Berlin. Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian hatten sich ihr zweites Filmfestival als Führungsduo der Berlinale wahrlich anders vorgestellt. Noch im Sommer, am Rande der Filmfestspiele von Venedig, die trotz Corona und mit einem ausgetüftelten Hygienekonzept real stattfinden konnten, war man sich in Berlin sicher: Das können wir auch!

Geplant wurden eigene Fototermine im Freien, ein roter Teppich mit begrenzten Zugängen und genug Abstand, Premieren mit FFP2-Masken. Aber Corona vereitelte die Umsetzung. Und so entschied man, die heurige Berlinale zweizuteilen: Von 1. bis 5. März findet nun für die Branche und die Presse ein abgespecktes Filmfestival statt, das allerdings ausschließlich online veranstaltet wird. Erst im Juni will man dann das Berliner Publikum mit einem echten Filmfestival beglücken, wenn, ja wenn es die Corona-Lage zulässt. Der Wettbewerb wurde auf 15 Filme verschlankt, die Presse und die Filmverleiher und Branchengäste können via persönlichem Zugang fünf Tage lang im heimischen Wohnzimmer die Filme streamen und das eine oder andere Interview mit den Machern via Online-Konferenz führen. Glamour sieht anders aus.

Aber immerhin: Die Berlinale findet statt, das ist besser, als sie ganz ausfallen zu lassen, darüber ist sich inzwischen auch das deutsche Feuilleton einig. Die "Welt" kommentierte etwa: "Die Berlinale ist ein Leuchtturm, und Leuchttürme schaltet man nicht einfach aus. Sie hat eine Position zu verteidigen im weltweiten Kulturkalender." Wie wahr: Denn wenn die Filme hier nicht laufen, schnappt sich ein anderes A-Festival mit klimatisch günstigeren Bedingungen die heiß begehrten Filme. Wobei: Carlo Chatrian, vormals Leiter der Filmschau in Locarno, hat in seiner Auswahl traditionell eher einen Hang zur hohen Kunst, wohingegen bei Vorgänger und Berlinale-Langzeitchef Dieter Kosslick doch immer auch breitenwirksame Blockbuster Eingang ins Programm fanden.

Schrader und Brühl

Und so sieht man heuer in Berlin (oder besser: daheim auf dem PC) neue Filme von Künstlern wie Celine Sciamma, Hong Sangsoo, Xavier Beauvois, Radu Jude oder Ryusuke Hamaguchi. Das deutsche Kino ist stark vertreten, Dominik Graf etwa ist mit der Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" mit Tom Schilling in der Hauptrolle dabei. Im Wettbewerb läuft auch Maria Schraders "Ich bin dein Mensch", und Schauspieler Daniel Brühl stellt (mit sich selbst in der Hauptrolle) sein Regiedebüt "Nebenan" vor. Aus Österreich sind bei dieser digitalen Corona-Berlinale diesmal keine Filme dabei.

Dass die Berlinale die Anstrengung einer nur für Branche und Presse zugänglichen Digitalausgabe unternimmt, hängt übrigens maßgeblich mit dem "European Film Market" zusammen, der zeitgleich stattfindet - er hat sich als finanzkräftiger Umschlagplatz für Filmware etabliert und will durch ein Ausfallen die Bühne nicht der Konkurrenz von Cannes überlassen. Dafür sind die Rechte-Deals mit Filmen einfach zu lukrativ. Schade ist nur, dass die Berlinale damit ihr Standing als beliebtes Publikumsfestival erst einmal beschädigt. Denn wer weiß schon, ob das Publikum im Juni wirklich leibhaftig anreisen darf?