Kann man den selben Film zweimal machen? Man kann, das haben unzählige Sequels hinlänglich bewiesen, aber die Frage ist: Kann man ihn tatsächlich zwei Mal machen, also zwei Versionen davon? Das firmiert dann meist unter "Director’s Cut", jedoch: Im vorliegenden Fall von "Zack Snyder’s Justice League" ist die Sachlage komplizierter: Als der Film "Justice League" 2017 in die Kinos kam, da stand Snyder zwar als Regisseur am Plakat (obwohl Joss Whedon damals den wegen einer persönlichen Tragödie vor dem Schnitt ausgestiegenen Snyder ersetzte), doch seine Vision dieses Gipfeltreffens der DC-Helden war es nicht, was es da in zwei Kinostunden zu sehen gab. In Snyders Augen brauchte die (ohnehin kaum vorhandene) Geschichte eine viel epischere Breite, mit Pathos, großen Gesten und tiefen Blicken, aber auch die Action sollte weitaus ausschweifender gestaltet sein, und die Psychologie der Charaktere sowieso.

Mehr Opulenz

Die Geschichte sollte der Abschluss einer Trilogie werden. Nach "Man Of Steel" und dem brutal gefloppten "Batman V Superman: Dawn Of Justice" war "Justice League" die Öffnung ins erweiterte DC-Universum, mit bisher filmisch kaum bedachten Helden wie Flash (Ezra Miller), Wonder Woman (Gal Gadot), Aquaman (Jason Momoa) oder Cyborg (Ray Fisher). Superman (Henry Cavill), zu diesem Zeitpunkt tot, wird wieder auferstehen, und die Helden-Combo wird sich gegen das außerweltliche Wesen Steppenwolf (Ciarán Hinds) zur Wehr setzen, im Sinne der Menschheit. So weit, so schlicht.

Für Snyder war die Zwei-Stunden-Fassung nicht opulent genug, daher beschloss der Regisseur, der dem Genre bereits eine Perle wie "300" (2006) bescherte, aus dem Material einen völlig neuen Film zu machen. Diese nun insgesamt fast vierstündige Version kommt in den USA bei HBO Max heraus, und zeitgleich in Österreich ins Programm des Bezahlsenders Sky - ein Deal, der kürzlich mit "Wonder Woman 1984" erstmalig umgesetzt worden war.

Snyder wälzt sein Material von 2017 jetzt also nach allen Regeln der Kunst breit aus, nimmt sich Zeit für die Psyche der Superhelden und auch für die langen Actionsequenzen. Optisch handelt er dem Genre vermeintlich zuwider, indem er das Bildformat vom Breitwand-Stil auf das alte Fernseh-Verhältnis 4:3 (1,37:1) beschränkt. Das generiert schwarze Streifen links und rechts am modernen Flatscreen, doch Snyder hat dafür einen Grund: Er drehte das Material damals schon im IMAX-Format 1,43:1, was in den großen IMAX-Sälen für unglaublich detailreiche Bilder gesorgt hätte - und gestalterisch für viel Facettenreichtum, der später dem Breitwand-Cut zum Opfer fiel.

Neuer Film aus altem Film

Nun zeigt Snyder also die Version, die er immer im Kopf hatte. Halt nur nicht im IMAX-Theater, sondern daheim am Fernseher. Vielleicht auch nicht die richtige Intention in einer Zeit, in der die Kinos geschlossen haben.

Zugutehalten kann man "Zack Snyder’s Justice League", dass der Regisseur wirklich einen neuen Film aus dem bekannten Material gebaut hat; ein Superhelden-Epos, vollgestopft mit fast kindlicher Akribie, gewachsen aus dem Ansinnen eines Fans, der seinen Helden so nah wie möglich sein will. Handwerkliche Perfektion und Introspektionen in die Seele der Comic-Figuren können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film mit vier Stunden Länge nur schwer am Stück durchzusitzen ist. Dafür gibt es nun die Pause-Taste auf der Fernbedienung. Jedes Medium hat eben seine Vorteile.

Wäre der Film als Serie konzipiert worden - seine Einteilung in fünf Kapitel plus Epilog hätten diese Möglichkeit immerhin geboten -, so entsprächen diese Kapitel in sich aber keineswegs der geforderten Seriendramaturgie mit knackigen Cliffhangern und entsprechenden Spannungsbögen.

Was also davon halten? "Zack Snyder’s Justice League" ist die megalange Verwirklichung eines Bubentraums, nicht friktionsfrei erzählt, aber dem Buben muss man seinen Spaß einfach lassen.