Was würde Jesus heute predigen? Diese Frage stellt Milo Rau in seinem Doku-Spielfilm "Das neue Evangelium". Der Schweizer Theatermacher sieht sich in seiner künstlerischen Arbeit als Advokat für die Elenden und Erniedrigten dieser Welt. Folgerichtig wird Jesus in seiner Re-Lektüre der Passionsgeschichte zu einem Sozialrevolutionär, verkörpert vom schwarzen Politaktivisten Yvan Sagnet, der in Süditalien tatsächlich den Widerstand gegen die Ausbeutung der Erntehelfer anführt. Die Missstände erinnern an die Frühzeit der Industrialisierung. Die Jünger sind in "Das neue Evangelium" afrikanische Migranten, die Sklaven des 21. Jahrhunderts.

Mit den Mitteln eines Making-of gelingt es Regisseur Rau, die Situation der Flüchtlinge mit zentralen Stationen des Kreuzwegs passgenau zu verknüpfen. Auf eine Szene mit historisch-biblischen Kostümen, gefilmt vor der pittoresken Kulisse der süditalienischen Stadt Matera, in der etwa Pasolini und Mel Gibson ihre Passionsfilme drehten, folgt verlässlich eine Aufnahme aus einem nahe gelegenen Flüchtlingslager. Ein packender Film mit politischem Zündstoff.