im neoklassischen Stil, die zwar auf Ballett basierend, aber eine besondere Schnelligkeit und Leichtigkeit der Beine voraussetzt, sowie die Armpositionen der Dynamik der Beine und der Bewegungen im Raum im Allgemeinen anpasst. Um diesen Stil auf die Bühne zu bringen, brauchte der Perfektionist Balanchine eine Ausbildungsstätte. Leider wird diese Besonderheit in der Doku nur am Rand erwähnt, eine Vertiefung des Themas wäre wahrscheinlich zu fachspezifisch und einfach nicht mehr Disney-konform. Auch die verbreiteten Essstörungen und Verletzungen werden in den ersten drei Teilen, die für Journalisten vorab zur Verfügung gestellt wurden, nicht thematisiert.

Besonders authentisch

Dennoch ist "One Pointe" gerade für tanzinteressierte Kinder ein Einblick in die Welt, die sie erwarten wird. Denn bemerkenswert an dieser Doku ist, wie die Interviewten selbstsicher ihre Ziele und Zweifel preisgeben, offen darüber reden, wie schwer es ist, "sich jeden Tag aufs Neue zu pushen, auch wenn einem gar nicht danach ist". Disziplin und 100-prozentige Konzentration braucht es täglich, sagt daraufhin einer der Lehrer. Es sind zwar Phrasen, die man schon mehrmals in anderen Filmen und Dokus gesehen und gehört hat, die aber hier besonders authentisch wirken. Wie auch der Umgang mit Erfolg und Misserfolg: Der schon im Kindesalter beginnende Konkurrenzkampf wird anhand eines Castings für den "Nussknacker" dem Zuseher verdeutlicht: Allein oder in kleinen Gruppen müssen die jungen Tänzer einer Choreografie folgen. Lehrer entscheiden dann, ob man seinen Lebenstraum auf der Bühne tanzen wird oder nicht. Freude und Enttäuschung liegen hier eng beieinander - wie auch in der weiteren Ballettkarriere, sofern man sie erleben darf.