Zuerst war da ein Shitstorm: Hatte die 45-jährige australische Popsängerin Sia doch ihre erste Filmregie-Arbeit "Music" über ein autistisches Kind mit einer Nicht-Autistin besetzt. Das rief bei vielen Fans Unverständnis hervor, man wollte den Film boykottieren. Das war im Herbst 2020.

Nun kommt der Film pandemiebedingt nicht in die Kinos, sondern ins Streaming-Programm von Amazon Prime Video. Dort ist die junge Tänzerin und Schauspielerin Maddie Ziegler als autistisches Mädchen zu sehen; sie ist jene Person, die Sia bereits in vielen ihrer Musikvideos als ihr Alter Ego auftreten ließ, weil sie sich selbst fast nie zeigt. Die junge Ziegler verlieh den Songs der Pop-Sängerin eine Aura von Frische, von Unschuld und auch von großer Jugendlichkeit. Etwas, das der Popstar in seinen Augen schon verloren hatte, als es mit der großen Karriere endlich klappte. Hits wie "Chandelier", "The Greatest" oder "Cheap Thrills" begeisterten die Fans und sind vom Soundteppich der Formatradios nicht mehr wegzudenken. Sias Sound ist frenetisch, bombastisch, sphärisch und melodisch.

Freundschaft, Liebe, Sucht

Mit "Music" überträgt sie ihre musikalischen Vorlieben auf das Filmmetier. Es gibt viel Pathos und viel Theatralik in dieser Geschichte um ein autistisches Mädchen, das seiner Lebensumgebung beweisen will, wie wichtig Freundschaft und Kreativität für das Dasein sind.

Im Film kommt Zu (Kate Hudson) wie die Jungfrau zum Kind: Sie, die bisher eher sorgenfrei gelebt, aber immerhin gerade erst ein Suchtproblem unter Kontrolle gebracht hat, kommt ziemlich plötzlich in die Situation, sich um ihre Stiefschwester Music (Ziegler) kümmern zu müssen, aber sie kommt leider gar nicht klar mit dem Autismus des Mädchens. Es beginnt ein Kampf: Wie soll sich eine Frau um jemanden kümmern, die augenscheinlich ihr eigenes Leben kaum unter Kontrolle halten kann? Es wird ein Nachbar sein, der unvermutet Hilfe leistet.

Die Geschichte hat Sia als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin umgesetzt, und weil sie Musikerin ist, ist "Music" auch eine musicalhaft mit zahlreichen Nummern versehene Revue geworden, zu der es auch einen Soundtrack gibt, der als eigenständiges Album erscheint. Gerade die Optik dieses Films erinnert auch an Videoclips, allerorts gibt es Tanz- und Musikeinlagen, sehr bunt inszeniert und von einer durchaus einprägsamen Gestalt. Es sind kraftvolle Bilder, und bei den bevorstehenden Golden Globes konnte "Music" gleich Nominierungen für Kate Hudson und für das beste Musical abstauben.

"Ich hatte echt Angst, diesen Schritt zu gehen und einen Film zu drehen", sagt Sia, die eigentlich lieber eine unbekannte Songschreiberin geblieben wäre und Hits für Beyoncé, Rihanna oder Kylie Minogue geschrieben hat. Doch der Star-DJ David Guetta wollte einen Demosong unbedingt mit ihr einsingen, und so wurden Hits wie "Flames", "Titanium" oder "Let’s Love" weltbekannt - und Sia selbst zum Star.

"Fühle mich als Regisseurin"

"Bei ‚Music‘ war ich mir nicht sicher: War ich wirklich eine Regisseurin, oder bloß eine Sängerin mit guten Ideen", fragt sich Sia. "Ich bin froh, dass ich es versucht habe, denn jetzt fühle ich mich wirklich als Regisseurin."

Drei Jahre der Recherche liegen "Music" zugrunde, und der Shitstorm betreffend der Besetzung ist auch überwunden. "Ich denke, Maddie hat ihre Sache in der Rolle so außergewöhnlich gut gemacht, und das kann man sehen. Ich hatte es mit einer autistischen Schauspielerin versucht, doch deren Mutter hat das gestoppt, weil es für ihre Tochter zu stressig wurde", sagt Sia. Der Internet-Protest hat sich inzwischen gelegt, der Film ist dank der Globes-Nominierungen auch auf Oscar-Kurs.

Doch für Sia ist das alles nur Nebensache, wie sie betont. Die Sängerin hat ihren größten Triumph über ihre Alkohol- und Tablettensucht gefeiert, die sie vor mehr als zehn Jahren hinter sich brachte. Viele ihrer Freunde starben an der Sucht, sie selbst sieht sich als Gerettete. Und nunmehrige Adoptiv-Mutter zweier Teenager. Glaubhaft ist daher, dass sie sagt: "Preise bedeuten mir wenig". "Music" ist deshalb auch mehr der persönliche Ausdruck einer Künstlerin denn ein kalkuliertes Marketing-Produkt für die Awards-Season. Welcher Film kann das heute noch von sich sagen?