Vom Bild zum Film ist es kein weiter Weg, die Medien sind verwandt, und auch das Kino ist eine Ansammlung von 24 Einzelbildern pro Sekunde. Maria Lassnig (1919 bis 2014) hat sich abseits der Malerei schon immer auch mit dem Laufbild befasst, weil sie es als das bewegte Äquivalent zum Standbild sah. In Skizzen und Entwürfen entwickelte die Kärntner Weltkünstlerin hunderte Ideen für Filme und brachte sie in Storyboards und aufwendigen Bildbeschreibungen zu Papier. Etliche davon setzte die Künstlerin auch in die Tat um, viele davon sind verblüffende Miniaturen, einige davon wurden nie veröffentlicht, aus anderen wiederum stammen Sequenzen, die Lassnig bei Ausstellungen benutzte. Mit dem hervorragend recherchierten Band "Maria Lassnig - Das filmische Werk" ist nur das erste, umfassende Kompendium dieser Arbeiten erschienen, das detailreich aufarbeitet, wann, wo, wie und warum sich Lassnig mit dem bewegten Bild auseinandersetzte.

Die meisten ihrer filmischen Arbeiten entstanden während ihrer Jahre in New York in den 1970er Jahren. Diesem Werk kam hierzulande nur wenig Aufmerksamkeit zu, "selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 80er Jahren weltweit etablieren konnte", so die Autoren des Buches. Da sind einerseits die "kanonischen Filme", zehn an der Zahl, die Lassnig tatsächlich selbst herausgebracht hat und die auch heute noch vertrieben werden. Noch interessanter sind allerdings die als sprichwörtlicher Dachbodenfund von der Maria Lassnig Stiftung aufgearbeiteten "Films in Progress", die von den beiden Lassnig-Schülern Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko aufwendig bearbeitet und rekonstruiert wurden und dem Buch auf DVD beiliegen.

Nitsch, Köpfe, Paten

Darunter finden sich etwa kurze Filme wie "Autumn Thoughts" (1975), ein Versuch über das Spannungsverhältnis zwischen Jugend und Alter, oder "Nitsch" (1972), die Dokumentation einer New Yorker Version von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater. In "Godfather I, II, III" (1974) besucht Lassnig mit ihrer Super8-Kamera das Set von Francis Ford Coppolas "Der Pate II", weil es sich in unmittelbarer Nähe zu ihrem damaligen Atelier in der Avenue B befand. Sie ist bewusst ein Eindringling in diese Filmwelt, die Passanten immer wieder unterwürfig bestaunen. In dem Einminüter "Kopf" wandelt der Kopf der jungen Lassnig in Stop-Motion-Technik durch einen Garten, unterlegt mit Musik von Anton Webern. Lassnigs Hang zur Avantgarde ist in dem Buch omnipräsent und liebevoll mit den zahllosen Illustrationen ihres Sketchbooks belegt. Hinzu gesellen sich angenehm zugängliche Gespräche zu Lassnigs Nachlass und zur Digitalisierung und Restaurierung ihres Filmwerks, aber auch Aufsätze zu den Filmen an sich. Man gewinnt einen Einblick in die Leidenschaft Lassnigs, und die Filme helfen auch, ihre Denk-Konzepte als Malerin zu entschlüsseln.