Wie kommt jemand mit dem wohlklingenden, französischen Namen Johann Julier auf die Idee, sich selbst einen Allerweltsnamen wie Hans Moser zu geben? Wo zu seiner Zeit wirklich jeder zweite Hans hieß und jeder dritte Moser. Oder, wie es Joesi Prokopetz in "Schaffnerlos" als Fahrgast in der Wiener Bim einmal nuschelnd wie der Moser zum Sitznachbarn sagt: "Wissen’s, was des Beste ist: Ich nuschle und ich heiße Moser!" Trauriger Nachsatz: "Allerdings Franz, nicht Hans."

Einer der späteren Hans-Moser-Filme: "Herrn Josefs letzte Liebe" (1958, Regie: Herrmann Kugelstadt) läuft am 30. Jänner um 11.30 Uhr auf 3sat. - © ORF / Eos Entertainment
Einer der späteren Hans-Moser-Filme: "Herrn Josefs letzte Liebe" (1958, Regie: Herrmann Kugelstadt) läuft am 30. Jänner um 11.30 Uhr auf 3sat. - © ORF / Eos Entertainment

Der Allerweltsname Hans Moser ist den Menschen kollektiv im Gedächtnis geblieben, und die eigene Umbenennung hatte laut Moser einen triftigen Grund. "Ich nahm den Namen an, damit sich der Herr Papa nicht schämen muss, wenn er meinen Namen auf den Theaterzetteln immer ganz unten sieht. Denn für ihn ist ein Julier immer ganz oben", zitiert Filmwissenschafter Georg Seelen Moser in seinem Text "Triumph des Scheiterns", der jetzt im umfangreichen Band "Hans Moser: Wiener Weltschmerzkomiker" im Verlag Filmarchiv Austria erschienen ist. Zahlreiche Autoren haben ein vielseitiges Kompendium zu Mosers Talent, seinem Werk und seinen Eigenarten vorgelegt, das seine Person vielschichtig durchdringt, anstatt in ihm nur den begnadeten Komiker zu sehen, als der er zur Legende wurde.

Ein großer Theatererfolg: Hans Moser spielte mit Jane Tilden in "Geschichten aus dem Wienerwald". - © apa / ORF / HPK
Ein großer Theatererfolg: Hans Moser spielte mit Jane Tilden in "Geschichten aus dem Wienerwald". - © apa / ORF / HPK

Triumph des Scheiterns

Es stimmt der Beitrag "Triumph des Scheiterns" schon auf die Moser’sche Art an, immer mit der einen Hälfte auf gut Wienerisch grantelnd durchs Leben zu gehen, auf der anderen Seite den Humor hochzuhalten, aber bilanzierend mit großer Wucht am Leben zu scheitern; eine Grundeigenschaft, die vielen Moser-Figuren innewohnt; man muss sogar so weit gehen, zu sagen: Das Scheitern ist überhaupt erst die Voraussetzung des Wiener Humors. Er inkludiert bereits den Sarkasmus, den es zum Überleben in dieser grausigen Welt braucht, er ist deshalb so weinerlich wie das nicht minder tragische Wienerlied, das nur allzu oft vom Tod und vom Scheitern handelt.

Inmitten dieser Szenerie fühlte sich Hans Moser ziemlich wohl. Seine Figuren, zunächst am Theater, später beim Stummfilm, noch später im Tonfilm, der ihn überhaupt erst zum Star machte, sind oft Dienstboten, Hausmeister, Ober, Wirte - Leute, denen man anschaffen kann, und die die Mühsal dieses Daseins mit nuscheligen Granteleien quittieren. Da offenbart sich ein Bouquet an wienerischen Duftnoten, die Moser so berühmt gemacht haben: Er ist als kleiner Mann aus dem Volk nie verlegen um ein Argument, er kann trinken und lustig sein, hat das Herz am rechten Fleck und wirkt immer liebenswürdig. So spielte der 1880 geborene Volksschauspieler sich in die Herzen des Publikums, noch lange über seinen Tod 1964 hinaus, weil er "mit Erinnerungen an die eigene Kindheit verknüpft ist, ähnlich wie Bud Spencer & Terence Hill, Louis de Funès oder Dieter Hallervorden", analysiert es Florian Widegger im Buch, der als Kind der 80er Jahre all diese Namen als Helden des Sonntag-Nachmittagsprogramms kennen- und lieben lernen durfte.

Moser, der von Max Reinhardt mit 43 als großer "Menschendarsteller" entdeckt wurde, machte seine Karriere eigentlich erst nach 1930, beim Tonfilm, den er mit seiner einzigartigen Stimme und mit besonderem Schmäh erfüllte.

Ungemein unverwechselbar

Filme wie "Endstation" (1934), "Anton der Letzte" (1938), "Ober zahlen" (1957) oder "Hallo Dienstmann" (1952) zählen bis heute zu den Perlen der österreichischen Komödienkunst, und nicht selten ergänzten Mosers Talent dabei Weggefährten wie Paul Hörbiger, Heinz Rühmann oder Theo Lingen. Mit dem Regisseur E.W. Emo formte Moser seine Unverwechselbarkeit, die beiden drehten 21 Filme zusammen.

Mosers Mitwirkung in zahlreichen Komödien der NS-Zeit wird auch umfassend dokumentiert, was eine Brisanz hatte, da Mosers Frau Jüdin war, Moser sich aber weigerte, sich von ihr scheiden zu lassen. Sie musste emigrieren, und Moser konnte seine Karriere nur deshalb fortführen, weil er ein solch ungemeiner Publikumsliebling war. Erst nach dem Krieg führten beide ihre Ehe in Wien weiter.

Der neue Band macht Hans Mosers Spektrum begreifbar: Das liegt auch an der prominenten Autorenschaft, die sich mit Mosers Werk auseinandersetzt: Neben Seeßlen steuerten auch Robert Dassanowsky, Maria Fritsche, Helmut Dimko, Franzobel und Elfriede Jelinek Texte bei. Jelinek sieht in Moser den Größten, den das Land je hatte. "Wie man mit ihm umgegangen ist, ist für mich die Vergeudung eines der größten Talente." Die hiesige Filmindustrie sei viel zu "erbärmlich" für diesen Mann gewesen, "Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie er unter der Regie eines großen Meisters aufgeblüht wäre. So hat er einen Franz Antel gehabt, und der hat ihn hinuntergezogen auf österreichisches Nachkriegsniveau, welches das tiefste war." Moser, das Genie, sei "buchstäblich in Heurigenlokalen angekettet" worden, schreibt Jelinek. Folgerichtig erlaubt sich Franzobel einen kleinen Einakter zum Ausklang des Buches, der in einem "himmlischen Theaterheurigen" spielt, mit Moser-Filmen und Schrammel-Musik.

Ein Stück von Wien

Die Verortung von Mosers Oeuvre vor allem in den Unterhaltungslokalen der Wiener Seele muss man aber nicht kritisch sehen; sie trug auch viel zur Fest- und Fortschreibung eines wienerischen Idioms bei, das wie kaum ein anderer Sprachdialekt die Herkunft im Wortklang mit einschreibt. Man kann hier von Identität sprechen, man muss es aber nicht und kann es auch nur witzig finden.

Erst im Alter waren dem "Wiener Weltschmerzkomiker" große Theatererfolge vergönnt, etwa Schnitzlers "Liebelei" an der Burg oder eine TV-Fassung der "Geschichten aus dem Wienerwald". Den Menschen in Erinnerung ist er aber vor allem als Volksschauspieler geblieben, der mit seiner "Reblaus" das vielleicht populärste Wienerlied interpretierte. Das alles bündelt "Hans Moser: Wiener Weltschmerzkomiker". Wer Mosers Schaffen, bald 57 Jahre nach seinem Tod, neu entdecken will, dem ist der Band ein treuer Wegbegleiter.