Es ist eine der intensivsten Filmszenen der letzten Jahre: Die beinahe halbstündige, ohne einen einzigen Schnitt auskommende Eröffnungsszene zu "Pieces of a Woman" (neu auf Netflix), in der das junge Paar Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) sich auf die Hausgeburt ihres ersten Kindes vorbereitet. Zunächst scheint alles normal, doch es gibt bald Komplikationen. Die Hebamme lässt die Rettung rufen, doch die kommt zu spät. Es wird ein ungeheurer Schicksalsschlag für das Paar, das nun in einer quälenden Trauerarbeit auch die Schuldfrage stellt.

"Pieces of a Woman" reüssierte beim Filmfestival von Venedig im September, wo man Vanessa Kirby den Darstellerpreis überreichte. Ihre Performance gehört zu den Höhepunkten des Filmjahres und dürfte ihr auch eine Oscarnominierung einbringen. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó ("Underdog"), bisher eher im Arthaus-Kino daheim, legt mit dem Drama sein englischsprachiges Filmdebüt vor. Im Interview in Venedig ließ er - trotz Sicherheitsabstand und Masken - tief blicken, was die Motivation für diesen Film angeht.

Weltpremiere mit Corona-Sicherheitsabstand: Regisseur Kornél Mundruczó und sein Star Vanessa Kirby in Venedig. - © K. Sartena
Weltpremiere mit Corona-Sicherheitsabstand: Regisseur Kornél Mundruczó und sein Star Vanessa Kirby in Venedig. - © K. Sartena

"Wiener Zeitung": Mit knapp 25 Minuten Länge zeigen Sie in "Pieces of a Woman" eine Eröffnungsszene, die emotional intensiver nicht sein könnte - und das alles in einer Einstellung, ganz ohne Schnitt.

Kornél Mundruczó: Ich wollte, dass die Zuschauer so nah an Martha und ihrem Schicksal dran sind wie möglich. Wie kann ich diese große Nähe herstellen? Wie kann ich ihre Erlebnisse mit dem Publikum so intensiv wie möglich teilen? Und wie kann ich meine Erfahrungen als Vater da mit einfließen lassen? Das waren die Grundfragen am Anfang dieses Projekts. Es ging mir dabei um einen sehr physischen Zugang zu der Szene, und zugleich wollte ich zeigen, wie wir die Kontrolle verlieren können in unserem Leben, und dass es dafür gar nicht viel braucht.

Das Konzept der Unmittelbarkeit lebt von einer großen Verdichtung.

Sie haben recht, die Szene ist sehr komprimiert. Ihnen mögen die 25 Minuten auf eine Weise qualvoll vorgekommen sein, aber im echten Leben dauern Geburten auch mal acht oder zehn oder 24 Stunden. Das also zu einer solchen Essenz zu verdichten, war mein Ziel.

War es auch das Ziel, hier gänzlich ohne Schnitt auszukommen?

Ja. Ich wollte eine Art Dancefloor für die Schauspieler kreieren, wo sie sich selbst durch alle Phasen dieser Geburt bewegen konnten. Wo sie die Emotionen ausleben und ausdrücken konnten, so wie sie sie gerade empfinden. Das war auch logistisch eine ganz schöne Herausforderung, diese Szene so ganz ohne Schnitt hinzubekommen, und am Ende waren wir künstlerisch alle sehr glücklich damit.

Sie erwähnten, dass das ein sehr persönlicher Film ist. Inwiefern? Wie viel von der Erfahrung dieses ungeheuren Verlusts kennen Sie selbst?

Meine Erfahrungen sind sehr nahe an denen, die mein Film-Paar macht, wobei ich sagen muss, dass ich keine Totgeburt miterleben musste. Aber ich kann die Gefühle teilen, die man erlebt, wenn man von einem ungeborenen Baby Abschied nehmen muss. In meinem Fall war es nicht so drastisch und zugespitzt, wie ich das im Film erzähle. Und nicht jedes Detail meiner Geschichte hat es in den Film geschafft. Aber was ich herausgefunden habe, ist: Die Geburt und der Tod sind einander näher, als wir denken. Das ist Teil unserer Humanität. Jeder wird geboren und jeder wird sterben. In unserer Gesellschaft hat sich zu diesem Thema ein Tabu entwickelt, das wir nicht zu brechen imstande sind.

Woran liegt das?

An Verdrängung. Der animalische Akt der Geburt wird zusehends aus unseren Augen verdrängt. Die Geburt soll heute möglichst steril, schmerzfrei und mit einem sauberen Schnitt erfolgen. Niemand soll leiden. Herausschneiden, kein stundenlanges Prozedere, man fühlt sich gut und schmerzfrei und darf bald nach Hause. Und dann kommt die große Depression, verstehen Sie?

Die technischer werdende Geburt nimmt uns als Menschen auch etwas weg: Im Film zeigen Sie, wie wir in dieser Situation zurückgeworfen werden können auf die ganz grundsätzlichen Dinge des Lebens.

Ich stimme Ihnen zu. Aber ich bin, genau wie Sie, bei dem ganzen Akt der eher unnötige Teil. Also nicht ganz unnötig, denn ein Kind muss gezeugt werden, aber die Geburt liegt in der Hand der Frau, und es passiert nicht selten, dass man ihr das Recht auf den eigenen Körper verwehrt, weil es eben gewisse technische Möglichkeiten gibt.

Nach dem Tod des Kindes gibt es verschiedene Inputs vonseiten der Familie, das betrifft Begräbnis, Anklage gegen die Hebamme, und auch das Weiterleben. Das geht alles so verdammt schnell.

Ja, denn alle um das Paar herum wollen die Situation bewerkstelligen, damit "fertig werden". Jeder hat eine andere Perspektive auf die Ereignisse, alle wollen, dass man "endlich weiterlebt". Aber eine Mutter, die das erlebt hat, will nicht "weiterleben". Denn auch, wenn ihr Kind gestorben ist bei der Geburt, ist es immer noch ihr Kind. Sie fühlt sich als jemand, der sich selbst betrügt, wenn man einfach so täte, als wäre nichts passiert. Da gibt es sehr viele Widersprüche, wie man damit umgeht. Martha ist äußerlich so gefühlskalt, wenn es um das Leben danach geht, aber zugleich hat sie ein so reiches Innenleben, dass einem eiskalt wird. Das wollten wir in diese Figur verpacken, und das war schwierig. Unter der Oberfläche zu bleiben und dort zu brodeln. Vanessa Kirby hat das famos interpretiert, finde ich.

Wie sind Sie auf Vanessa Kirby aufmerksam geworden?

Ich war ein Fan der Serie "The Crown" und ihrer Darstellung von Prinzessin Margaret. Sie fühlte sich wie eine richtige, frische Wahl an. Ich finde, dass sie die Aura einer europäischen Ikone mit sich bringt, wie eine Deneuve, eine Schygulla, eine Cardinale. Das ist genau sie. Das liebe ich, dieses Klassische. Und genau danach habe ich gesucht. Als ich das Projekt begann, hatte ich ganz oft zwei Maler im Kopf, der eine war Lucian Freud und der andere war Balthus. Beide sind sehr klassische Maler. Ich wollte, dass die Hauptfigur hier diesen klassischen Typ repräsentierte, und Vanessas Körpersprache und ihr Innenleben passen hier perfekt zu der Figur, die sie spielt.

Kirby kann ihr Innenleben in der Rolle in nur einem Gesichtsausdruck spüren lassen.

Ja, das dachte ich auch, als ich sie das erste Mal traf. Der Film ist ihre erste Hauptrolle und er ist mein erster englischsprachiger Film. Wir sind also quasi Erstlingsfilmer, obwohl wir beide eine reiche Geschichte haben. Für sie gab es bisher das Fernsehen, für mich ungarische Arthausfilme.

Wie passt Shia LaBeouf da hinein?

Das ist Teil des Konzepts: Er passt eben nicht rein, er ist wie ein Außenseiter in dem Film, in dieser Familie. Shia war so begeistert von diesem Film und dieser Idee, ihn dafür zu besetzen, weil er genau so eine Herausforderung suchte. Beide Schauspieler sollten im Zusammenspiel zeigen, wie Martha aus dieser Trauer einen Frieden für sich selbst machen konnte. Und das war ein gewaltiger Prozess.