Bisher war man vom Micky- Maus-Konzern eher familientaugliche Unterhaltung gewöhnt, und die gab es auf dem vor gut elf Monaten in Österreich gestarteten Streamingdienst Disney+ mehr als genug: Denn Disney hatte dort vom Start weg nicht nur die eigenen Klassiker von "Bambi" bis "Dschungelbuch" im Programm, sondern auch Serien, Filme, Naturdokus und jede Menge Unterhaltung für Kinder und Familien. Dazu die eingekauften "Star Wars"-Filme und den gesamten Marvel-Content, den Disney ebenfalls anschaffte.

Das Problem: Ein erwachsenes Publikum erreichte Disney+ damit nur bedingt. Dies soll sich jetzt ändern, und so startet heute, Dienstag, ein weiterer Sub-Kanal bei Disney+, der sich schlicht Star nennt. Irgendwo muss schließlich auch all die Filmware untergebracht werden, die man 2019 beim Erwerb des einstigen Studiogiganten "20th Century Fox" von Rupert Murdoch zugekauft hat. Mit Star ist nun ein Abspielkanal vorhanden, der sich mit Filmen und vor allem Serien auf die Zielgruppe stürzt, die Disney bislang wenig beackert hat: Die Netflix- und Amazon-Prime-Klientel.

50 Erstausstrahlungen

Zum Start gibt es unter den zahlreichen Titeln auch vier Star-Originals: "Solar Opposite", "Helstrom", "Love, Victor" und "Big Sky" - allesamt Serien, bei denen Disney die Hochwertigkeit betont. Bis Ende des Jahres sind etwa 50 Erstausstrahlungen geplant, wie man bei einer Medienpräsentation vergangene Woche enthüllte. Und weil Disney dank der Pandemie von einem regelrechten Streaming-Boom profitiert hat - immerhin konnte man in weniger als einem Jahr 95 Millionen zahlende Kunden gewinnen -, ist genug Geld da, um auch in lokale Filme und Serien zu investieren. Disney kopiert bei Star also das Prinzip, mit dem Netflix seit Jahren erfolgreich ist: Einerseits lokale Märkte mit lokalen Produktionen zu bespielen, die andererseits dann auch weltweit reüssieren können und für einen völlig neuen Zugang zu Märkten sorgen, die Filmemacher vor dem Streaming-Zeitalter niemals erreicht hätten.

Allein in Europa sollen bis 2024 insgesamt 50 neue Produktionen für Star realisiert werden. "Die ersten zehn in Deutschland, Frankreich, Italien, und den Niederlanden genehmigten Projekte umfassen verschiedene Genres wie Dramen, Komödien, Science-Fiction und Dokumentarfilme; eine Reihe weiterer Projekte befindet sich außerdem in der Entwicklung", so der Content-Verantwortliche bei Disney, Diego Londono, der nach besonderen Projekten sucht: darunter ein Mafia-Thriller aus weiblicher Perspektive, erfrischende romantische Dramen oder übernatürliche Mystery-Serien. "Mit unserer Strategie zur Auftragsvergabe demonstrieren wir unser Engagement, erstklassige Originals zu produzieren, die sowohl auf die lokalen Märkte zugeschnitten sind, dabei aber auch das kreative Ziel ins Auge gefasst haben, ein weltweites Publikum damit anzusprechen", sagt Londono.

Entertainment aus Europa

"Europa genießt auf der ganzen Welt den Ruf eines kreativen Powerhouse, was in Kombination mit Disneys Expertise im Bereich des hochwertigen Storytellings und seinen Beziehungen zu Top-Talenten auf und abseits des Screens sicherstellen wird, dass Disney+ die erste Adresse für spannendes und ansprechendes Entertainment in Europa ist."

Die erste Adresse also. Netflix sollte sich warm anziehen. Vor allem auch, weil die Disney+-Welt nach wie vor konkurrenzlos günstig ist: Zwar gibt es mit dem Start von Star auch eine Preiserhöhung von zuletzt 6,99 Euro auf nunmehr 8,99 Euro pro Monat. Dieser Preis ist angesichts der Konkurrenz (Netflix kostet in HD mindestens 12,99 pro Monat) aber immer noch günstig.

Und was geschieht mit den Interessen der jüngeren Zuschauer? Die werden einerseits ebenfalls mit einer Offensive belohnt: Im Dezember 2020 kündigte Disney zehn Star-Wars-Serien und zehn Marvel-Serien sowie 15 Disney-Live-Action-, Disney-Animations- und Pixar-Serien für die nächsten Jahre an. Andererseits werden die Jüngsten bei Star entsprechend geschützt: Künftig lässt sich unter Disney+ nämlich eine Kindersicherung aktivieren. Der Micky-Maus-Konzern will in seinem Kernangebot schließlich jugendfrei bleiben.