In der Favoritenstraße, die sich durch den kompletten 10. Wiener Gemeindebezirk zieht, gibt es viele Geschäfte, Bars und Shops, die man generell gerne in die Schmuddelecke stellt. Von Frühbars bis Call-Shops ist alles dabei, aber es gibt auch Küchenstudios, Bäcker und Wettbüros. Mittendrin, an der Ecke zur Kennergasse, präsentiert sich das Fortuna-Kino als inzwischen letztes Erotikkino des Landes.

Ein Ort, der seine Klientel gerne mit viel nackter Haut verwöhnt; aber auch ein Ort, an dem Betreiber Mario Adlassnig seit neun Jahren in einer zweiten Programmschiene des Kinos seiner ganz persönlichen Leidenschaft frönt: "Ich zeige hier Kino-Nostalgie.Es geht um die großen Filmklassiker, darunter finden sich alte James-Bond-Filme ebenso wie die Tarzan-Abenteuer mit Johnny Weissmüller", schwärmt Adlassnig. Er sieht sich als Kinobetreiber, der mit viel Herzblut für die Kinokultur kämpft und bei dem man "auch noch in 100 Jahren Filmklassiker auf 35mm sehen können soll".

Er war im Sitzstreik, mit einem Sarg als Spendenbox: der Chef des Fortuna-Kinos, Mario Adlassnig, vor seinem Juwel. - © Fortuna-Kino
Er war im Sitzstreik, mit einem Sarg als Spendenbox: der Chef des Fortuna-Kinos, Mario Adlassnig, vor seinem Juwel. - © Fortuna-Kino

Doch der Enthusiast ist auf die zahlende Kundschaft des Erotikbetriebes angewiesen. "Die Erotik erhält das Kino, sonst wäre hier schon in den 1970er Jahren Schluss gewesen", sagt Adlassnig. "Mir persönlich geht es wirklich um das Kino, das es seit 1918 gibt. Und die Erotikkunden sorgen dafür, dass es weiter bestehen kann, dafür bin ich sehr dankbar." Täglich zählte Adlassnig rund 20 Besucher, das hat gereicht, "um bisher alle neun Jahre keinen einzigen Monat negativ abzuschließen", berichtet der Unternehmer.

Sitzstreik mit Spendenbox
in Sarg-Form

Doch dann kam Corona. Mit der Zwangsschließung der Kinos, die bislang noch andauert und von der keiner wirklich sagen kann, wann sie zu Ende geht, musste auch das Fortuna schließen - Adlassnig suchte wie viele andere Unternehmer auch um die Hilfen aus den diversen Corona-Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Stadt an. Bisher floß allerdings nur bedingt Geld. "Der Dezember-Umsatzersatz ist schon gekommen, aber auf den vom November warte ich bis heute, und keiner kann mir sagen, wieso", schildert der Kinobetreiber, der außerdem eine Gastro-Konzession hat. "Ich bin also quasi doppelt betroffen."

Also hat sich Adlassnig unkonventionelle Methoden überlegt, wie er um Aufmerksamkeit buhlen kann. Bei einem Sitzstreik vor dem Kino hat er kürzlich Spenden für den Fortbestand gesammelt, und zwar in einer Spendenbox in Form eines Sarges. Die Aktion erregte mediale Aufmerksamkeit, viele Zeitungen berichteten, doch eine Lösung ist in weiter Ferne. "Der Stand der Dinge: Augenringe", zieht Adlassnig eine maue Bilanz. Immerhin: Ein weiterer Spendenaufruf über Facebook war so erfolgreich, dass Adlassning nun damit rechnet, das Kino auch noch über den Schließmonat März zu bringen. "Es geht nicht um große Summen, uns hilft wirklich jeder Euro."

Bisherige Bemühungen um Förderungen vom Bezirk oder vom Bund blieben noch ungehört. Adlassnig vermutet, dass es wegen der programmatischen Ausrichtung seines Filmangebots keine schnellen Hilfen geben kann, denn: "Man will uns nicht als Programmkino sehen, wegen des Erotik-Anteils im Programm. Das ist eine Sauerei, denn wir waren bereits Austragungsort von Porno-Festivals, die durchaus Fördergelder erhielten, aber das Fortuna-Kino bekommt nichts."

Hintergrund von Adlassnigs Unmut ist die kürzlich von der Stadt Wien beschlossene Sonderförderung von einer Million Euro für die 13 Programmkinos der Stadt, darunter für die Breitenseer Lichtspiele, das Gartenbau, Metro, Burg, Actors, Urania oder Haydn. Man will damit die Kinokultur erhalten. "Wien ist stolz auf die in Europa wohl einmalige diverse Kinolandschaft und unterstützt mit aller Kraft deren Erhalt und Weiterentwicklung", meinte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Dem voran waren Forderungen der IG Programmkino gegangen, endlich "klare, praktizierbare Vorgaben für ein wirtschaftlich vertretbares Aufsperren und für eine mittelfristige Planung für Kinos" zu erhalten.

Porno ist kein Programm!
Ein Irrtum?

Das Fortuna-Kino gilt den Förderern jedoch wie gesagt nicht als "Programmkino". Ein Irrtum, wie Adlassnig findet: "Sex und Erotik gehören zu unserer Kultur, denn ohne Sex würden wir jetzt nicht die Erde verseuchen. Prostitution war im alten Rom seinerzeit hoch angesehen. Zu leugnen, wir hätten kein Programm, ist absurd. Denn im Gegensatz zu Online-Portalen wie Youporn, die ein völlig verdrehtes Bild von Sexualität zeichnen, das nichts mit der Realität zu tun hat, spielen wir handverlesene Filme mit Handlung", erklärt der Kinobetreiber. Dazu gehörten unter anderen die Josefine-Mutzenbacher-Filme oder auch Vintage-Kultperlen wie "Kasimir, der Kuckuckskleber" (1977).

"Es wird immer schwieriger, solche Raritäten zu bekommen", erzählt Adlassnig. Vor allem als 16-Millimeter-Filmprojektion würden die Möglichkeiten immer geringer. "Das Internet macht uns hier einen Strich durch die Rechnung. Denn dort gibt es alles gratis, weshalb die Pornoindustrie kein Geld mehr hat, professionelle, aufwendige Filme zu drehen, bei denen die Darsteller nicht ausgebeutet werden", ortet Adlassnig einen Paradigmenwechsel in der Branche. Als letzter Betreiber eines Erotikkinos in Österreich, "wo es nicht bloß Boxen und Glory Holes gibt, sondern der Film auf der großen Leinwand im Zentrum steht", wähnt er sich als Unikat.

Ein Unikat übrigens, bei dem es Corona-bedingt keine Probleme mit dem Abstandhalten gäbe: "Bei 20 Besuchern und 63 Sitzplätzen lässt sich der Abstand gut realisieren." Und das obligate Desinfektionsmittel, es war im Fortuna schon lange vor Corona ein Muss.

Damit das Traditionskino mit der hybriden Programmausrichtung eine Zukunft hat, müsste es "so bald wie möglich wieder aufsperren", sagt Adlassnig. Er weiß allerdings auch: Mindestens ebenso dringend wie die Spenden der Gönner braucht er jetzt den Zuspruch der Glücksgöttin, die dem Kino ihren Namen gab.