Es ist der Moment im Leben werdender Eltern, der am allermeisten mit den denkbar gegensätzlichsten Emotionen aufgeladen ist: die Geburt. Hier changiert man zwischen der Glückseligkeit, ein neues Leben zu empfangen, und der panischen Angst, es könnte dabei doch einiges schieflaufen. Hier ist jeder Herzschlag doppelt intensiv, jede Wehe und jeder neue Anlauf von dieser Glücksangst überzogen; ein Ausnahmezustand der Gefühlswelt, wie es ihn nirgendwo sonst gibt.

Martha (Vanessa Kirby) und ihr Mann Sean (Shia LaBeouf) stehen unmittelbar vor diesem großen Ereignis. Martha ist hochschwanger, sie hat sich für eine Hausgeburt entschieden. Die beiden leben in einem Haus in der Vorstadt, alles wirkt harmonisch, man ist gut vorbereitet, die Beziehung ist intakt, Sean kümmert sich um Martha und ihre Bedürfnisse. Als die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, kommt Nervosität auf; die bestellte Hebamme ist nicht verfügbar, aber Ersatz ist unterwegs. Sean reagiert angespannt, aber vorbildlich: Er lässt seiner Frau ein Bad ein, beruhigt sie, alles wird gut.

Ohne Schnitt

Die Hebamme Eva (Molly Parker) trifft ein, das entspannt alle Beteiligten erst einmal. Sie gibt Martha Anweisungen, misst die Herztöne des ungeborenen Kindes, es schleicht sich eine seltsame Stille ein in dem gerade noch wuselnden Chaos. Eva misst wieder, weist Sean an, im Krankenhaus anzurufen. Zu diesem Zeitpunkt hat man dieser Hausgeburt schon 20 lange Minuten gefesselt beigewohnt, ist von der Intensität der Szene überwältigt und beinahe atemlos. Ihr unglaublich dramatisches Ende erahnt man, als Eva wieder und wieder die Herztöne messen will, aber nichts mehr zu messen ist. Das Kind kommt zur Welt. Und dann ist da Stille.

Martha und Sean schlittern in das Trauma ihres Lebens. Nichts kann ihnen helfen, in der Stunde unendlicher Trauer die Gräben zuzuschütten, die sich zwischen ihnen auftun. Anstatt sich im Schmerz anzunähern, liegen ihre Herzen plötzlich kilometerweit auseinander. Die Schuldfrage steht im Raum, Marthas Mutter (Ellen Burstyn) wettert gegen den Ehemann, eine zynische Anwältin verschärft die Situation, eine Klage gegen die Hebamme wird vorbereitet.

"Pieces of a Woman", das englischsprachige Debüt des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruzcó, hinterlässt gewaltige Gefühlsregungen: Die in nur einer Einstellung ganz virtuos gefilmte Eröffnungsszene ist ein fast halbstündiger emotionaler Kraftakt und intensives Kino, wie man es lange nicht gesehen hat. Man ist danach in seinen Sitz gepresst, ähnlich devastiert wie die Figuren auf der Leinwand. Mundruzcó und seine Drehbuchautorin Kata Wéber vollführen das Kunststück, nahtlos von Freude, Schmerz, Hoffnung zu Zuversicht, Angst, Aussichtslosigkeit und Leere zu gelangen, all das mit einer Dichte und Nähe zu erzählen, in der sich LaBeouf und Kirby ihrem Schwall an Gefühlen völlig ergeben können. Die Leere und die Stille läuten dann den eigentlichen Film ein, der sich um die Aufarbeitung von Trauer dreht, aber in keinem Moment mehr so fesselt wie an diesem Beginn.

Kirby ist oscarverdächtig

Dennoch ist man bei "Pieces of a Woman" Zeuge einer cineastischen und darstellerischen Großtat. Benjamin Loebs Kamera umkreist die Protagonisten mit Mut zu großer Nähe und spürt den Rhythmus dieses Films. Shia LaBeouf gibt eine feine Darstellung an der Bruchlinie zwischen Verzweiflung und Wut. Vanessa Kirby, bisher bekannt als junge Prinzessin Margaret in der Serie "The Crown", verleiht ihrer Martha eine Zerbrechlichkeit, hinter deren Fassade sie nicht blicken lässt. So bleibt ihre Gefühlswelt, in die man zu Beginn so unmittelbar eingetaucht ist, in der Trauerarbeit eher verschlossen. Dennoch schafft sie es mit ihrem nuancierten Spiel, das Publikum daran teilhaben zu lassen. Kirby erhielt für die Rolle den Schauspieler-Preis beim Filmfestival von Venedig, wo "Pieces of a Woman" im September Premiere feierte. Sie wird wohl auch bei der kommenden Oscar-Verleihung als beste Schauspielerin berücksichtigt werden.

Auch, wenn nach dieser famosen Eröffnungsszene der Fortgang von "Pieces of a Woman" nie mehr emotional annähernd so in Fahrt kommt und viele der Wendungen den gängigen Mustern aus thematisch ähnlichen Sujets entsprechen, ist Mundruzcós Anspruch doch gänzlich erfüllt: Er schafft, woran viele seiner Kollegen scheitern - Kino, das einen wegreißt und mitnimmt und dafür nur zwei Personen braucht. Zwei Personen, durch die wir in die Hölle des Lebens blicken können.