Es gibt Filme, die haben schon vor ihrem Erscheinungstermin Filmgeschichte geschrieben. "Songbird" ist so eine Produktion. Er wird als der erste Film, der während der Pandemie gedreht wurde und auch von der Pandemie handelt, in die Geschichte eingehen. Das ist aber auch der einzige Grund, weshalb man sich an ihn später einmal erinnern wird.

Die Amerikaner Adam Mason und Simon Boyes wollten im Frühjahr 2020 eigentlich bloß einen handelsüblichen Monsterpandemiefilm drehen, doch dann kam ihnen mit Covid-19 zufällig ein waschechter Plot unter, den sie eifrig ins Drehbuch integrierten beziehungsweise dieses komplett umschrieben. Alles ging sehr schnell, als sich Spektakelmeister Michael Bay als Produzent ins Projekt einkaufte. Mit strengen Sicherheitsvorkehrungen und kleiner Crew gedreht, war der Film bereits im Sommer fertig und wurde Ende 2020 immerhin in zehn Ländern herausgebracht. Seit Mitte Februar ist er nun auch im Programm von Amazon Prime Video zu sichten.

Die Pandemie wird schlimmer

Adam Mason, der auch Regie führte, erzählt in seiner Geschichte die Pandemie weiter und stellt in den Raum, dass das Schlimmste noch vor uns liegt. Im Jahr 2023 mutiert das Virus einmal mehr, diesmal zu einer noch tödlicheren Variante: Covid-23 greift direkt das menschliche Gehirn an, die Krankheitsverläufe enden oft bereits nach Stunden tödlich. Impfstoff gibt es keinen, sodass die Realität im Los Angeles des Jahres 2024 düster aussieht: Bei weltweit mehr als 110 Millionen Toten und einem bereits vier Jahre andauernden Total-Lockdown, gibt es nur mehr wenige Menschen, die in L.A. auf die Straße dürfen. Die Armee kontrolliert mit eiserner Faust, allmorgendlich werden alle Bewohner der Stadt via Computer auf das Virus getestet. Wer krank ist, wird von einer eigenen Polizeieinheit aus der Wohnung geholt und in ein Q-Camp, ein Quarantäne-Camp, gesteckt. Bislang, so erzählt man sich, ist es noch niemandem gelungen, diese Q-Camps wieder lebend zu verlassen.

Nur wenige Menschen sind auf seltsame Weise gegen Covid-23 immun. Der Fahrradbote Nico (K.J. Apa) ist einer von ihnen. Ein gelbes Armband auf seinem Unterarm signalisiert es der Armee und der Polizei: Nico darf passieren und seine Arbeit verrichten. Die Pakete, die er zustellt, werden bei den Hauseingängen in Briefkästen mit UV-C-Strahlen desinfiziert. Nico, der in Sara (Sofia Carson) verliebt ist, hat sie noch nie im echten Leben gesehen, denn Sara ist nicht immun und darf ihre Wohnung nicht verlassen. Als ihre Oma an Covid-23 erkrankt und stirbt, wird Sara zur Gejagten, denn man will sie vorsorglich in ein Q-Camp stecken. Nico kennt vielleicht einen Ausweg: Die Geschäftsfrau Piper Griffin (eher wie eine Karikatur: Demi Moore) handelt mit den begehrten Armbändern, verkauft sie illegal an Leute, die ihren Ausbruch planen. Allein: Nico und seiner Freundin fehlt das nötige Kleingeld von 150.000 Dollar für das gelbe Armband.

Ein Vorab-Shitstorm

"Songbird" musste schon beim Erscheinen des ersten Trailers einen Shitstorm aushalten: Man warf dem Film vor, mit den Ängsten der Menschen zu spielen, gerade, weil sein Thema realistischer ist als die so manch anderer Sci-Fi-Thriller. Die Q-Camps und die Allmacht der Polizei würden zudem in die Hände der Verschwörungstheoretiker spielen, meinten Kritiker. Der große Event-Film würde "Songbird" also angesichts des Themas sowieso nicht werden, und so ließ man ihn ziemlich unbeworben vom Stapel.

Alles viel Lärm um nichts: Denn Regisseur Mason lässt hier wirklich jede Gelegenheit aus, "Songbird" zum Faszinosum zu machen. Weder wählt er die Möglichkeit, aus der Dauerquarantäne ein packendes Psycho-Kammerspiel zu machen, noch lässt er - mit Ausnahme einer einzigen Luftaufnahme - seine Zuschauer einen Blick ins Innere der Q-Camps werfen; der verbrecherische Umbau einer Demokratie zum totalen Überwachungsstaat in bester NS-Manier hätte ebenfalls einen interessanten Film ergeben, aber auch diesen erzählt Mason nicht.

An allen wesentlichen Anknüpfungspunkten driftet er vorbei: Als Saras Oma stirbt, vertieft Mason auch nicht die schauerliche Gefährlichkeit des Virus. Dass die gelben Armbänder die Freiheit bringen, benutzt er für einen platten Plot über Armband-Schmuggel als Folge des menschlichen Überlebenstriebs. Den heldenhaften Fahrradboten besetzt er mit "Riverdale"-Serienschönling K.J. Apa, der nur begrenzte mimische Fähigkeiten zeigt. Auch ein großes Weltuntergangsszenario, das Hollywood so gern ausstellt, bietet "Songbird" nicht - dazu fehlte es wohl an Budget. Mason entschied sich lieber für ein lauwarmes Beziehungsdrama, bei dem keiner den anderen wirklich kennt. Das ist irgendwie putzig, aber kein Sci-Fi-Thriller. In der Filmgeschichte ist für so ein verunglücktes Machwerk kein Platz.