Manchmal entstehen die besten Dinge ziemlich spontan. Regisseur Sam Levinson wollte im vergangenen Juni und Juli eigentlich an seiner Erfolgsserie "Euphoria" weiterdrehen, doch die Pandemie vereitelte den Plan. Also zog sich Levinson mit "Euphoria"-Star Zendaya und John David Washington in eine luxuriöse Villa zurück, um dort ein Beziehungs-Kammerspiel aus dem Ärmel zu schütteln, das inzwischen als großer Oscar-Anwärter gefeiert wird. Die Pandemie hat das Genre vom Kammerspiel wieder ins Zentrum der Wahrnehmung gerückt, denn dank all der Lockdowns gab es kaum was anderes.

"Malcolm & Marie" heißt dieses in schlichtem, aber aufregend geleuchteten Schwarz-Weiß gefilmte Drama, und es könnte das Meisterstück dieser so ganz anderen Filmsaison werden, weil Levinson seinem glamourösen Paar hier dieselben Beziehungsprobleme gönnt, wie sie jeder sonst auch kennt, nur vielleicht in üppigerem Rahmen.

Die weißen Kritiker

Es hätte ein so toller Abend sein können: Der Filmemacher Malcolm (Washington) kehrt mit seiner Freundin Marie (Zendaya) von der Premiere seines neuen Films zurück in die von der Filmfirma gemietete Luxusvilla. Seine Stimmung ist euphorisch, denn die Premiere seines Arthaus-Films lief gut. Er, der afroamerikanische Filmemacher, konnte gar nicht glauben, wie sehr man seine Arbeit schätzte. "Sogar die weißen Kritiker liebten den Film", proklamiert er beschwingt.

Freundin Marie kann die glänzende Stimmung nicht teilen. Sie ist seltsam reserviert, wenn sie Malcolm zu nächtlicher Stunde lieblos ein paar Instant-Mac&Cheese-Nudeln in den Topf knallt. Der Grund für ihren Missmut lässt nicht lange auf sich warten: In seiner Rede auf der Bühne hat sich der gute Künstler-Boyfriend zwar bei allen Eltern, Tanten, Beleuchtern und Set-Runnern bedankt, nicht aber bei seiner Freundin. "Und ja, das ist ein Problem. Ein Riesenproblem", giftet sie ihn an.

Hier beginnt eine regelrechte Selbstzerfleischung zwischen den beiden, die sich und ihre Beziehung Stück für Stück auseinandernehmen, bis nichts mehr übrig ist. Vieles kreist dabei um (sein) künstlerisches Ego. Zunächst beschimpft Malcolm die Filmkritiker und ihre abgehobene Haltung gegenüber (schwarzer) Filmkunst, der oft gar keine tiefere Bedeutung innewohne. "Wenn ich einen Lego-Film machen will, dann nicht, weil ich sagen will, dass die Säulen des amerikanischen Imperiums auf Sklavenarbeit fußen, sondern weil ich einen Lego-Film machen will", rotzt Malcolm in Richtung seiner Freundin. "Du klingst wie ein Arschloch", kontert diese. Von da an wird es nicht mehr freundlicher in diesem tempomäßig hervorragend austarierten Zwei-Personen-Stück.

"Nicht selbstverständlich"

Die eigene Freundin bei den Dankesworten zu vergessen, das ist hier fast ein Akt körperlicher Gewalt, und Marie hat dann bald auch den Kern der Malaise herausgearbeitet. Zwischen Wutausbruch und Versöhnung ist ein schmaler Grat: "Betrachte mich nicht als selbstverständlich", sagt sie, und es ist ein Satz, der vielen Paaren vermutlich geläufig ist, wenn es Streit gibt. Verletzte Egos treffen aufeinander, doch seines ist das verletzlichere: Der Mann, der alles unter Kontrolle wähnt, findet doch nur heraus, dass er es ist, der kontrolliert wird. Zugleich trifft es Williams Bells Song "I forgot to be your lover", der irgendwann aus der Stereoanlage dringt, thematisch ziemlich gut. Hier haben zwei vergessen, warum sie sich lieben.

Regisseur Levinson lässt sich die spontane Machart von "Malcom & Marie" nicht anmerken. Sein Stil zitiert Godards "Außer Atem" ebenso wie das Schwarz-Weiß von Truffauts "La peau douce" oder die irre Beziehungs-Katastrophe "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", und hat doch nichts von all diesen vermeintlichen Vorbildern, sondern wirkt trotz seines Retro-Charmes ziemlich heutig. "Malcom & Marie" erzählt konstant aus dem Blickwinkel von Marie, auch wenn Levinson einem das nicht immer auf die Nase bindet. Doch die weibliche Perspektive, sie ermöglicht eben auch Graustufen, wo Männer gewöhnlich nur schwarz und weiß sehen. Alles hat zwei Seiten, und manchmal noch mehr. Eine schmerzliche Nacht im Streit, sie bietet aber auch zarte Bande zum Neubeginn: "Ich bin die Einzige, die dir sagt, dass du ein Arschloch bist, wenn du ein Arschloch bist", sagt Marie. Das Paar könnte Zukunft haben: So eine Ansage ist zumindest eine Gesprächsbasis.