Was haben Porno und Konsumkritik, Tribunal und Verdorbenheit, Provokation und Ceausescus monumentaler Präsidentenpalast gemein? Sie alle sind Bestandteil des diesjährigen Gewinners des Goldenen Bären: Regisseur Radu Jude rotzt in seinem frechen Werk "Bad Luck Banging or Loony Porn" all seinen Verdruss und seine Wut über den Ist-Zustand seiner Heimat Rumänien auf die Leinwand und zeigt in deduktiver Weise auf, wie verkettet die Mentalitäten in Rumänien, ja, in Europa doch sind; Ausgangspunkt ist Jude ein privater Pornofilm, den er ganz an den Anfang seiner Arbeit stellt: Er zeigt eine Schullehrerin beim Sex, Radu Jude spart nichts aus, es ist die Explizität, die hier dominiert. Irgendjemand hat den Porno schließlich ins Internet hochgeladen, und nun steht die Lehrerin vor der Tatsache, dass man sie erkannt hat und sie sich für den Porno rechtfertigen muss. Radu Jude entwickelt darum herum ein Triptychon über die moralische Verwerflichkeit, die Doppelbödigkeit und die Verrohung der rumänischen Gesellschaft, aber er meint auch: aller Gesellschaften der Welt, denn obwohl der Film Lokalkolorit geradezu zelebriert, ist Judes Erzählung doch durch und durch universell.

Ein Gang in die Eskalation in einer radikalen Gesellschaft

Im ersten Teil des Films, der während der Pandemie gedreht wurde und in dem deshalb alle Masken tragen – Radu Judes Kino tut niemals so, als wäre es nicht an den Umständen interessiert – in diesem ersten Teil also irrt die Lehrerin durch Bukarest, in der Hoffnung, die Verbreitung des Videos noch verhindern zu können. Es ist ein Gang in die Eskalation, zwischen hässlichen Malls, postsozialistischer Depression und einer radikaler werdenden Gesellschaft, in der jeder jeden anpöbelt.

Maren Eggert hat den Silbernen Bären für die beste Schauspielleistung erhalten. Sie spielt die Hauptrolle in Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" - © Berlinale
Maren Eggert hat den Silbernen Bären für die beste Schauspielleistung erhalten. Sie spielt die Hauptrolle in Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" - © Berlinale

Der zweite Teil des Films ist wie ein Katalog aus Begrifflichkeiten, die Radu Jude zum rumänischen Selbstverständnis erläutert: Hier finden die Verirrungen der Gesellschaft ebenso Eingang wie Ceausescus Palast mitsamt Fremdenführerin oder der Opportunismus der Kirche. Der dritte Teil schließlich ist inszeniert wie ein Tribunal: Die Lehrerin muss sich den schockierten Eltern stellen, der Porno wird nochmals vorgeführt, sie muss sich dem Zorn der Anwesenden ungeschützt aussetzen. "Bad Luck Banging or Loony Porn" ist mit Sicherheit der wagemutigste Film dieser digitalen Berlinale gewesen, weil er auch schonungslos vorführt, wie fragil eine Gesellschaftsordnung ist, in der nur Egoisten das Sagen haben. Ein überaus würdiger Preisträger.

Verleihung der Preise findet erst im Juni statt

Verliehen werden die Preise der 71. Berlinale erst im Juni bei deren Sommerevent, sofern Corona es zulässt. Aber Festival-Chef Carlo Chatrian gab sich bei der Verkündung der Preise zuversichtlich: Notfalls werde man die Bären eben unter freiem Himmel überreichen.

Die Jury, bestehend aus sechs einstigen Bären-Gewinnern, hat sich aus dem 15 Filme umfassenden Wettbewerb nicht nur mit Radu Jude einen extravaganten Preisträger ausgesucht, sondern auch bei den übrigen Preisen Wert auf Originalität gelegt. Der Große Preis der Jury für "Wheel of Fortune and Fantasy" von Ryusuke Hamaguchi aus Japan ist eine Sammlung von Kurzgeschichten über Frauenfiguren; es geht um eine amouröse Dreieckskonstellation, eine versuchte Verführung, die gleichzeitig eine Falle ist, und eine Begegnung, die durch ein Missverständnis zustande kommt. Die Jury lobte hier die Tiefe, in die Hamaguchi vordringt.

Der Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" (Preis der Jury) wiederum lässt tief blicken in das soziale Gewebe innerhalb einer Schulklasse, in der besonders viele Kinder mit Migrationshintergrund den Ausführungen des empathischen Lehrers Dieter Bachmann lauschen. Der Film geht den Prozess der Integration mit großer Zuversicht an, anstatt über Missstände zu lamentieren.

Voller Eleganz sind die Bilder zum Preisträgerfilm "Beste Regie": In "Natural Light" des Ungarn Dénes Nagy zeigt der Regisseur den Alltag einer ungarischen Sondereinheit, die 1943 durch sowjetische Dörfer zieht, um Partisanen aufzuspüren. Die Bilder sind hypnotisierend und tauchen den einstigen Kriegshorror in ein fahles Licht, das es niemandem hier leicht macht, das moralisch Richtige zu tun.

Das deutsche Kino, diesmal stark vertreten, wurde auch bedacht: Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" über die Beziehung von Liebessuchenden mit Robotern, geriet für Hauptdarstellerin Maren Eggert zum Triumph: Sie durfte sich über den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung freuen. Da dieser Preis nun geschlechterneutral vergeben wird, gibt es auch keinen weiteren Preis für einen männlichen Darsteller.

Als beste Neberolle wurde Lilla Kizlinger in "Forest – I See You Everywhere" des Ungarn Bernce Fliegauf prämiert, das beste Drehbuch schrieb laut Jury der Südkoreaner Hong Sangsoo für seinen schwarzweißen Einstünder "Introduction". In der Nebenreihe "Encounters" gewann die Doku "Nous" von Alice Diop den Hauptpreis.

Mehr gute Filme als zu vergebene Preise

Die Berlinale-Jury hat damit einige verdiente Preisträger ausgezeichnet, andere Filme aber übergangen: Etwa Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder der Gang vor die Hunde", ein sehr stimmig umgesetzter Film mit Tom Schilling in der Hauptrolle. Oder auch das iranische Trauer-Drama "Ballad of a White Cow" über die Witwe eines zu unrecht hingerichteten Mannes. Das Weltkino zeigt jedenfalls seine Kraft: Es gab bei dieser außergewöhnlichen Online-Berlinale mehr preiswürdige Filme als Preise – und das ist beileibe nicht immer so gewesen.