Große Fanfaren, brillante Farben in schillerndem Technicolor, üppige Bauten, Kostüme, gemalte Landschaften und stolze Figuren – das monumentale Kino hat in den 1950er und 1960er Jahren das Publikum zum Träumen gebracht und es in eine Zeit entführt, über die man heute gerade wegen dieser Monumentalfilme viel zu wissen glaubt. Das alte Rom, die antiken Stätten der Weltwunder, die Griechen, die großen Sagengestalten, der Vulkanausbruch, der Pompeji zerstörte, der Sklavenaufstand und die Gladiatorenkämpfe – all das wurde im Eilverfahren in nur zwei Filmjahrzehnten, aber für die Ewigkeit, auf Zelluloid gebannt, mit einem Aufwand, der seinesgleichen sucht: Mangels digitaler Tricktechnik konnte man seinerzeit etwa nicht einfach eine Handvoll Komparsen so oft digital duplizieren, bis man eine Tausendschaft am Bildschirm hatte, wie das heute funktioniert. Nein, damals mussten noch Tausende und Abertausende Komparsen physisch vor Ort sein, um eine Arena wie das Kolosseum zu füllen. Und alle brauchten akkurate Kleidung und Ausstattung.

Das Ziel war jedenfalls, die Zuschauer zurück in die Geschichte blicken zu lassen und diese Geschichte so akkurat und spektakulär wie möglich zu gestalten. Das Genre der Sandalenfilme, es hat wie kein zweites gezeigt, wozu die Traumfabrik imstande ist: Ganze Welten neu zu erschaffen, die Wiedergeburt des antiken Rom so glaubhaft darzustellen, dass man mit Wonne darin versank, mitgenommen in eine fantastische Welt mit Pathos und echten Helden. Wobei: Man muss bei der Begriffsdefinition des "Sandalenfilms" ein wenig nachschärfen, denn damit waren eigentlich jene Filme gemeint, die man erst nach den großen amerikanischen Monumentalfilmen wie "Ben Hur", "Cleopatra" oder "Der Untergang des Römischen Reiches" vorwiegend in Italien gedreht hat. Die Amerikaner, die Unsummen für das Monumentalkino ausgaben, wurden im Sandalenfilm letztlich bloß imitiert: In Europa, vor allem in Italien und in Osteuropa, waren die Kosten von Dreharbeiten nur einen Bruchteil so hoch wie in den USA. Auch die Gagen der oftmals unbekannten Schauspieler waren vergleichsweise gering. Das tat der Beliebtheit der Sandalenfilme, und waren sie auch noch so billige B-Movies, keinerlei Abbruch. Bis in die 1970er Jahre hielten sie sich, und auch ihre "Nachfolger", die Spaghetti-Western, die man ebenfalls hauptsächlich in Italien, und dort öfter in den römischen Cinecitta-Studios, drehte.

Kirk Douglas im Gartenbau

Das monumentale Kino brachte viele Klassiker zustande, man erinnere sich an Sergio Leones "Der Koloß von Rhodos" (1961) über das Weltwunder der Antike oder an "Die Fahrten des Odysseus" (1954), in dem Kirk Douglas als Homers Held imponierte. Selbiger trat 1960 als "Spartacus" vor die Kamera von Stanley Kubrick, der diesen Film als "Auftragswerk" realisierte, es aber trotzdem in seiner ihm eigenen Art zu einem absoluten (und späten) Klassiker des Genres machte – Douglas war damals übrigens zur Wiener Premiere zugegen, der Film eröffnete 1960 das Gartenbaukino.

Bei "Die letzten Tage von Pompeji" (1959) hatte ebenfalls Sergio Leone die Finger im Spiel, wurde als Regisseur jedoch nicht genannt – ebenso wie im bombastischen Aushängeschild des Genres, "Ben Hur" (1959). Dort bietet nicht nur das spektakuläre Wagenrennen eine der besten Actionsequenzen der Filmgeschichte, sondern Regisseur William Wyler interessierte sich wie die meisten seiner Kollegen, die Monumentalfilme drehten, auch sehr stark für die Psychologie seiner Figuren. Charlton Heston als Judah Ben-Hur muss sich für oder gegen das Unterdrücker-Regime im Römischen Reich in Gestalt seines Jugendfreundes Messala, nunmehr Tribun in Jerusalem, entscheiden: "Entweder bist du für mich oder gegen mich." Judah antwortet, ohne zu zögern: "Wenn das die Wahl ist, dann bin ich gegen dich!" Eine Rhetorik, die man vor gar nicht allzu langer Zeit auch in realen politischen Auseinandersetzungen öfter gehört hat.
"Ben Hur" hat bei den Oscars die bis dahin meisten Trophäen aller Zeiten abgeräumt, insgesamt elf an der Zahl. Dieser Rekord wurde bis heute nicht gebrochen, aber durch "Titanic" (1997) oder "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" (2003) zumindest eingestellt.

Breite Bilder

Ganz entscheidend für den Erfolg des Sandalenkinos war das neue Bildformat, das ab 1953 zum Einsatz kam: Das Breitbild des Cinemascope-Verfahrens brachte eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Erweiterung des Sichtfeldes. Anstatt Bilder im Format 1,37:1 zu sehen, wuchsen die Bilder in die Breite auf 2,55:1 (später auf 2,35:1). Das Breitbild war eine Kampfansage an das damals stark im Kommen befindliche Fernsehen gewesen, das ebenfalls in 1,37:1 (4:3) sendete. Den Horizont zu erweitern, um die Kinobesucher nicht zu verlieren, das war die Devise. Und es ist kein Zufall, dass der erste Cinemascope-Film überhaupt, der je ins Kino kam, ebenfalls ein Monumentalfilm war: "Das Gewand" (1953) über einen jungen römischen Militärtribun, gespielt von Richard Burton, der an der Aufgabe, bei der Kreuzigung Jesu Dienst tun zu müssen, zerbricht, ist einerseits tiefgründige Charakterstudie und andererseits breitwandige Opulenz. Zugleich ist der Film auch eine Auseinandersetzung mit der Religion: Das Gewand Jesu, das der Tribun beim Würfelspiel gewinnt, wird ihm zum Verhängnis – er wird zum Christen und stirbt, von Caligula zum Tode verurteilt, als Märtyrer seines neuen Glaubens.

Noch vor der Cinemascope-Ära entstand ein Film, der heuer seinen 70. Geburtstag feiert: Auch in "Quo Vadis?" (1951) geht es um die Anfänge des Christentums: Der Film greift die Begegnung Christi mit seinem Jünger Simon Petrus vor den Toren Roms auf, der ihn fragt: "Quo vadis, domine?", "Wohin gehst du, Herr?" Die weitere Handlung spielt 64 nach Christus, in Rom ist Kaiser Nero (Peter Ustinov) dabei, die neue Christen-Sekte auszurotten. Der irrlichternde und wahnsinnige, diktatorische Herrscher träumt davon, ganz Rom in Brand zu stecken, um hernach eine neue Metropole mit dem Namen Neropolis aus dem Boden zu stampfen. Als Rom brennt, singt Nero, begleitet von den schiefen Tönen seiner Laute: "Flammen, verzehrt es, wie im Feuerofen." Die wahnsinnige Szenerie, die Mervyn LeRoy hier schuf, brachte Ustinov seine erste Oscarnominierung und wurde zur Initialzündung seiner Weltkarriere.
Die hauptsächliche Handlung aber wird zwischen dem römischen Kommandanten Marcus Vinicius (Robert Taylor) und seiner Angebeteten Lygia (Deborah Kerr) entsponnen. Er Römer, sie und ihre Familie Anhänger des Christentums – Konflikte sind vorprogrammiert, vor allem in der Stimmung der damaligen Zeit. Den Brand Roms schiebt Nero nämlich auf Anraten seiner Frau Poppaea den Christen in die Schuhe. "Wenn ich mit diesen Christen fertig bin, wird die Geschichte gar nicht wissen, ob sie je existiert haben!" Worte, die man getrost auf die Weltkatastrophe umlegen kann, die gerade einmal sechs Jahre vor diesem Film zu Ende ging.

"Quo Vadis?" ist vielleicht die Blaupause für das gesamte Sandalengenre gewesen: Der Film war an Opulenz kaum zu überbieten. Es gab 29 Hauptdarsteller, 110 Sprechrollen, 30.000 Statisten, 250 Pferde, 85 Tauben, 63 Löwen, sieben Stiere und zwei Geparde. Der Film wurde aus Kostengründen im billigeren Cinecitta in Rom gedreht und eröffnete so den Reigen der US-Produktionen, die lieber am Tiber drehten. Die Kulissen zum Film kamen noch Jahre später in vielen anderen Sandalenfilmen unter, ebenso wie etliche der insgesamt 150.000 Requisiten. Übrigens: Zwei spätere, große Namen hatten ihre ersten Auftritte in "Quo Vadis?": Sowohl Sophia Loren als auch Bud Spencer verdienten sich hier erste Sporen in Statistenrollen.
Blaupause als Monumentalfilm war "Quo Vadis?" aber auch deshalb, weil er die Parameter für die Helden festlegte: Vieles drehte sich um die Darstellung von Charakterzügen und um symbolhafte Handlungen, zwei Aspekte, denen sich der Sandalenfilm später eher verweigerte. Dort ging es mehr um die Action: Man bevorzugte spektakuläre Kampfszenen und muskulöse Helden wie Herkules oder Samson, sodass man den Sandalenfilm durchaus als Vorläufer des Actionkinos der 70er und 80er Jahre bezeichnen kann. Auch der Einsatz von Bodybuildern in den zentralen Rollen der Filme befeuerte diesen Habitus vom Spektakelkino und sorgte nebenbei bemerkt für eine gute Auslastung der Bodybuilding-Studios, wo ein regelrechter Boom einsetzte.

Mitte der 1960er Jahre war schließlich Schluss mit dem Genre: Der kapitale Flop von "Cleopatra" brachte das Ende der Monumentalfilme, die einfach immer teurer wurden und zugleich immer weniger beliebt waren. Auch die Sandalenfilme verschwanden zusehends und machten einem neuen Leinwand-Spektakel Platz, für den das breite Bildformat des Kinos wie gemacht schien: dem Spaghetti-Western.

Im Jahr 2000 gelang Ridley Scott mit "Gladiator" und Russell Crowe in der Hauptrolle eine zeitgemäße Neubelebung des Sandalenfilms. - © ullstein bild / United Archives
Im Jahr 2000 gelang Ridley Scott mit "Gladiator" und Russell Crowe in der Hauptrolle eine zeitgemäße Neubelebung des Sandalenfilms. - © ullstein bild / United Archives

Im Jahr 2000 hat Ridley Scott mit "Gladiator" dem Genre neues Leben eingehaucht, aber es blieb doch ein eher singuläres Kinoereignis. Es ist schließlich auch nicht leicht, im Akkord solche Monumente aus dem Boden zu stampfen.