In einem ganz normalen Jahr, da wäre ein Disney-Blockbuster wie "Raya und der letzte Drache" am Startwochenende schnurstracks auf Platz eins der Kinocharts gelandet. Das ist auch im Corona-Jahr 2021 der Fall, nur mit ganz anderen Zahlen, was das Einspielergebnis betrifft. Während man in früheren Zeiten einem solchen Animationsfilm mindestens 100 Millionen, wenn nicht gar 150 Millionen Dollar Einspielergebnis am ersten Wochenende zugetraut hätte, so sind es in diesem Jahr gerade einmal 8,5 Millionen Dollar, die "Raya" an den US-Kinokassen eingespielt hat. Und das auch nur, weil die Kinos in vielen Ballungsräumen, darunter in New York, Chicago oder San Francisco, wieder ihre Pforten öffneten - viele von ihnen nach fast einem Jahr Zwangspause wegen des Corona-Virus. "Raya" startete deshalb auch zeitgleich auf Disney+ - mit Aufpreis.

Für Liam Neeson ist das Kino eine heilige Institution

So mancher nutzt die Kinoöffnung für Publicity: Hollywood-Star Liam Neeson tauchte am AMC Lincoln Square-Kino auf, um seinen neuen Film "The Marksman" zu promoten. "Schreibt euch das ins Tagebuch", sagte er dem "Hollywood Reporter". "Wir sind wieder da, und ich finde, das Kino hatte immer etwas Heiliges an sich. Das habe ich schon als Bub gespürt."

Wie rührend. Jedenfalls wird nichts unversucht gelassen, die New Yorker zurück in die Kinos zu bringen - auch die Programmkinos und Museen sind wieder offen. Etwa das Café des Angelika Film Center in New York, das die gesamte erste Etage einnimmt. An einem gewöhnlichen Freitagabend würde es hier nur so von Filmfans wimmeln, berichtet eine Reporterin der APA. "Heute ist es leer. Hinter der Theke stehen still zwei Angestellte mit Mund- und Nasenschutz. An der Abendkasse sitzt hier niemand. Tickets muss man online kaufen. Wenn man es nicht besser wüsste, dann würde man denken, diese New Yorker Institution ist immer noch geschlossen. Das ist sie aber nicht." Auf dem Pflichtprogramm stehen Masken, Abstand und eine maximale Auslastung der Kinosäle mit 25 Prozent ihrer Kapazität - oder höchstens 50 Besuchern pro Saal. Wirtschaftlich ist das fast nicht zu führen, wissen Branchenkenner. So bewertet das auch Liam Neeson: "Die Wiedereröffnung der New Yorker Kinos ist eine starke symbolische Geste, nicht mehr. Sie sagt den Kinobesuchern, dass es Zeit ist, wieder ihre Zehen ins Wasser zu strecken." Während an der Ostküste der USA wieder etliche Kinos aufgesperrt haben, sind im Westen und in der Metropole Los Angeles noch die meisten Leinwände dunkel.

Der US-Kinomarktführer AMC Cinemas, durch die Krise schwer lädiert, hat in New York immerhin 13 seiner Kinos wieder aufgesperrt, einige sind auch in San Francisco geöffnet worden. Im Großraum New York konnten am Öffnungswochenende rund 1,07 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftet werden - ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nur 25 Prozent der Sitzplätze dürfen belegt werden

Immerhin bringen viele US-Verleiher etliche Streaming-Hits, die längst bei Netflix und Co. gelaufen sind, nun erstmalig in die Kinos. In New York gab es am vergangenen Wochenende oscarverdächtige Filme wie "Mank", "Ma Rainey‘s Black Bottom", "Da 5 Bloods" oder "Trial of the Chicago 7" zu sehen. Filme, die längst online verfügbar sind. Einige der Vorstellungen sollen ausverkauft gewesen sein (also zu 25 Prozent belegt), manchmal bot sich laut dem britischen "Guardian" aber auch das Bild, "dass mehr Mitarbeiter im Foyer anwesend waren als Gäste". Während der Präsident der Kinobetreiber in New York, Joe Mashner, hoffte, dass die Belegung rasch auf 50 Prozent steigen möge, gab sich New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio eher skeptisch über die vom Staat New York erlaubte Öffnung. "Wait and see", war sein Kommentar - Abwarten und Tee trinken.

Ein New Yorker Kinobetreiber ließ sich im TV dazu hinreißen, darob ein zweigeteiltes Urteil über die Wiedereröffnung zu fällen: "Die eine Hälfte unserer Kunden kann es gar nicht erwarten, wieder ins Kino zu gehen", sagte er. "Und die andere Hälfte haben wir wohl endgültig ans Streaming verloren." Wenn das kein Zeichen eines Paradigmenwechsels ist.