Langgediente Filmjournalisten kennen sie noch, die "guten, alten Zeiten", als die Filmverleiher und Studios einen hofiert und Pressereisen zu Interviews gezahlt haben, bei denen die Nächtigung im Fünf-Sterne-Hotel inkludiert war. Ältere Kollegen berichten gar von zusätzlich "ein paar Hundertern" Taschengeld, das die Marketingabteilungen für die Journalisten springen ließen, oder auch feine Restaurantbesuche. Das meiste davon hat sich inzwischen aufgehört, denn zu schnell steht dann ein Bestechungsversuch im Raum; viele Medien haben erkannt, dass ihre Glaubwürdigkeit dann leiden würde, und den Studios ist das inzwischen auch zu heiß.

Es gibt allerdings offenbar noch einen Bereich, wo die Studios tief in die Tasche greifen, wenn es um das Wohlwollen der Journalisten geht. Die "Los Angeles Times" hat dieser Tage eine Praxis rund um die Vergabe der Golden Globes aufgedeckt, die es in sich hat: Die Globes gelten nach dem Oscar als zweitwichtigster Filmpreis in den USA. Wer hier nominiert wird, taucht mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei den Oscars auf den entsprechenden Nominierungslisten auf.

Sind die Globes korrupt?

Stein des Anstoßes: Die Netflix-Serie "Emily in Paris" wurde für den Globe nominiert. - © Netflix
Stein des Anstoßes: Die Netflix-Serie "Emily in Paris" wurde für den Globe nominiert. - © Netflix

Der Unterschied ist: Während die Oscar-Academy gut 9.000 Mitglieder hat, die geheim über die Sieger abstimmen, ist der Organisator der Golden Globes eher ein kleiner Verein: Die "Hollywood Foreign Press Association" (HFPA), also die Vereinigung der Auslandspresse in Hollywood, zählt gerade einmal 87 Mitglieder; allesamt in L.A. wirkende Filmjournalisten, die von dort in ihr jeweiliges Heimatland über Hollywood berichten. Aus Österreich gehören die beiden Journalistinnen Elisabeth Sereda und Barbara Gasser dem Verband an.

Die elitäre Runde der HFPA steht schon länger in der Kritik vieler Beobachter: Einerseits, weil man dem Verein vorwirft, dass kein einziges seiner 87 Mitglieder schwarz ist - und heuer, bei der 78. Verleihung, die am kommenden Sonntag über die Bühne geht - keine einzige Produktion von schwarzen Filmemachern oder mit schwarzen Hauptfiguren nominiert wurde. Andererseits berichtet die "Los Angeles Times" auch darüber, dass mitunter Bestechung im Spiel ist, wenn die Globes vergeben werden. Kann man sich einen Golden Globe also kaufen?

Anlass für die Vorwürfe ist die in diesem Jahr nominierte Netflix-Serie "Emily in Paris". Diese fiel nicht nur bei der Kritik durch, sondern steckt auch voller Klischees und ist von einer Preis-Relevanz eher entfernt. Die "Los Angeles Times" recherchierte hierzu jedoch, dass das Studio Paramount Network, das die Serie produzierte, insgesamt 30 HFPA-Mitglieder zu einem luxuriösen Set-Besuch zu den Dreharbeiten nach Paris eingeflogen hat, bei dem es besagte Fünf-Sterne-Hotels als Quartiere gab und Fünf-Sterne-Restaurants zur Verköstigung. Der Beitrag legt nahe, die HFPA-Mitglieder könnten in ihrer Urteilskraft über die Serie durchaus beeinflusst worden sein. Der hässliche Begriff "Korruption" steht plötzlich im Raum.

Alles ein alter Hut!

Die gerade 87 Mitglieder seien die perfekte Zielscheibe für die Marketing-Abteilungen der Studios, so die "Los Angeles Times" weiter. Die HFPA hinke der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklung hinterher, in Zeiten von #MeToo und "Black Lives Matter" würde man diese Probleme eher ausblenden und lieber in alten Hollywood-Klischees leben. Auch einige (anonym gebliebene) HFPA-Mitglieder sähen das so, Änderungen würden im Raum stehen.

Die sind dringend nötig, denn die HFPA war bereits mehrfach in Schwierigkeiten. Erst im Herbst klagte die norwegische Journalistin Kjersti Flaa die HFPA, weil ihr die Aufnahme verweigert wurde. Flaa wetterte daraufhin öffentlich, die HFPA sei eine Art Kartell, dessen Mitglieder tausende von Dollar von den Studios erhielten, deren Filme sie prämierten; qualifizierte Bewerber würden hingegen rigoros ausgeschlossen.

"Als ob man das nicht alles schon seit Jahren wüsste", gaben sich etliche schwarze Filmemacherinnen und Schauspielerinnen via Twitter amüsiert über die jüngsten Schlagzeilen zur HFPA. An deren Umgang mit der Filmwelt habe man sich leider schon gewöhnt. Und die HFPA? Sagt bloß, dass sie sich "als kulturelle Institution" sieht, die die "kreative Kraft von Film und TV in Hinblick auf die Bildung der Menschen weltweit" fördern will.

Was bedeutet das für die Verleihung am Sonntag? Diese steht erstmals ohnedies unter einem völlig neuen Stern, denn anstatt aus Los Angeles zu senden, wird die Gala zweigeteilt: Auch in New York wird es ein Studio geben, bei dem manche Stars persönlich, manche via Video zugeschaltet werden. Corona verunmöglicht eine Show vor Publikum. Mit sechs Nominierungen führt "Mank" bei den Filmen vor "The Trial of the Chicago 7" (fünf) und "Nomadland" (vier), bei den Serien steht "The Crown" (sechs) hoch im Kurs. Wenn die Vorwürfe an die HFPA stimmen, dann haben die Studios also jede Menge Geld für diese Ausgangslage hingeblättert.