Céline Sciamma ist seit Jahren mit ihren Filmen in den Kreisen der Filmkunstliebhaber höchst begehrt, weil ihr Kino einerseits von einer gewissen Sprödigkeit ist, zugleich aber auch ins Herz geht; es geht bei ihr oft ums Erwachsenwerden, um junge Mädchen und Frauen, die ihren Weg und ihre Bestimmung finden wollen oder sollen; "Water Lillies" (2007), ihr Langfilmdebüt wurde in Cannes viel beachtet, "Tomboy" (2011) über ein Mädchen, das sich im falschen Körper wähnt, verhandelte gefühlvoll und ohne große Regung die Innenwelt und die zwischenmenschlichen Sehnsüchte Heranwachsender. Vielleicht ist das das Kernmerkmal aller ihrer vier bisherigen Filme, und auch der neueste, fünfte, passt hierzu: In "Petite Maman" ("Kleine Mutter") gelingt Sciamma eine unaufgeregte, dadurch umso anziehendere Rückschau auf die (eigene) Kindheit. Die achtjährige Nelly gerät nach dem Tod ihrer Großmutter in deren verlassenem Haus im Wald in eine Zeitschleife, die sie 25 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Dort trifft sie auf ihre damals gleichaltrige Mutter Marion, der eine Operation bevorsteht; kurze Zeit bleibt den Mädchen, sich zaghaft anzunähern und das Baumhaus zu vollenden, das Marion begonnen hat.

Es wird nicht viel erzählt in Sciammas Filmen, auch "Petite Maman" ist da keine Ausnahme; aber die Leerstellen, die die Regisseurin ihrem Publikum gönnt, eigenen sich sehr dazu, sich in einer ganz eigenen Geschichte zu verlieren. Ein Umstand, den Sciamma ganz bewusst einsetzt, wie sie verrät: "Dieser Film ist derjenige in meiner Filmografie, der bisher am meisten mit dem Publikum zusammenarbeitet", sagt Sciamma. "Kino ist immer eine Zusammenarbeit mit dem Zuschauer. Jeder Film braucht unser Herz und unser Hirn, um sein Universum zu entfalten. Ein Film muss dir Raum geben für deine eigene Geschichte, die du dadurch erlebst".

Céline Sciamma (rechts) mit ihren Darstellerinnen beim Festival in Cannes 2019: Damals, vor Corona, konnte sie mit ihrem Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" überzeugen - © Katharina Sartena
Céline Sciamma (rechts) mit ihren Darstellerinnen beim Festival in Cannes 2019: Damals, vor Corona, konnte sie mit ihrem Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" überzeugen - © Katharina Sartena

Sciamma stellt für "Petite Maman" die Kindheit in den Mittelpunkt ihrer Beobachtungen. "Dieser Film wurde aus der Sicht des Zuschauers gedreht, nicht aus der Sicht der Figuren. Und mir war wichtig, den Film aus Kindersicht zu entwickeln. Die Kindheit ist mir wichtig, ich nehme Kinder genauso ernst wie Erwachsene". Der Wald als Hauptort der Begegnung der zwei Mädchen ist jenem Wald nachempfunden, in dem auch Sciamma als Kind spielte. Wegen der Corona-Pandemie drehte man vorsorglich allerdings im Studio, wo Sciamma das Waldstück mitsamt Baumhaus nachbauen ließ. "Ich wollte den Lockdown nicht als reine Schreib-Session sehen, sondern lieber trotzdem versuchen, diesen Film zu drehen. Ich drehte zuvor noch nie im Studio, aber Corona machte es notwendig, um abgeschottet zu arbeiten und das Virus nicht hereinzulassen. In diesem Setting ließ sich sehr gut arbeiten. Und so konnte ich den Wald und auch die Zimmer und Flure des Hauses meiner Oma so nachbauen, wie ich sie in Erinnerung hatte".

Sciamma nennt ihren nur 72 Minuten langen Film einen "Zeitreisefilm ohne Zeitmaschine, die Magie liegt dabei im Schnitt und ich finde, dass Filme generell Zeitmaschinen sind. Der Film sollte zeitlos sein, obwohl er durch die Zeit reist. Ich gebe zu, das klingt schon ein bisschen verrückt". Aber das Experiment glückt, "Petite Maman" erzählt dann auf ganz wundersam einfache Weise, was eine Generation der nächsten weitergibt. Und das ist schön anzusehen.