In Indien gibt es nur zwei Wege, wie man als in Armut geborener Mensch dem Schicksal zwischen Slum und Arbeitslosigkeit, zwischen Siechtum und einem Leben ohne Perspektiven entkommen kann: Verbrechen und Politik. "Ist das in Ihrem Land auch so?", fragt der Protagonist aus "Der weiße Tiger", jener neuen Bestseller-Verfilmung, die ab Freitag im Programm von Netflix zu sehen ist. Die Grundlage dafür ist das Buch des indischen Schriftstellers und Journalisten Aravind Adiga, das zu einem Welterfolg wurde und etliche Preise einheimste. Wahrscheinlich, weil es in ziemlich schamloser Manier tief in die indische Lebensrealität zwischen Kasten und Armut, zwischen Korruption und Machtgeilheit blicken lässt, ohne dabei bloß auf soziale Ränder zu schauen, sondern vielmehr: Diese sozialen Ränder mit einer Spannung aufzuladen, die sich in einer regelrechten Räubersg’schicht entlädt.

Diener eines reichen Herrn

Aber der Reihe nach: Balram Halwai (Adarsh Gourav) ist der geborene Sklave; seine Familie vegetiert in irgendeinem staubigen Dorf vor sich hin. Dem jungen Mann, der zwar drei Jahre Schule absolviert hat, aber sonst nicht viel kann, dürfte das Schicksal vieler Inder bevorstehen: Das Beste, was er noch erreichen könnte, ist es, der Diener eines reichen Herrn zu werden, und genau das nimmt er sich auch vor, um der Dorfmisere zu entfliehen. Die dominante Großmutter ist nur schwer davon zu überzeugen, dass der Bub bald in die Großstadt geht, aber: Am Ende entscheiden die in Aussicht gestellten Rupien, dass Oma ihren Sanktus gibt. Schließlich wird der Enkel bald alle hier ernähren. Und es sind viele.

Der Geschäftsmann Ashok (Rajkumar Rao) und seine Frau Pinky (Priyanka Chopra-Jonas), gerade aus den USA zurück, suchen einen Fahrer. Balram wird unter Vorbehalten engagiert, wie das so ist in Indien: Da ist eine niedrige Kaste eigentlich nicht mit einer höheren kompatibel. Aber weil Balram dazu erzogen wurde, stets zu dienen, wird er diese Unmöglichkeit möglich machen, und es tut regelrecht weh, wie sehr sich der junge Mann von seinem Herrn und dessen Entourage schikanieren lassen muss.

In ihm reift bald der Wunsch, dieses System der Herrschenden und der Dienenden zu überwinden, zumindest für sich selbst. Doch dann geschieht eines Abends ein ungemein brutaler Vorfall, der Balram in die Rolle des Vertuschers zwingt und ihn noch enger an seinen Herrn bindet. Dass ihn die Oma inzwischen ob des neuen Geldsegens zwangsverheiraten will, ist nun eher eines seiner kleineren Probleme.

"Der weiße Tiger" ist für Netflix von dem indischen Filmemacher und Drehbuchautor Ramin Bahrani umgesetzt worden, einem engen Freund von Buchautor Adiga. Wahrscheinlich hat man deshalb das Gefühl, dass der Regisseur so tief eindringen kann in die Materie des Romans. Filmer und Autor kennen einander seit 25 Jahren.

Die Geschichte ist einerseits schlitzohrhaft, andererseits bösartig vorgetragen, zwischen den Zeilen Zynismus und Sarkasmus über eine Gesellschaft, in der es "nicht einmal sauberes Wasser" gibt, wie Balram anführt. "Man fühlt sich hier wie in einem Hühnerkäfig, aus dem es kein Entkommen gibt." Nur einmal wird pro Generation ein "Weißer Tiger" geboren, der es hinaus schaffen kann aus dem Elend. Und Balram hält sich für diesen Tiger, wie der Film auch überaus rasant, spannend und packend erzählt. Sein Herr wird bald die indische Politik mit Geld schmieren, um keine Steuern zahlen zu müssen. Hehre Moral ist in einem solchen Land nicht mehrheitsfähig, und Kindesmord, Fahrerflucht oder Sklaverei sind Tür und Tor geöffnet.

Indien und China sind top

All das schildert Balram dem chinesischen Staatspräsidenten in einer E-Mail, denn der ist gerade zu Besuch in Indien - ein dramaturgischer Rahmen, der mit einer These einhergeht: "Der weiße Mann ist auf dem Rückzug, das 21. Jahrhundert gehört dem braunen und dem gelben Mann", ist sich Balram sicher. Indien und China sind die Länder mit Zukunft.

Das ist auch seiner Fantasie geschuldet, "einmal im Leben kein Diener zu sein", für deren Umsetzung Balram weit gehen wird - und dabei die Züge von Protagonist und Antagonist in sich vereint. "Ausbruch aus dem Hühnerkäfig", das ist seine Mission, und sie tritt im Verlauf immer stärker in Opposition zum romantisierten Indien-Bild in "Slumdog Millionaire" von Danny Boyle. Es ist quasi der Gegenentwurf: Hier kommt man nicht durch Wohltat hinauf, sondern nur durch einen eiskalten, verbrecherischen Plan. Wer aus dieser, seiner niedrigen Kaste weg will, der braucht eben den Hang zum Nebulösen, zum Kriminellen. Denn in Indien gibt es nur mehr zwei Kasten: "Die oben und die unten". Um hinauf zu kommen, kann man aber nicht den bequemen Fahrstuhl nehmen, den "die da oben" ganz selbstverständlich nutzen.