Bei Disney und Pixar hat man immer schon gerne hinter die Fassaden geschaut und dabei Faszinierendes entdeckt: In "Coco" (2017) hat Held Miguel die Möglichkeit, ins Reich der Toten zu reisen und Verstorbene zu treffen. In "Alles steht Kopf" (2015) unternimmt Pete Docter einen Blick in die Emotionswelt der kleinen Riley und lässt ihre Gefühle Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel zu Filmfiguren werden. Im neuen Film "Soul", den ebenfalls Pete Docter inszeniert hat, geht man noch einen Schritt weiter als bei "Coco" und "Alles steht Kopf": Nichts weniger als die menschliche Seele und die Persönlichkeit sind hier Untersuchungsgegenstand. Aber freilich sind Disney-Pixar-Produktionen niemals didaktisch, also keine Angst: Unterricht gibt es hier keinen. Dafür ein bisschen Philosophie rund um den Sinn des Lebens. Anspruch und Unterhaltung, das haben Pixar und Disney inzwischen mehrfach bewiesen, schließen einander nicht aus.

"Soul", mangels geöffneter Kinos ab 25. Dezember auf Disney+ zu sehen, erzählt eine herzerwärmende Geschichte um einen Jazzmusiker und eine widerspenstige verlorene Seele. Joe Gardner (im Original von Jamie Foxx gesprochen) liebt nichts mehr als den Jazz, doch anstatt auf den Bühnen der Clubs zu stehen, verdingt er sich als Musiklehrer in New York. Als er eine Fixanstellung an der Schule erhält, frohlockt zwar seine gestrenge Mutter, eine Schneiderin, doch für Joe sieht das Engagement eher aus wie eine Sackgasse, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Einmal Lehrer, immer Lehrer.

Doch just am gleichen Tag erhält Joe die Chance, der berühmten Jazzmusikerin Dorothea Williams am Klavier vorzuspielen - und der Funke springt über: Noch am selben Abend soll er in ihrem Club die erste Show an ihrer Seite spielen. Joe kann sein Glück nicht fassen; ein Anzug muss her, und alles muss jetzt schnell gehen - zu schnell, wie sich herausstellt. Denn weil Joe vor Freude weder links noch rechts schaut, fällt er durch seine Unachtsamkeit in einen offenen Kanalschacht.

Rolltreppe ins Jenseits

In einer anderen Dimension angekommen (das Wort Tod wird hier vorerst ausgespart), findet sich Joe auf einer Rolltreppe in gleißendes Licht wieder, mit ihm tausende andere Seelen, die gerade verstorben sind. Doch Joe wehrt sich gegen sein Schicksal und läuft die Treppe wieder zurück. "Ich will da nicht hin, ich habe doch ein Konzert am Abend!"

Die Endlichkeit missachtend, landet er schließlich in der Zwischenwelt "The Great Before", wo Verstorbene dafür eingesetzt werden, noch ungeborenen Seelen eine Leidenschaft anzueignen. Alle hier sehen aus wie weiße Marshmallows (was einfach zu animieren gewesen sein muss), und Joe soll als Instruktor der widerspenstigen Seele 22 (launig: Tina Fey) endlich den letzten Schliff verpassen. 22 weigert sich nämlich, fertig zu werden und als Kind auf die Erde zu gehen. Und zwar schon lange: Auch Abraham Lincoln, Albert Einstein oder Mutter Teresa gehörten nach ihrem Ableben schon zu ihren Betreuern in diesem "You Seminar" getauften Prozedere - und alle sind an 22 gescheitert. Das kleine Seelchen pfeift nämlich auf Anstand und findet das Leben langweilig.

Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Joe und 22 landen zurück auf der Erde, nur mit dem Problem, dass 22 in Joes irdischen Körper gelangt und die Seele von Joe in den Körper einer fetten Katze. Von da an beginnt "Soul", rasant zu werden - und auch die Ideen der Macher sprudeln wie verrückt und versüßen einem die detailverliebte Umsetzung der Geschichte.

Die putzigen weißen Babyseelen, die zu tausenden in die Erden-Kinder hüpfen, sind dabei ebenso einfallsreich umgesetzt, wie die Aufseherinnen im Seelenland, die allesamt aussehen, als hätte Kandinsky sie entworfen. Wenn eine Seele sich zu sehr in die eigene Befindlichkeit hineinsteigert, dann landet sie in "The Zone", einem Ort zwischen spiritueller und physischer Welt. Als schwarze "Lost Souls" laufen die dann wütend umher, die meisten von ihnen waren einmal Hedgefonds-Manager.

Philosophicum mit Charme

Zwischen all den Einfällen gelingt es "Soul" auch, einerseits über die Leidenschaft für Musik, andererseits durch einige vortreffliche Gedankenexperimente zu einem Philosophicum zu werden; Pixar hebt damit einmal mehr deutlich das Niveau des Animationsfilm-Genres, in dem nicht immer nur alles voller platter Gags sein muss. Zu den schönsten Momenten gehören hierbei die Szenen, in denen die Mensch gewordene Seele 22 entdeckt, wie das Leben riecht und schmeckt (anhand einer Salami-Pizza). Oder auch die Sequenz, in der Joe bei seinem Stammfriseur einmal nicht nur über seine Musik labert.

"Soul" wird dann auch rührend, weil hier die Ansage lautet: Folge deinen Träumen, dann bekommst du auch eine zweite Chance. Aber, und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses fulminanten Animations-Meisterstücks: Sei kein Hans-Guck-in-die-Luft und schau bitte auf die Straße!