Eigentlich ist Helena Zengel ein ganz normales Mädchen. Wenn die zwölfjährige Berlinerin erzählt, was sie sich unter einem gelungenen Leben vorstellt, dann sagt sie: "Dass ich eine schöne Kindheit habe und irgendwann einmal in ein Haus ziehen kann".

Doch Helena Zengel hat in ihrem Alter schon etwas geschafft, wofür andere Jahrzehnte brauchen: Sie ist kurz davor, zum Nachwuchsstar in Hollywood zu werden: An der Seite von Weltstar Tom Hanks läuft sie nämlich im neuen Netflix-Western "Neues aus der Welt" mit dem zweifachen Oscar-Preisträger zur Hochform auf. Er gibt einen Kriegsveteranen, der 1870 eine Waise (Zengel) aufliest und sie zu ihren Verwandten quer durch den Wilden Westen bringen soll. Helena Zengel spielt ihre Passagen so gut, dass man sie kurzerhand für einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin nominiert hat, die Verleihung ist am 28. Februar. Damit ist die Schülerin nur mehr einen Schritt vom Oscar entfernt, der sich traditionell an den Globes-Nominierungen orientiert.

Mit Tom Hanks in der Prärie

Für Zengel begann die Sache mit der Schauspielerei schon früh. Mit fünf stand sie erstmals in einem "Spreewaldkrimi" vor der Kamera. Nach einigen Nebenrollen in TV-Serien besetzte sie Regisseurin Nora Fingscheidt für ihren Film "Systemsprenger" (2019) in der Hauptrolle. Darin spielte Zengel ein schwer erziehbares, verhaltensauffälliges Kind, dessen Mutter es von einem Erziehungsheim ins nächste steckt, weil sie völlig mit ihm überfordert ist. Auch in den Heimen geht es dem Mädchen nicht besser, sie tobt, schreit, wütet und bricht immer wieder aus.

Diese intensive Performance, die bei der Berlinale 2019 Premiere hatte und für die Zengel am Ende den deutschen Filmpreis für die beste Hauptdarstellerin erhielt, stand eindeutig Pate für ihr nunmehriges Hollywood-Debüt in "Neues aus der Welt". Auch da wird sie von Regisseur Paul Greengrass als "Wilde" gezeichnet, ohne Manieren und ungehobelt. Man könnte fast sagen: Die Gefahr eines Type-Castings ist bei Zengel schon sehr früh gegeben.

Die deutsche Presse ist jedenfalls mächtig stolz über "unser kleines Mädchen in Hollywood". So richtig vorbereitet war Helena Zengel jedenfalls nicht auf den Hype, der ihr nun ins Haus steht. Sie kannte vor Drehbeginn ja noch nicht einmal ihren Filmpartner Tom Hanks! "Ich hatte vielleicht schon Filme mit ihm gesehen, aber so richtig wusste ich nicht, wer er ist", sagt Zengel. Nachsatz: "Erst als ich die Rolle hatte, wusste ich, dass er ein echter ‚Big Deal‘ ist". Inzwischen sind beide dick befreundet und haben auch Handynummern ausgetauscht.

Vielschichtig und fragil

Doch was zeichnet Zengel aus, dass die Regisseure nun Schlange stehen bei dem Kind? "Ich hatte Helena für ‚Systemsprenger‘ sehr schnell gefunden, sie war die siebte beim Vorsprechen", sagt Regisseurin Nora Fingscheidt. "Ich dachte: ‚Nein, ich muss jetzt weitersuchen. So schnell kann das nicht gehen!‘ Dann habe ich weitere 150 Mädchen gecastet. Aber irgendwann war mir klar, dass ich mal aufhören muss, weil ich immer wieder an Helena zurückgedacht habe. In allen anderen hatte ich die Vielschichtigkeit gesucht, die nur Helena hatte. Die diese Gewalt mit einer Not und Verletzlichkeit koppeln konnte, einer Fragilität. Bei ihr war das immer ein existenzielles Drama und nicht bloß eine verwöhnte aufmüpfige Göre, die randalieren will". Zengel habe die Fähigkeit, sofort in eine Rolle zu wechseln, und in den Drehpausen einfach munter wie ein kleines Mädchen auf dem Flur zu spielen, während erwachsene Kollegen oftmals auch in den Pausen in der Rolle blieben. Das, so Fingscheidt, sei überhaupt der Schlüssel zu einem guten Schauspiel: "Helena kann loslassen. Erwachsene denken einfach zu viel".