Hätte sie ihm bloß nicht gesagt, dass sie ihn für ihr Studium verlassen wird, nach Montreal, in das "Paris Kanadas", dann wäre das alles nicht passiert: Cherry (Tom Holland) beschließt darauf, seine erste große Liebe Madison (Kelli Berglund) zu vergessen, und verpflichtet sich kurzerhand bei der US-Army. Eine Entscheidung mit Folgen, in "Cherry" von Anthony und Joe Russo, der nun neu bei AppleTV+ zu sehen ist und auf dem gleichnamigen Bestseller von Nico Walker basiert. Er hat darin seine traumatischen Erlebnisse als Soldat im Irak niedergeschrieben und vermerkt, wie er mit schweren Depressionen und dem vielfach bei Soldaten diagnostizierten "Post Traumatic Stress Disorder" umgehen musste. Es gibt tausende US-Soldaten, die nach einem Kriegseinsatz darunter leiden - und nur wenigen gelingt es, den Horror des Krieges hinter sich zu lassen.

Nico Walker gelang es nicht, und seiner Filmfigur Cherry ebenso wenig. Madison und er schwören sich ewige Liebe, nach der Rückkehr aus dem Irak will man ein Haus kaufen und das Leben soll endlich beginnen. Aber Cherry (so nennt man in der US-Armee die Frischlinge, die noch keine Erfahrungen haben) schlittert tief ins Kriegstrauma. Als Sanitäter am Feld fährt er in einem Jahr mehr als 250 Einsätze, bei denen das Blut spritzt und er unzählige Kameraden sterben sieht.

Im Dauerkriegsmodus

Zurück in den USA lässt sich der Dauerkriegsmodus nicht mehr abschalten, Tapferkeitsmedaille hin oder her. Cherry betäubt sich, zuerst mit Xanax, dann mit anderen bunten Pillen. Schließlich landet der amerikanische Kriegsheld in einer qualvollen Heroinsucht, aber nicht allein: Seine Freundin Madison hat ihm die Treue gehalten, und sie hält sie ihm jetzt auch in der Drogensucht. "Hätte ich doch damals nicht gesagt, ich gehe nach Montreal!"

Vielleicht war Madisons erster Impuls richtig, als sie sagt: "Liebe, das sind bloß Pheromone, die den Leuten einen Streich spielen." Und Cherry wird später sagen, als man ihm die Ehrenmedaille überreicht: "Das einzige Verdienst in diesem Krieg ist, dass ich ihn überlebt habe." Die Adaption des Romans von Nico Walker ist voll von solchen guten Sprüchen, das Sujet eignet sich für große Worte, und auch die dialoglastige Off-Stimme darf hier ausgiebig auch mit den Worten des Autors sprechen. Das gibt dem Film einen gewissen literarischen Anstrich.

An Dramatik fehlt es nicht: Das Junkie-Pärchen, das stets zwischen langen Dämmerzuständen bei herunterlassenen Jalousien und dem Versuch, das Leben auf die Reihe zu kriegen, mäandert, braucht bald Geld, um die Sucht zu finanzieren. Cherry versucht es mit Banküberfällen, die zunächst wundersam glücken und genug für den nächsten Rausch-Monat einbringen. Doch bald gibt es neue Sorgen, darunter ein Drogendealer namens Black, der sein Geld zurück will.

Marvel-Opulenz

Anthony und Joe Russo, die sich ab 2014 als Marvel-Regisseure etablierten und unter anderem "Avengers: Endgame" oder "The First Avenger: Civil War" inszenierten, rücken bei dieser Buch-Adaption keinen Millimeter von ihrer Bild-Verliebtheit ab und gönnen "Cherry" einen opulenten Look, sei es nun in den spektakulären Szenen im Irak oder auch bei den Banküberfällen (die Banken heißen hier zynisch "Bank Fucks America", "Credit None" oder "Shitty Bank") und bei der Inszenierung einer Überdosis. Was dahinter ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist das Eintauchen in das Innenleben der Charaktere. Soll etwas besonders emotional sein, legen die Russos einfach Verdi oder Puccini auf den Score, das geht dann von selbst.

Dabei haben Holland und Berglund ihre Figuren sehr gut im Griff, vor allem Holland kann hier groß aufspielen. Als gefallener Held, als Junkie, am Boden zerstört, in seiner Verzweiflung sogar emotional in der Lage, den eigenen Buddy an einer Schusswunde verrecken zu lassen, weil er sich nicht traut, ihn im Krankenhaus abzugeben. Dann könnte er geschnappt werden, und das ganze Drogengeld wäre futsch. Es ist auch dieser Aspekt, den Holland gut herausspielt: Was Drogenabhängigkeit aus Menschen machen kann, das ist unfassbar. Dasselbe gilt für den Krieg, und dasselbe gilt mitunter auch für die Liebe. Ein geballtes Triumvirat dieser Begriffe führt schnurstracks in den Untergang.

Cherrys und Madisons Sucht ist eine Reise zur schlimmsten Destination der Welt: in die Hölle. Das haben die Russo-Brüder verstanden, und ihr Höllentrip bietet auch die Aussicht auf eine Rückkehr in ein normales Leben. Ganz ohne High. Doch dahin ist es ein weiter Weg.