Manche Nächte im Leben sind besonders, weil in ihnen bahnbrechende Ereignisse stattfinden oder man Lebensentscheidungen trifft oder überdenkt, oder einfach nur: Weil man zusammensitzt und redet. Über die fundamentalen Dinge des Lebens.

Eine solche Nacht steht im Mittelpunkt von Regina Kings Regiedebüt "One Night in Miami". Die schwarze Schauspielerin hatte 2019 den Oscar als beste Nebendarstellerin in Barry Jenkins "If Beale Street Could Talk" gewonnen und ging jetzt - mit 50 - unter die Filmemacherinnen. Das ist bemerkenswert, weil es wie nach einer kleinen Aufbruchstimmung riecht im immer noch weiß dominierten US-Filmgeschäft; es ist heute möglich, dass eine farbige Schauspielerin einen Film dreht, der sich noch dazu um das vermutlich wichtigste Thema dreht, das die USA derzeit umtreibt: Um den Rassismus und die Kluft zwischen Weiß und Schwarz, um die Wurzeln dieses Rassenhasses und seine mannigfachen Triebe, die er in alle Richtungen schlägt. "One Night in Miami", neu auf Amazon Prime Video, verdichtet gleichsam diese elektrisierte Stimmung, die man im Trump-Amerika vier Jahre hat mehr und mehr anschwellen sehen, und das, obwohl die Handlung gar nicht im Heute spielt, sondern in den 1960er Jahren. Damals, so sagt es Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) einmal im Film, damals "sterben Schwarze auf der Straße, jeden verfluchten Tag". Und er sagt es energisch und so, als wolle er wachrütteln. Das Ernüchternde ist: Es hat sich daran bis heute rein gar nichts geändert.

Der Film spielt im Wesentlichen in einer Nacht, am 25. Februar 1964. Damals gewann der gerade 22-jährige Cassius Clay (Eli Goree) die Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht, nachdem er Sonny Liston im Miami Convention Center doch überraschend besiegt hatte. Die Siegesfeier wurde nicht zur rauschenden Party. Stattdessen traf sich Clay, der sich später Muhammad Ali nannte und drei Mal Weltmeister wurde, mit Freunden im Hampton House Motel im schwarzen Miami-Bezirk Overtown: Mit dem Bürgerrechtler Malcolm X, dem Musiker Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und dem Footballspieler Jim Brown (Aldis Hodge). Sie alle wissen, was es heißt, als Schwarzer in den USA der 60er Jahre (und vermutlich auch heute) in der Öffentlichkeit zu stehen. Malcolm X ist angefeindet wie kaum ein anderer bei den weißen Amerikanern, Sam Cooke schreibt zwar Hits, aber wenn er die Bühne betritt, verlassen viele weiße Zuschauer den Club. Jim Brown hat dank seiner Home Runs viele weiße Fans und Gönner, aber wenn er bei ihnen zu Hause auftaucht, dann heißt es schulterklopfend: "Du weißt doch, dass Nigger bei uns im Haus nicht erlaubt sind."

Black Power und die Folgen

Es gibt also viel zu besprechen zwischen diesen vier Freunden, und es geht dann auch tatsächlich um allerlei Grundsätzliches, das Kemp Powers in sein Theaterstück aus dem Jahr 2013 verpackt hat, das dem Film als Vorlage dient. Die gemeinsame Nacht der vier Ikonen der Black-Power-Bewegung ist verbrieft, was dort gesprochen wurde, entstammt freilich mehrheitlich der Fantasie des Autors, aber: So oder ähnlich wird es schon gewesen sein. Wenn vier herausragende Charaktere über das sprechen, was ihre Community betrifft, dann kommen hier schon auch markige Sprüche zutage, es geht um die Ungerechtigkeit, für die man heute noch auf die Straße gehen muss, in der Zeit von George Floyd; fast wähnt man sich beim Ansehen dieses Films in einer Frustrationshaltung: Als hätten all die Kämpfe dieser Leute eigentlich rein gar nichts gebracht.

Aber es gibt auch Bruchlinien zwischen den vier Protagonisten, es geht um die Frage, wieso man Moslem sein soll und warum erfolgreiche "Negros" so wenig Erfolg haben im Vergleich zu den großen weißen Bands wie die "Rolling Stones". Es geht darum, dass Malcom X die Welt eben nicht nur in "Schwarz" und "Weiß" (sic!) einteilen könne, und es gibt auch Handgreiflichkeiten untereinander. Zum Ansehen ist das alles sehr theatralisch, und dennoch: Regina King gelingt es, aus dem Korsett der Bühne auszubrechen und dank einiger Rückblenden und einleitender Szenen aus "One Night in Miami" einen Spielfilm zu machen und kein verfilmtes Bühnenstück. Dabei helfen ihr vor allem die vier Hauptdarsteller, für die es bei den Oscars 2021 wohl die eine oder andere Berücksichtigung geben dürfte. Hoffentlich nicht nur wegen der Quote.

Der Kampf um die Gleichberechtigung zwischen Schwarz und Weiß ist jedenfalls noch lange nicht vorüber, das ist in "One Night in Miami" wie ein Schwelbrand im Subtext spürbar - und auch in knackigen Dialogen zwischen den vier redenden Männern.

Bleibt die Frage, wieso sich vier Männer ins Motel zurückziehen, anstatt die Party ihres Lebens zu feiern, wenn einer der Ihren gerade zum Weltmeister gekürt wurde. Die Antwort ist einfach: Es war ihnen aufgrund der damals geltenden Segregationsgesetze gar nicht erlaubt, in Miami Beach zu feiern. Sie mussten das Feuerwerk zu Ehren von Cassius Clay vom weit entfernten Dach des Motels in Overtown beobachten. Eine Szene, die gar nicht besser auf den Punkt bringen kann, wie sehr der Kampf um Gleichberechtigung in den USA noch am Anfang steht.