Disney gibt richtig Gas: Erst im Herbst hatte man dutzende neue Serien, die sich um das Marvel- und Star Wars-Universum drehen, angekündigt, vergangene Woche erfolgte bereits der zweite Serien-Neustart nach der Marvel-Sitcom "WandaVision", die bei Publikum wie Kritik hervorragend angekommen war.

Doch jetzt schlägt man alle Rekorde: Wie Disney bekanntgab, hat die erste Folge der sechsteiligen Serie "The Falcon and the Winter Soldier" am vergangenen Wochenende die höchsten jemals gemessenen Zugriffszahlen auf Disney+ ausgelöst, sowohl in den USA wie auch weltweit. Die Anzahl der Abrufe veröffentlichte Disney jedoch nicht.

Was ist also dran an der jüngsten Serie aus dem Marvel Cinemativ Universe (MCU)? Seit Jahren melkt der Disney-Konzern die Franchise erfolgreich, für große Blockbuster im Kino ist die Zeit aber ungünstig. Umso wichtiger ist, dass man die Fans mit neuem Material versorgt, und dann gerne auch mal mit Helden aus den Marvel-Comics, die es bisher noch nicht zu einem eigenständigen Kinoabenteuer gebracht haben, wie eben Winter Soldier und The Falcon. Sind sie deshalb minderwertigere Helden? Nein, denn bei Disney bekommt jeder Superheld seine Chance, und sei es eben nun als Serie. Mit großem Klick-Erfolg, wie gesagt.

Visuell entlohnt

Das MCU hat sich inzwischen schon stark ausgebreitet, in diverse Sub-Plots und Handlungsstränge, die womöglich nur wahre Hardcore-Fans wirklich schlüssig nachvollziehen können. Aber wer sich der ersten Folge von "The Falcon and the Winter Soldier" hingibt, der wird visuell auf jeden Fall entlohnt, egal, ob er nun völlig up-to-date ist oder nur über MCU-Halbwissen verfügt. Irgendein Wissen sollte es aber schon sein.

Sam Wilson alias Falcon (Anthony Mackie) und Bucky Barnes alias Winter Soldier (Sebastian Stan) müssen sich nach den Ereignissen von "Avengers 4: Endgame" in einer ganz neuen Welt zurechtfinden. Falcon erhielt bei seiner Rückkehr Captain Americas (Chris Evans) legendären Schild, den er allerdings nicht annimmt, sondern ihn einem Museum überantwortet. Er will lieber weiterhin als Falcon gegen das Verbrechen kämpfen. Doch bald schon verschwindet der Schild spurlos, zugleich tritt eine mysteriöse Formation auf, die die Welt ins Chaos stürzen will.

Bei Bucky Barnes stehen die Zeichen hingegen auf Wiedergutmachung. Er möchte die Taten, die er als Winter Soldier begangen hat, so weit wie möglich ungeschehen machen. Doch die Bedrohung, die bald über alle hereinbricht, zwingt die beiden Helden, sich zusammenzutun und zu kämpfen. Es gibt selbstredend Gegenwind, und zwar in Form ihres alten Bekannten Helmut Zemo (Daniel Brühl) und Super Patriot (Wyatt Russell), der sich gerne der neue Captain America nennen würde.

Wer wird Captain America?

Das ist die Grundfrage dieser Serie: Wer wird das Erbe von Captain America im MCU antreten? Folge eins präsentiert gleich einen potenziellen Kandidaten, es soll aber nicht der einzige bleiben, das meint zumindest die spekulierende Fangemeinde auf allerlei Websites zum Thema. Disney+ schaltet ab jetzt jede Woche eine neue Folge frei, weshalb sich die Fans in Geduld üben müssen - die Taktik erinnert fast schon ans gute, alte analoge Fernsehen, wo man von Folge zu Folge angespannter wurde.

Auf Produktionsseite hat man bei Marvel augenscheinlich viel Geld in die Hand genommen, um die von Malcolm Spellman und Derek Kolstad geschriebene und von Kari Skogland inszenierte erste Staffel von "The Falcon and the Winter Soldier" auch entsprechend opulent aussehen zu lassen. Eine rasante Action-Eröffnungssequenz mit Falcon im Einsatz am Himmel und mit vielen explodierenden Hubschraubern lässt keineswegs vermuten, dass es sich hier um eine fürs Fernsehen produzierte Serie handelt. Das ist schon auch großes Hollywood-Kino, was Marvel da vorlegt. Was daran liegen mag, dass die Serie direkt unter der Ägide von Marvel-Studios-Boss Kevin Feige produziert wurde und man sich die treuen Fans keineswegs mit lauwarmem Serien-Mief vergraulen möchte. Denn eins ist fix, das zeigt der Enthusiasmus von "The Falcon and the Winter Soldier": Den Glauben an die Rückkehr des Kinos in die Verwertungskette von Filmen hat man bei Disney noch lange nicht aufgegeben.