Eine Doku über die schweizerische Gemeinde Davos schließt selbstredend das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) mit ein, das dort seit 1970 jährlich stattfindet. Die Filmemacher Daniel Hoesl und Julia Niemann wollten aber hinter die Kulissen der Macht blicken und zeigen, was sonst noch in Davos passiert, zu sehen pandemiebedingt nicht im Kino, sondern ab 5. Februar beim Online-Streamingdienst www.vodclub.online.

"Wiener Zeitung": In "Davos" gibt es besonders viele Kontraste: Sie zeigen einerseits die Stimmung am Weltwirtschaftsforum, andererseits den Alltag einer alpinen Stadt. Wie kamen Sie auf dieses Konzept?

Daniel Hoesl: Das hat sich ganz organisch aus der Arbeit ergeben. Am Anfang stand die Idee, einen Film über das WEF zu machen, doch bald schon zeigte sich, dass das eigentliche Thema die Stadt Davos sein muss. Wir drehten bereits 2018 beim WEF, und nur einen Steinwurf entfernt vom Tagungsgelände gab es das Flüchtlingszentrum von Davos. Mehr Kontrast geht eigentlich nicht. So ergab eines das nächste. Insgesamt verbrachten wir ein ganzes Jahr in Davos und mieteten uns dafür eine Wohnung.

Daniel Hoesl und Julia Niemann. - © Zurich Film Festival
Daniel Hoesl und Julia Niemann. - © Zurich Film Festival

Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Julia Niemann: Für "Davos" hatten wir uns vorgenommen, mehr zu leben als zu arbeiten, im Sinne von dort an diesem Ort zu leben, viel mitzufilmen und beides zu vereinen. Wir können uns schon vorstellen, nochmals dokumentarisch zu arbeiten und nochmals einen Ort unter die Lupe zu nehmen. Es war schlicht wohltuend, sozusagen ein Jahr im Film zu leben, noch dazu in den Schweizer Bergen. Und es war ein ganz anderes, viel tieferes, ruhigeres, kontemplativeres Arbeiten als das rasende Arbeiten an einem Spielfilm. Diese beiden Formen immer wieder abzuwechseln, das ist eigentlich sehr gut vorstellbar.

Welche Vorstellung hatten Sie am Beginn der Arbeit?

Hoesl: Davos war in meiner Vorstellung einerseits der Austragungsort des WEF, andererseits ein Nobel-Skiort wie Zermatt. Doch Davos löst diese Vorstellung nicht ein, ich war erstaunt, wie wenig glamourös diese Stadt ist und wie sehr dort unterm Jahr alles auch einen ganz anderen Gang geht. In der Mitte der Stadt gibt es das Kongresszentrum, daran angeschlossen das Medienzentrum, und die Geschäfte rundherum, die zur Zeit des WEF an Unternehmen vermietet werden, werfen so viel Gewinn ab, dass die Eigentümer den Rest des Jahres eigentlich nichts mehr arbeiten müssten. Wir wollten diese Aspekte einfangen.

Davos ist auch Sinnbild des Kapitalismus, den Sie in Ihren Filmen stets scharf kritisiert haben. Wo steht er jetzt, mitten in der Pandemie?

Niemann: Er steht gut da, denn der Kapitalismus zieht immer seinen Profit aus misslichen Lagen. Man sagt ja: Man muss dort investieren, wo Blut auf den Straßen liegt. Der Kapitalismus hat die Religionen abgelöst, er sorgt für explodierende Börsenkurse, selbst jetzt, in der Pandemie. Man muss aber auch sagen: Der Kapitalismus hat auch Umbrüche ausgelöst, und nicht alles ist schlecht an Umbrüchen. Gefährlich ist allerdings seine Wendigkeit: Der Kapitalismus ist widerstandsfähig, er passt sich ungemein schnell an.

Was kritisieren Sie konkret am Kapitalismus?

Hoesl: Der Kapitalismus fühlt sich für viele Menschen, die unter ihm leben, so an, als würde man richtig gut leben. Dabei profitiert nur ein Prozent der Bevölkerung wirklich davon: die Reichen. Man muss sich ja fragen: Wieso geben wir denen die Schuld? Wieso sind die anderen 99 Prozent so dumm und stehen dagegen nicht auf? Eben weil der Kapitalismus angenehm ist und für viele unsichtbar bleibt. Deshalb steht niemand auf. Das ist der Kern unseres Films: Es geht um ein Paradoxon. Geld ist das Glaubenssystem, das die Welt beherrscht. Dabei könnte man gegen das Ungleichgewicht in der Welt viel tun. Etwa die Steueroasen schließen, die es Konzernen weltweit immer noch ermöglichen unglaubliche Gewinne einzufahren. Das WEF in Davos ist ein Abbild dieser Reichen und Mächtigen und wie alles miteinander zusammenhängt. Davos ist wie eine Gartenbaumesse der Macht.

Wie nahe konnten Sie an diese "Mächtigen" ran?

Niemann: So nahe man als akkreditiertes Presseteam nun mal kommt. Wir erhielten für Interviews nur wirklich kurze Slots, aber wir waren ohnehin mehr daran interessiert, hinter die Kulissen zu blicken. Es war nicht einfach, denn diese Kulissen werden sehr stark geschützt. Es dauerte schon, bis wir in Davos genug Vertrauen gewinnen konnten, um diese Blicke hinter die Fassaden einfangen zu können.

Ihr Film erscheint wegen der Pandemie nicht wie gewöhnlich im Kino, sondern über den Streamingdienst VOD Club. Wie verändert sich dadurch das Rezeptionsgefühl?

Niemann: Es ist schon anders. Wir beschweren uns nicht, denn immerhin können wir den Film trotz der Pandemie zeigen, eben nur auf einem anderen Weg. Es war allerdings schon erleichternd, dass "Davos" zumindest bei Filmfestivals wie der Viennale auf der großen Leinwand zu sehen war.

Wie fanden Sie schließlich die Form für Ihren Film?

Hoesl: Wir hatten mehr als ein Jahr im Schneideraum gesessen, insgesamt gab es 80 Stunden Material. Ich habe bisher zwei Spielfilme gedreht, eine Doku erfordert eine ganz andere Herangehensweise. Wir wollten, dass der Film nicht kommentiert, sondern zeigt. Es gibt keinen Sprecher, sondern nur die Bilder, die für sich sprechen sollen. Alles ist eher nüchtern, und das, obwohl ich im Grunde ein Satiriker bin. Ich bin sicher: In unseren nächsten Filmen wird es auch wieder Satire geben, denn Stoff dafür gibt es ja genug.