Weshalb Netflix die Dokuserie "Move" zu einem biederen "Tanz" im deutschen Sprachraum umbetitelt hat, ist nicht nachvollziehbar. Move - also Bewegung - würde vermutlich das Interesse eines weit größeren Zuschauerkreises erwecken, als das "Tanz" kann. Denn Tanz hat immer noch den Beigeschmack des Konservativen. Demnach gar nicht passend zu der jüngsten Dokuserie: Sie porträtiert fünf Bewegungskünstler, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch sie verbindet, dass ihre Auseinandersetzungen mit Bewegung - einmal mehr, einmal weniger philosophisch -, ihre Tanzstile revolutionierten.

Streetdance als Kunst

"Streetdance kommt aus dem Ghetto und ist ein Weg, unsere Identität zu finden", sagt Charles Riley alias Lil Buck. "Er kommt aus dem Nichts und ist eine Quelle der Heilung." Eine Heilung seiner traumatischen Kindheit, die aus Rassismus, Kriminalität und Brutalität im Ghetto von Memphis, Tennessee, bestand. Autodidaktisch erlernt Lil Buck auf der Straße, rastlos übend, Breakdance-Moves. Sein Talent wird von Profis schnell erkannt: Er bekommt ein Stipendium für Ballett - "ohne Strumpfhosen", ein No-Go auf den Straßen von Memphis. Lil Buck entwickelt eine einzigartige Eleganz. Er und sein Streetdance-Kollege Jon Boogz haben sich einer Mission verschrieben: "Ich will der Welt zeigen, dass Streetdance echte Kunst ist". Zweifelsohne.

Der israelische Choreograf Ohad Naharin der Batsheva Dance Company hält einmal im Jahr ein "Gaga"-Großevent ab, um den Erlös einer Vereinigung für Bürgerrechte in Israel zu spenden. - © Netflix
Der israelische Choreograf Ohad Naharin der Batsheva Dance Company hält einmal im Jahr ein "Gaga"-Großevent ab, um den Erlös einer Vereinigung für Bürgerrechte in Israel zu spenden. - © Netflix

Ohad Naharin der Batsheva Dance Company in Tel Aviv macht mit seiner "Gaga"-Bewegungstechnik den Körper zum besten Freund, lässt Energieströme fließen und fühlen. Was nach einem Touch Esoterischem klingt, verlangt seinen Tänzern sehr komplexe, von turboschnell bis Zeitlupe fließende Bewegungsabläufe ab. Wie auch bei den anderen Tanzschaffenden, ist diese Doku-Folge dramaturgisch dahingehend aufgebaut, dass man nach einer Vorstellung des Künstlers und seines Tanzstils Einblicke in die Probenarbeit bekommt und schließlich Ausschnitte der Performance sieht. Ein simples Schema, das aber einen Vergleich der Stile auch für Tanzeinsteiger leicht macht.

Nach dem philosophischen Diskurs von Ohad Naharin folgt der spanische Tänzer Israel Galván, der für die Verwirklichung seiner Berufung mit der von seinen Tänzer-Eltern erwünschten Flamenco-Karriere bricht, und allen Widerständen und ausgebuhten Performances zum Trotz diesen machoiden Tanz von seiner Männlichkeit befreit. Auch bricht er die Gender-Normen - zwar immer noch mit klapperten Zapateados - auf.

Und dann ist da noch Akram Khan, der hierzulande vor allem durch seine Gastspiele im Festspielhaus St. Pölten bekannt ist: Er hat den klassischen indischen Tanz Kathak mit zeitgenössischen Bewegungen verschmolzen. Tanz ist für ihn "Muttersprache und Religion". Khan suchte bereits seit Kindesalter ehrgeizig seinen künstlerischen Weg, um später mit seiner beeindruckenden Tanzsprache gegen das kulturelle Erbe, gegen Gewalt und Diskriminierung auf den Straßen Londons zu rebellieren.

Die weiblichen Tanzschaffenden der Ersten Liga wurden von den Serienmachern vernachlässigt: Lediglich Kimiko Versatile in Jamaika zeigt, dass Dancehall nicht nur Popo-Gewackle ist, sondern, so Kimiko, ein Ausdruck des Widerstands einer postkolonialen Feministin. Ohne Zweifel wäre hier eine überlegtere Kuratierung von Nöten gewesen.