Er war Mister Berlinale. Dieter Kosslick dirigierte mit seinem weltumarmenden Charme das Internationale Filmfestival in Berlin fast zwanzig Jahre lang. Der 72-Jährige prägte es wie kaum ein anderer. Jetzt ist seine Biografie mit dem Titel "Immer auf dem Teppich bleiben" erschienen. Der "Wiener Zeitung", verrät der umtriebige Schwabe, wie er eine Großbaustelle zum Stillstand brachte, damit die Rolling Stones ungestört logieren konnten, Stars ins wintergraue Berlin lockte und mit einem Ehrengast beinahe einen Weltkrieg ausgelöst hätte.

"Wiener Zeitung": Herr Kosslick, Streamingdienste sind die Gewinner der Pandemie. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass das Kino ein Comeback hat?

Dieter Kosslick: Das Kino ist 125 Jahre alt. Das hat ganz andere Krisen überlebt. Als der Tonfilm aufkam, sagte Charlie Chaplin: Schluss mit dem Geschepper. Das Fernsehen konnte den Film nicht kaputtmachen. Selbst Streaming wird das meiner Meinung nach nicht schaffen. Auch wenn natürlich klar ist, dass die Prämisse "Kino zuerst" nicht mehr funktioniert. Die Vorauswertung in den Kinos ist sicher vorbei. Die Filme werden gleichzeitig parallel laufen.

Mit Hut und rotem Schal prägte Kosslick lange Jahre nicht nur optisch die Berlinale. - © apa / dpa / Britta Pedersen
Mit Hut und rotem Schal prägte Kosslick lange Jahre nicht nur optisch die Berlinale. - © apa / dpa / Britta Pedersen

Können Filme Ihrer Meinung nach die Welt verändern?

Wir haben auf der Berlinale immer politische Filme gezeigt. Ich wollte nie l’art-pour-l’art, Kunst um der Kunst willen, veranstalten. Was sie bewirkt haben, wissen wir von einigen. Zum Beispiel bei "Esmas Geheimnis" von der Bosnierin Jasmila Zbanic über das Leid der in serbischen Gefangenenlagern vergewaltigten Frauen. Nach dem "Goldenen Bären" wurden diese Frauen als Kriegsopfer anerkannt. Und ich denke, es war wichtig, dass wir Dokus wie "The Unknown Known" über den früheren US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und "Seefeuer" über das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer im Programm hatten. Mir war es wichtig, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Apropos Kriegsminister Rumsfeld. Wie Sie in Ihrem Buch verraten, spielte der eine nicht unwesentliche Rolle, warum Ihnen der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer einen Coup vereitelte.

Das war schon kurios. Als wir Oliver Stones Doku "Comandante" hatten, wollte ich Fidel Castro einladen. Schließlich tun wir das immer mit Hauptdarstellern. Und ich war schier aus dem Häuschen, als er tatsächlich zusagte. Der ewige Revolutionär und Intimfeind der USA auf dem roten Teppich. Ein Signal gegen das kriegslüsterne Amerika im damals kriegsunwilligen Deutschland. Ein paar Tage danach kam die Absage Castros. Und noch später die Erklärung dafür. Und zwar ganz schön barsch, aus dem Munde des Filmfreunds Joschka Fischers: "Falls Sie noch mal mithelfen wollen, einen Weltkrieg zu inszenieren, rufen Sie mich vorher an. Ich habe Ihre Einladung abgesagt."

Aber der Comandante hat Sie später nach Havanna eingeladen.

Ich hab ihn leider gar nicht getroffen. Er hatte nie Zeit. Ich bin nur seinem älteren Bruder Ramón begegnet und habe mit ihm Havannas geraucht und eiskalten Mojito genossen.

Sie haben viel Lob, aber auch Kritik geerntet. Wie gehen Sie damit um?

Richtig aufgeregt habe ich mich eigentlich darüber, dass es immer hieß, die Berlinale muss kleiner werden. Natürlich ist das Festival größer geworden. Wir haben ja auch immer mehr Zuschauer. Aber das ist doch toll. Darüber haben wir uns schließlich finanziert. Wir hatten über drei Millionen Euro Einnahmen.

Wie sehr schmerzt Sie das Aus für das "Kulinarische Kino" auf der Berlinale?

Ich bedauere es schon, dass diese Sektion als Erstes gestrichen wurde. Dabei haben Filmfestivals wie San Sebastian die Idee sogar aufgegriffen. Schließlich war Ökologie für mein Team und mich unser Leitgedanke. Aber das hängt mit meiner Geschichte zusammen. Ich habe schon Anfang der 80er Jahre in der Zeitschrift "Konkret" die ersten Öko-Tipps geschrieben. Es war die Zeit, als das Scheibenwischermittel Glykol den Wein haltbarer machen sollte. Ich habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, was so alles an Schadstoffen in unserer Wurst und im Wein versteckt ist. Mit all den ungesunden Entwicklungen, die wir inzwischen über konventionelle Landwirtschaft, Massentierhaltung und Lebensmittelproduktion wissen.

Eine Ihrer Berlinale-Eröffnungen stand im Zeichen der #MeToo-Debatte. Stimmt es, dass Sie sich von Hollywood-Mogul Harvey Weinstein unter Druck gesetzt fühlten?

Ja, er benutzte wirklich stalinistische Einschüchterungstaktiken, um Filme auf der Berlinale durchzudrücken. Am Telefon konnte ich mithören, wie er zu einem seiner Assistenten sagte: "Wir machen ihn fertig!" Von seinen sexuellen Übergriffen habe ich allerdings nichts geahnt.

Was war einer der unvergesslichen Momente?

Ich muss zugeben, das war schon der Auftritt der Rolling Stones auf der Berlinale. Dass ich einmal mit Ronnie Wood "Time is on my Side" zu zweit auf meiner roten Fender Stratocaster Gitarre aus der Zeit meiner jugendlichen Rockband spielen würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Sie haben dafür eine ganze Baustelle stilllegen lassen.

Wir haben plötzlich im Kleingedruckten des Vertrags entdeckt, dass im Umkreis des Hotels kein Baulärm sein darf. Eine Bedingung des Stones-Managements. Doch zu der Zeit waren gerade die Gründungsarbeiten des Humboldt-Forums, eine der größten Baustellen Europas. Aber ich hatte Glück. Der Bauleiter war ein Stones-Fan. Und wir bestellten Bier und das Regent-Hotel lieferte Sandwiches, damit die Bauarbeiter Pause machten, solange die Stones im Hotel waren. Aber das Verrückteste war, dass Keith Richard mir gestand, das wäre nicht nötig gewesen. Denn nach all den Jahren dröhnenden Rock hörten sie sowieso nicht mehr so gut.

Ihr Dresscode auf dem roten Teppich war immer schwarzer Barbisio und Ihr berühmter roter Schal. Wie kam es zu diesem Markenzeichen?

Das mit dem roten Schal habe ich mir beim früheren Bürgermeister von Berlin, Walter Momper abgeschaut. Selbst beim epochalen Mauerfall hat ihn damit niemand übersehen. Und der Hut ist ein Geschenk meines Freundes, des italienischen Modeschöpfers Nino Cerruti, der als erster Designer regelmäßig fürs Kino arbeitete. Er meinte: "Dieter, dein Borsalino macht dich zum Zwerg. Der ist viel zu hoch. Du brauchst was anderes." Der Barbisio stammt von einem der letzten Hutmacher in Biella. Für mich war das wie eine Art Kostüm. Ich habe darin den demokratischen Zirkusdirektor gespielt.

Waren Sie überrascht, als sich kurz, nachdem Sie aufhörten, herausstellte, dass der Berlinale-Gründer Alfred Bauer kein kleines Licht der Nazifilmkammer war, sondern aktives Parteimitglied und überzeugter Hitler-Anhänger?

Ja und nein. Eigentlich vermuteten wir schon etwas Derartiges. Denn keiner ist umsonst in der NS-Reichsfilmkammer gewesen. Aber ich muss zugeben, wir hatten da einen blinden Fleck. Wir hätten das eher merken müssen. Und den Alfred-Bauer-Preis verliehen wir immer etwas widerstrebend. Denn im Grunde wurde er dann verliehen, wenn sich die Jury nicht einigen konnte. Doch der Skandal ist jetzt in der Versenkung verschwunden. Die Corona-Krise hat ihn überlagert, wie so vieles. Da haben einige Glück gehabt.

Krisen sind ja immer auch eine Chance, heißt es. Selbst Corona?

Sicher, wenn wir die Zeit gut nutzen, um mal darüber nachzudenken, was für alternative Konzepte es gibt. Es ist kein Geheimnis und ich bin nicht der Einzige, der sagt, dass etwas schiefläuft in unserer Welt. Und zwar im Großen und im Kleinen. Ob das nun die Flüchtlingsströme sind, ob es die Pandemie ist. So etwas fällt nicht vom Himmel. Alles einfach auf einen Impfvorgang zu reduzieren, ist meiner Meinung nach falsch. Impfen ist das eine, aber wir müssen ganz anders leben. Es muss eine andere Tierhaltung geben. Die Natur muss wieder geachtet werden. Es müssen bei uns völlig neue Systeme eingeführt werden, andere ökologische Kreisläufe. Diese Wachstumskreisläufe, wo wir alle zehn Jahre mit Milliarden von Steuergeldern die Banken retten müssen, das ist doch absurd. Das kann doch nicht so weitergehen.