Die Szenerie war immer die gleiche: Egal, wo Auguste und Louis Lumière mit ihrem Kinematografen auftauchten, standen die Münder weit offen. Denn sie zeigten etwas, das die Menschen zuvor noch nie gesehen hatten: laufende Fotografien! Kein einzelnes Bild, das man an die Wand hängen konnte. Sondern eines, das sich an der Wand bewegte, begleitet vom Zappeln und Schnurren des Filmprojektors, durch den ein durchsichtiges Band vor einer Lampe vorbeilief und dem Auge einen Trick vorgaukelte, nämlich: dass sich das Bild, das es sah, tatsächlich bewegte. Dass es sich in Wahrheit um einzelne Fotopositive handelte, die da auf die Leinwand geworfen wurden, konnte das menschliche Auge nicht erfassen, dafür war und ist es zu träge.

Die Illusion war also perfekt, als die Gebrüder Lumière ihre Erfindung der Welt am 28. Dezember 1895 in den Räumlichkeiten des Pariser Grand Café am Boulevard des Capucines (dem heutigen Hotel Scribe) unweit der Oper erstmals präsentierte. Es war die erste öffentliche Filmvorführung vor zahlendem Publikum, bei der die Lumières zehn selbst gedrehte Kurzfilme zeigten, darunter auch "Arbeiter verlassen die Lumière-Werke". Nicht dabei war - entgegen den Behauptungen vieler Zeitgenossen - ihr legendärer Kurzfilm "Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat", denn der entstand erst im Jänner 1896. Man sieht darin einen Zug in besagten Bahnhof einfahren - schräg auf das Publikum zu; bei den ersten Zusehern soll das Panik ausgelöst haben, als der Zug immer näher auf die Kamera zufuhr. Viele sollen aufgesprungen und um ihr Leben gelaufen sein, weil sie glaubten, der Zug würde gleich aus der Leinwand herausfahren.

Wanderkino-Projektoren wie diesen aus dem Jahr 1899 nutzte man, um mit den laufenden Bildern auf Tournee zu gehen. - © Filmarchiv Austria
Wanderkino-Projektoren wie diesen aus dem Jahr 1899 nutzte man, um mit den laufenden Bildern auf Tournee zu gehen. - © Filmarchiv Austria

Beeindruckend real

Das sind allerdings nach neuesten Erkenntnissen gern erzählte Märchen, die den Werbeeffekt für die neuartige Filmproduktion nur noch verstärkten. Aber ja: Das Medium an sich war beeindruckend, weil es so real war. Eine laufende Fotografie eben. Die Lumières gingen mit ihrer neuen Jahrmarktattraktion bald auf Europa-Tournee. Am 1. März 1896 war eine Vorführung in Brüssel die erste außerhalb von Paris. Wien, die K.u.K.-Metropole, gierte geradezu nach den Laufbildern: Am 20. März 1896 ereignete sich in einem Vortragssaal der k.k. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in der Westbahnstraße 25 der kinematografische Urknall in Österreich. Mitglieder der Photographischen Gesellschaft und Journalisten werden Zeugen der ersten Filmvorführung.

Das Kino war endlich auch in Österreich(-Ungarn) angekommen, und der 125. Jahrestag dieses Ereignisses ist nun Anlass für das Filmarchiv Austria, mit der Online-Schau "125 Jahre Kino" auf die Anfänge der bewegten Bilder zurückzuschauen, freilich aus österreichischer Perspektive, jedoch mit einem weinenden Auge: Gerade dieses Jubiläum hätte man zu gerne auf der echten Leinwand des vom Filmarchiv bespielten Wiener Metrokinos gesehen, aber die Pandemie hat dies verunmöglicht. Ein seltsamer Widerspruch, ausgerechnet das Kino nun in einem "Digitorial" zu feiern. Aber die Online-Schau ist auch ein Instrument, die Leidenschaft für das Kino multimedial darzustellen, und das ist dem Filmarchiv Austria in seinen zahlreichen Schauen, die es seit Beginn der Corona-Krise veranstaltet hat, immer erstaunlich plastisch gelungen.

Viele technische Neuerungen sind um 1896 entstanden. Im Jänner zeigt Wilhelm Conrad Röntgen die von ihm benannten "X-Strahlen". Anfang März entdeckte Antoine Henri Becquerel die Radioaktivität bei der Entwicklung von Fotoplatten. Im Juni legte Guglielmo Marconi mit seinem Apparat zur Übertragung elektrischer Impulse den Grundstein für das Radio.

Die Wiener lieben das Kino

Und auch filmisch tut sich Revolutionäres: Während die Gebrüder Lumière eher harmlose Filme wie "L’enfant au ballon" drehten, in dem ein Kind seinen Luftballon gen Himmel steigen lässt, kommt es im 25-sekündigen Kurzfilm "The Kiss" des Amerikaners William Heise zum ersten Kuss der Filmgeschichte.

Wien galt damals, im März 1896, als europäische Hauptstadt der Fotografie, zusammen mit Paris. Deshalb war der Ort der Premiere in der "Graphischen" nicht zufällig gewählt. Forschte man doch hier an allerlei Reproduktionstechniken. Der Direktor des Instituts, Josef Maria Eder, hatte sich persönlich um diese besondere Kinopremiere bemüht und die Firma Lumière nach Wien eingeladen. Organisiert wurde die Vorstellung von Eugène Dupont, einem der wichtigsten Mitarbeiter der Gebrüder Lumière. Und auch der besagte Zug, der in den Bahnhof von La Ciotat einfährt, stand auf dem Wiener Spielplan. "Es fängt an, unheimlich zu werden", notiert das "Illustrirte Wiener Extrablatt" anlässlich der Wien-Premiere. "Wir betonen, es sind nicht todte Figuren, die man sieht, sondern sich bewegende Gestalten mit all ihren Arten und Unarten, und nicht eine, oder zwei Figuren, sondern Hunderte auf einmal."

Nach der gelungenen Premiere übersiedelt der Kinematograph innerhalb Wiens in den ersten Stock des Hauses Kärntner Straße 45/Krugerstraße 2, wo am 20. März 1896 die erste öffentliche Filmvorführung in Österreich stattfand. Zunächst standen hier natürlich die französischen Filme der Lumières auf dem Spielplan, etwa "Festzug in Nizza", "Der begossene Gärtner" oder "Ankunft eines Dampfschiffs in Lyon". Später aber gingen die verkaufstüchtigen Lumières dazu über, lokale Filme zu drehen, um dem Publikum auch die eigene Stadt in realistischen Bildern vorzuführen. Das potenzierte das Interesse für das neue Medium regelrecht.

Ab 27. März 1896 wurde das Kino in der Krugerstraße zur fixen Einrichtung, bei der man die lebenden Fotografien täglich von 10 bis 20 Uhr erleben konnte, für 50 Kreuzer Eintritt. Auch der Kaiser schaute vorbei, und zwar am 17. April, wo er um die Mittagszeit eintraf und dort von Dupont empfangen wurde. Platziert auf einem Fauteuil, verfolgte Franz Joseph gebannt die Vorstellung.

"C’est magnifique"

"Besonders lobend äußerte sich der Kaiser über das Meer und den Eisenbahnzug und man hörte, wie der Kaiser, zu Herrn Dupont gewendet, wiederholt ausrief: ‚Ah, c’est magnifique!‘", schrieb die "Wiener Montags-Post" damals. Tags darauf wurde dem Kaiser in der Hofburg bereits erneut Filmmaterial vorgeführt, darunter in Wien gedrehte Schnipsel wie "Der Stephansdom", "Der Stadtpark", "Der Türkenschanzpark" oder "Ausfahrt der Wiener Fiaker". Der Monarch soll begeistert gewesen sein und verlangte die zweimalige Wiederholung der Projektion, obwohl es eigentlich das Zeremoniell verbat, dem Kaiser in einem völlig abgedunkelten Raum zu begegnen.

Das Kino blieb indes in Wien: Bald spielte man an einem zweiten Ort an der Ecke zur Annagasse. Wo auch einer der ersten österreichischen Filme spielte, der das Straßenleben vor dem Kino einfing. Die Filmbeispiele aus 1896 sind allesamt bei der digitalen Schau des Filmarchivs zu erleben. Mehr noch: In fünf Online-Kanälen kann die frühe Welt des Kinos nachempfunden werden, es geht etwa um die Welt der Brüder Lumière, die Filme des frühen Kinofantasten Georges Méliès, aber auch die Pioniere der Wiener Filmerotik. Vielen Filmen der damaligen Zeit gemein ist ihre unverblümte Unmittelbarkeit: Das Medium Film hat sich von Anfang an unter allen Künsten als das ehrlichste, das unverstellteste hervorgetan, es liebte den Moment, die Spontaneität und das Dokumentieren. Es hatte von Anfang an auch das archivarische Moment inkludiert, das über Inszenierung und Kunst hinaus geht und das Leben an sich festhält.

Das Kino wurde zum Massenphänomen, mit unzähligen Schaustellern auf den Jahrmärkten, später mit den ersten Kinos, die die Metropolen bald zu Hunderten bevölkern. Der Bilderstrom ist ungebrochen, bis heute, auch, wenn er inzwischen vorerst im Heimkino stattfindet. Doch jeder Filmfan, das zeigt diese Online-Schau deutlich, muss es wahrlich zutiefst betrauern, dass nicht er bei jener Vorstellung dabei war, als das erste Mal die Arbeiter der Lumière-Werke ihre Fabrik verließen. Oder der Zug einfuhr. Was muss das für ein Gefühl sein, etwas zu sehen, das niemand zuvor je gesehen hat? Es muss der Moment sein, in dem man an Magie glaubt.