Das Kino begann stumm und in Schwarz-Weiß. Als es das Sprechen lernte und ihm die Farbe ins Gesicht schoss, wurde es zum überlebensgroßen Zufluchtsort von Millionen Menschen, die darin Zerstreuung und Unterhaltung suchten. Doch das schwarz-weiße Kino ist nie ganz von der Bildfläche verschwunden, bis heute entstehen vereinzelt große Filmkunstwerke ohne Farbe. Ein kleiner Querschnitt durch ein paar schwarz-weiße Filmklassiker.

The Artist, Michel Hazanavicius (2011)

"The Artist" erzählt von dem Stummfilm-Schauspieler George Valentin (Jean Dujardin), der es mit dem Aufkommen des Tonfilms um 1928 zunehmend schwerer hat, in Hollywood seine Karriere aufrecht zu erhalten. Den Stummfilm lehnt er ab – und neben ihm wird seine Kollegin Peppy Miller (Bérénice Béjo) zum umjubelten Star der neuen "Talkies". Hacanavicius hat mit "The Artist" einen modernen Stummfilm gemacht, der das Medium nach allen Regeln der Kunst zitiert und unzählige Reminiszenzen enthält. Wunderschöne Schwarz-Weiß-Bilder von Guillaume Schiffman sorgen für eine Retroerfahrung im besten Sinn.

Ein Mann in einem formalen Anzug, ein Frack, lacht und bekommt einen Kuss von einer Frau mit Hut. Die Kleidung sieht aus wie in den 1920er Jahren. Im Hintergrund eine Gruppe jubelnder weiblicher Fans ebenfalls mit Hüten. - © San Sebastian Film Festival / dpa / picturedesk.com
George Valentin (Jean Dujardin) und Peppy Miller (Bérénice Béjo) betören das Publikum im modernen Stummfilm "The Artist" (2011). - © San Sebastian Film Festival / dpa / picturedesk.com

Schindlers Liste, Steven Spielberg (1993)

Es gibt Filme, die müssen einfach in Schwarz-Weiß sein. "Schindlers Liste" (1993) ist so ein Film. Steven Spielberg beschreibt darin die Gräueltaten der Nazis gegen die Juden in den KZ Plaszow und Auschwitz und erzählt von Oskar Schindler, einem deutschen Industriellen, der vorerst aus Eigennutz, später aus Überzeugung, die Arbeiter seiner Fabrik aus dem KZ befreite. Ganz Schwarz-Weiß ist dieser Film freilich nicht – in einem dramaturgischen Kniff (Set-up und Pay-off genannt) zeigt Spielberg hier exemplarisch unter all den schwarz-weißen Menschen ein kleines Mädchen im roten Mantel, das die Räumung des Warschauer Ghettos überlebt – und später wie ein emotionaler Paukenschlag auf einem der Leichenberge von Auschwitz wieder auftaucht. Spielberg drehte "Schindlers Liste" und seinen Blockbuster "Jurassic Park" übrigens parallel zueinander. "Ein unglaubliches Horrorszenario, wenn du tagsüber Dinosaurier animierst und nachts den Holocaust schneiden musst", sagte der Regisseur.

 

Ein Mädchen steht vor einer Gruppe Soldaten und Menschen, die Armbinden tragen in Zivil. Das Mädchen hat einen roten Mantel mit einer Schleife an, ansonsten ist das Bild ganz in schwarz und weiß. Die Männer tragen SS-Uniformen. - © Universal
Ein Mädchen im roten Mantel inmitten schwarz-weißer Grausamkeit: "Schindlers Liste" (1993). - © Universal

Sunset Boulevard, Billy Wilder (1951)

Wenn es um Einblicke in die Traumfabrik geht, dann ist Billy Wilders Drama wohl eines der am schärfsten und nuanciertest gezeichneten Werke über das unbarmherzige Hollywood, das sich die Seelen so vieler seiner Protagonisten einverleibt hat. Voller Sarkasmus hat Wilder hier die ruinöse Hollywood-Zerstörungswut eingefangen, wenn er den gefallenen Star Norma Desmond (gespielt vom gefallenen Stummfilmstar Gloria Swanson) als Opfer der Illusionsmaschinerie vorführt. Ihr zur Seite steht mit Erich von Stroheim ein Diener, der versucht, die Illusion vom verblichenen Ruhm aufrecht zu erhalten. Grandios! Einer der besten Schwarz-Weiß-Filme, eine Parodie des Noir-Genres und doch immanenter Bestandteil desselben.

Casablanca, Michael Curtiz (1942)

Es gibt viele legendär gewordene Dialogzeilen aus diesem Film, und manche davon sind so nie gefallen. "Schau mir in die Augen, Kleines", das war der Satz in der deutschen Synchronfassung. Doch Humphrey Bogart sagt in Wahrheit: "Here’s looking at you, kid", und spätere deutsche Fassungen übersetzten das mit "Ich seh dir in die Augen, Kleines". Auch "Spiel es noch einmal, Sam", "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen" und "Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" gehören zu den Sätzen, die in die Filmgeschichte eingegangen sind. Der Austro-Ungar Michael Curtiz erhielt 1943 den Oscar als bester Regisseur.

Ein Mann sitzt am Klavier und spielt. Ein weiterer Mann steht neben dem Klavier udn schenkt Sekt oder Champagner in Sektschalen, die auf dem Klavier stehen. Hinter dem Klavier steht eine Frau in einem Mantel. Sie blickt auf die Sektgläser, die vor ihr stehen. - © ullstein bild / United Archives
"Spiel es nochmal, Sam!" Vereint in "Casablanca" (1942): "Sam" Dooley Wilson, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman. - © ullstein bild / United Archives

Roma, Alfonso Cuarón  (2018)

Der mexikanische Regisseur gewann für die ausladende Schilderung seiner Jugendjahre in den 1970er Jahren im Stadtteil Roma in Mexiko City nicht nur den Goldenen Löwen von Venedig, sondern auch drei Oscars. Cuaróns Erinnerungen kreisen um seine Familie und die Haushälterin, das noble Schwarz-Weiß vermag dabei sozusagen den Geruch dieser Kindheit spürbar zu machen.

Citizen Kane, Orson Welles (1941)

Orson Welles’ Filmdebüt "Citizen Kane" schildert das Leben des fiktiven Medienmoguls Charles Foster Kane, der ganz bewusst an den realen Magnaten William Randolph Hearst angelehnt war. Welles’ innovative Kameraführung und die kontrastreiche Bildsprache trugen dazu bei, dass "Citizen Kane" bis heute als einer der besten Filme aller Zeiten gilt. Die Entstehungsgeschichte des Drehbuchs von Herman J. Mankiewicz wurde kürzlich von David Fincher für Netflix verfilmt. In "Mank" spielt Gary Oldman den Autor, auf dessen Konto die scharfsichtige Erzählung geht.

Psycho, Alfred Hitchcock (1960)

Wäre es nach Hitchcock gegangen, gäbe es bei der berühmten Duschszene in "Psycho" keinerlei Musik, doch sein Komponist Bernard Herrmann konnte Hitch schließlich davon überzeugen. Klar war für den Meister der Spannung aber immer, dass die Geschichte rund um Norman Bates und das Bates Motel keine Farbe verträgt, wiewohl sie damals bereits groß in Mode war. "Psycho" sollte, ja musste, die Spannung auch aus den kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern generieren.

 

Eine Frau hält die Hände vor das Gesicht und schreit mit offenem Mund und aufgerissenen Augen. - © ullstein bild - ullstein bild
"Psycho" (1960): Hauptdarstellerin Janet Leigh stirbt nach 20 Filmminuten in der Dusche. - © ullstein bild - ullstein bild

Metropolis, Fritz Lang (1927)

Stellvertretend für viele Klassiker der Stummfilmzeit soll hier mit "Metropolis" der vielleicht visuell spannendste Film dieser Zeit herausgegriffen werden. Der Film thematisiert eine Zweiklassengesellschaft, und zwischen den Klassen ist die Fallhöhe enorm. Das futuristische Setting spielt in einer fernen Zukunft. "Metropolis" gilt als erster Science-Fiction-Film in Spielfilmlänge. Tricktechnische Neuerungen und viel Experimentierfreude bescherten dem Publikum eine bis dahin im Kino unbekannte Ästhetik.

 

Eine Frau ist emporgehoben auf einer riesigen Schüssel die von Männern getragen wird. Die Frau hat die Arme in einer triumphalen Geste in der Höhe, Viele Hände strecken sich zu der Frauengestalt empor. - © ullstein bild - adoc-photos
Brigitte Helm thront in Fritz Langs Sci-Fi-Pionier "Metropolis" (1927).
 
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Die 12 Geschworenen, Sidney Lumet (1957)

Sidney Lumets Kammerspiel, das im Wesentlichen in nur einem Raum spielt, lauscht der Beratung von zwölf Geschworenen, die einen mutmaßlichen Mörder schuldig sprechen sollen. Nur einer der Geschworenen (Henry Fonda) ist anfangs gegen den Schuldspruch, aber es gelingt ihm, die anderen nach und nach umzustimmen. Ein Paradebeispiel, wie Spannung, Schnitt und Bildgestaltung zusammenwirken – und auch hier ist das Schwarz-Weiß-Material ein dramaturgisches Mittel.

 

Im Vordergrund stehen zwei Männer in weißen Hemden in Konfrontation zueinander. Der Mann recht hält einen Schraubenzieher oder eine Schere wie im Angriff erhoben. Im Hintergrund sind noch weitere Männer zu sehen, die diese Szene beobachten. Von der Decken hängen zwei Lampen mit weißen Glasschirmen. - © ullstein bild / United Archives
"Die zwölf Geschworenen" (1957): Hochspannung im Kammerspiel von Sidney Lumet. - © ullstein bild / United Archives

Manhattan, Woody Allen (1979

Es ist die große Liebeserklärung an seine Heimatstadt New York: Woody Allen streift als Isaac Davis durch "seine" Stadt, mal verliebt, mal neurotisch, mal frustriert, mal melancholisch. Gershwin auf dem Soundtrack und die fabelhafte Schwarz-Weiß-Fotografie ergeben ein lakonisches Kunstwerk, das aus dem einstigen Stand-up-Komiker Allen endgültig einen großen Regisseur machte. Allen war nie wieder besser als hier.

 

Ein Mann mit Brille und eine Frau sitzen in einem Ruderboot einander gegenüber auf dem Wasser. Der Mann hat das Gesicht wie Im Ekel verzogen, die Frau sieht ebenfalls nicht glücklich aus. - © ullstein bild / United Archives
Neurotischer war er nie mehr: Woody Allen in seiner S/W-New-York-Hommage "Manhattan" (1979). - © ullstein bild / United Archives

Ed Wood, Woody Allen (1994)

Eine Hommage an den schlechtesten Filmregisseur aller Zeiten, gedreht in jenem Schwarz-Weiß, in dem er auch seine eigenen Monster- und Splattermovies drehte: Ed Wood (Johnny Depp in einer seiner besten Rollen) träumt vom großen Durchbruch als Regisseur, doch seine wahnwitzigen Ideen stehen ihm eher im Wege. Zu seinen "besten" Werken zählt "Plan 9 From Outer Space", inzwischen ein Kultklassiker.