"Fuuuuck!" Wer so von Nicolas Cage begrüßt wird, fühlt sich an dessen derbste Filmauftritte erinnert, jedoch: Der Schauspieler steht in der neuen Netflix-Serie "Geschichte der Schimpfwörter" als gut gekleideter Host im Kaminzimmer und darf dort trotzdem nach Herzenslust fluchen. Die sechsteilige Serie, die dank Netflix bei der Verwendung von Schimpfwörtern nicht mit Piepston überlagert werden muss, weil die Streamingportale für sich andere Kriterien anlegen als das US-TV oder die Kinoketten, spürt den Ursprüngen der primitiven Sprache nach - allerdings freilich nur der englischen, denn wienerische Begriffe wie "Dreckschwoib’n", "Schneebrunza" oder "Müchg’sicht" finden sich in der nach Einfachheit strebenden englischen Sprache nämlich eher nicht. Zumindest nicht in diesem wunderbaren Wohlklang. Dafür geht es viel um die Kernwörter des vorwiegend US-amerikanisch geprägten Idioms, als da wären: "Fuck", "Shit", "Bitch", "Dick", "Pussy" und "Damn". Jedem dieser sechs Begriffe ist eine Folge gewidmet.

Diese Worte sind so verpönt, dass die Apple-Rechtschreibkontrolle beim Schreiben eingreift. Push statt Pussy. Kann der doch nicht so gemeint haben.

"Fuck Head" und "Shit Ass"

Ein Fund aus dem Netz: Das "Deutsche Schimpfwörterbuch" (1839). - © Google Books
Ein Fund aus dem Netz: Das "Deutsche Schimpfwörterbuch" (1839). - © Google Books

Die Folgen sind dramaturgisch so aufgebaut wie die klassischen Samstagsabend-Chartshows à la "Die 99 besten 90er Jahre Hits": Hier treten mal mehr, mal weniger Prominente vor die Kamera, die ihre paar Sätzchen zum jeweiligen Schimpfwort zum Besten geben - und eben dieses Schimpfwort in all seiner Herrlichkeit so oft es geht in den Mund nehmen: "Fuck", "Fuckhead", "Fuckin’ Bastard", "Assfuck". Oder: "Shit", "Shit Ass", "Dope Shit", "Damn Shit". Und so fort. Es kommen Sprachwissenschafter ebenso zu Wort wie Schauspieler und Showtalente. Fachleute wie Mireille Miller-Young erläutern zum Beispiel, wieso man als Mann lieber nicht "Bitch" zu einer Frau sagt, eine Frau das aber schon darf. Die Linguistin Anne H. Charity Dudley erklärt die Wortstämme und Herkünfte von "Shit", "Fuck" und "Damn", und Schauspieler Isaiah Whitlock Jr. versucht sich im längsten "Shiiiiiit" der Filmgeschichte, bei dem er nicht Luft holen muss - angeblich schaffte er fast 30 Minuten ununterbrochenes "Shitten".

Nun ja, man kann über Sinn und Unsinn dieser Serie ruhig diskutieren, aber die Wissenschaft ist sich schon einigermaßen einig: "Jemand, der ‚Shit‘ sagt, fühlt sich nachher so gut, als wenn er selbst gerade den Klogang hinter sich gebracht hätte", weiß einer der Protagonisten. Es ist klar, wohin die These steuert: Schimpfen hat etwas Erleichterndes, Befreiendes, hinterher ist man gereinigt und frei von Aggressionen, so die Wissenschaft.

Zu diesem Schluss kam schon das "Deutsche Schimpfwörterlexikon", das 1839 anonym veröffentlicht wurde. Google Books hat ein Exemplar gescannt und gratis ins Netz gestellt, und dabei gibt es einiges über unsere Schimpfkultur zu lernen. "Dass diese schöne Gabe von manchen Menschen zuweilen recht kultiviert, und solchen das Schimpfen zur Gewohnheit worden ist, und zwar unter allen Ständen, darüber wundert sich wohl niemand mehr", heißt es darin, und man bezeichnet das Schimpfen wörtlich als "fashionable". Im Jahr 1839!

Das Buch führt weiters aus, dass Schimpfen wichtig ist für die Gesellschaft als Ganzes: "Das Schimpfen erleichtert jedem das Herz", heißt es da. Es fördere darob die Gesundheit und "erleichtert und befördert jede Sache". Und dann noch: "Schimpfen verschafft jedem mehr Ansehn. Die Erfahrung lehrt es ja, dass man vor einem Manne großen Respect hat, welcher recht schimpft und schimpfen kann und darf".

"Fuck"-Champ Jonah Hill

Zumindest auf jemanden wie Samuel L. Jackson trifft das zu, der in der Netflix-Serie gerne in seinen besten Szenen aus "Pulp Fiction" gezeigt wird. "Fuck you, you fuckin’ fuck!" Doch man erfährt auch, dass es nicht Jackson ist, der die meisten "Fucks" und "Shits" in der US-Filmgeschichte auf die Leinwand gebracht hat, obwohl er der gefühlte Weltmeister des Fäkaldialogs ist. Nein, unangefochten auf Platz eins der F- und S-Wort-Benutzer liegt Schauspieler Jonah Hill - in Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street" kann er unglaubliche 120 Mal aufs Derbste fluchen.

Es ist ungewöhnlich für eine US-Serie, so frank und frei mit genau jenen Begriffen umzugehen, die in sämtlichen öffentlichen Lebenssituationen zutiefst verpönt sind. Filme mit dem Rating PG-13 (Parental Guidance Strongly Cautioned), also jene Filme, die das meiste Publikumspotenzial haben, dürfen zwar von Drogenhandel und Sex erzählen, das F-Wort aber nur ein einziges Mal beinhalten - und dann auch nur, wenn es nicht sexuell gemeint ist. Nun ja.

Gerade in den USA, wo inzwischen auch durch den scheidenden US-Präsidenten der Ton durchaus rauer geworden ist, sind so manche Ausdrücke also immer noch absolut unpassend. "Dick" (Schwanz) und "Pussy" (Vagina) sind immer auch sexuell konnotiert, während man bei "Fuck" inzwischen weiß: Abhängig davon, wie das Wort ausgesprochen wird, ob kurz oder lang, staunend oder wütend, lachend oder kurz vor dem Crash mit einem Zug, ist seine Bedeutung gänzlich unterschiedlich - und nicht zwingend sexuell gemeint. Obwohl Nicolas Cage schon auch feststellt: "Das Wort Fuck kommt von Ficken". So viel Ehrlichkeit muss sein. Die oberösterreichische Gemeinde Fucking wusste schon, warum sie jetzt ihren Namen in Fugging umbenannt hat.

Das Gleiche trifft auf "Shit" zu. "Der Ursprung kommt von Kacka machen", gibt sich Cage süffisant. Im Mittelalter, als wir Menschen noch alle gemeinsam zum Klogang in Latrinen verschwanden, wo jeder neben jedem saß, war dieser Umgang mit dem Stuhlgang ganz normal. Aber im Prinzip ist es heute auch nicht anders, erfährt man in "Die Geschichte der Schimpfwörter": "Heute sitzen wir eben mit dem Handy am Klo und chatten über Social Media. Früher konnte man das dem Sitznachbarn gleich direkt sagen".

Die freche Netflix-Serie ist in ihrem Gehalt endenwollend unterhaltsam, zumal man im deutschen Sprachraum schon immer kreativer war, was die Ausgestaltung gemeiner Ausdrücke angeht. Im "Deutschen Schimpfwörterlexikon" von 1839 gibt es Wortkreationen wie Arschmonarch, Bröseldieb und Brunzprophet, es gab die Galeerenhure, die Gabelreiterin (was für Hexe stand) oder die Saufgurgel, im Wienerischen zeugen Begriffe wie Zurnbinkerl, Kniaschußdutt’ln (Hängebrüste, die gegen die Knie schlagen) oder Aung’schissener von einer durchaus raffinierten Umsetzung von Schimpfausdrücken im hiesigen Dialekt.

Ventil für Frust

Der Bedarf nach solchen Wörtern ist eindeutig gegeben, denn sie sind die Ventile für Frust, Ärger, Enttäuschung. In den USA, so verrät die Serie, sind erst durch das Aufkommen der Rap-Musik in den 1980er Jahren massenhaft Slangausdrücke in die Alltagssprache eingeflossen, die schwarze Musik war voll davon. Der damals eingeführte "Parental Advisory"-Sticker, der auf vielen CDs mit angeblich gefährdender Sprache aufgebracht war, war rassistisch motiviert, weil fast nur schwarze Musik betroffen war. Und er hatte genau den gegenteiligen Effekt: Er hielt nicht die Kids davon ab, die CDs zu kaufen, sondern wurde zum besten Verkaufsargument. Was schmutzig war, war in. Der Bedarf nach einem Ventil war da. "Fuck", "Shit" und "Damn" waren salonfähig.

Darauf geschissen! Wiener Sprache ist hier trotzdem König. Wenn ein "b’soffana Bahööbruada" einen "Butterschas" ins Gesicht von einem "Hamdrahra" lasst, dann landet er mitunter im "Hoizpyjama". Gegen so viel Sprachvielfalt steht Cage mit seinem "Fuck" recht armselig da.•