Sie sind Helden für die Ewigkeit und aus dem popkulturellen Kosmos dieser Welt nicht wegzudenken: William Shatner, vergangenen Montag stolze 90 Jahre alt geworden, und Leonard Nimoy, der am Freitag 90 geworden wäre, aber bereits 2015 verstorben ist. Zusammen waren sie das Dreamteam der Enterprise, flogen mit ihr als Captain James T. Kirk und Mr. Spock in Welten, die der Mensch zuvor noch nie gesehen hatte.

So nah ihre Geburtstage beieinander liegen, und auch, wenn beide jüdisch-ukrainischer Abstammung sind, so grundverschieden sind die beiden immer gewesen, auch und vor allem in den Rollen, die sie an Bord der Enterprise spielten. Sie waren klassische Widerparts, die Drehbuchautoren erfinden, um mehr zwischenmenschliche Spannung auf der Leinwand zu erzeugen. Denn in TV oder Kino sind nicht nur die Spezialeffekte atemberaubend, sondern im Idealfall auch die Psyche der Figuren und ihr Verhältnis zueinander.

Noch immer ist Shatner präsent, wie hier in der Doku-Serie "The UnXplained mit William Shatner". - © / Justin Betman
Noch immer ist Shatner präsent, wie hier in der Doku-Serie "The UnXplained mit William Shatner". - © / Justin Betman

So war das auch bei Kirk und Spock. Als James T. Kirk verkörperte Shatner den immer auch auf Basis von menschlichen Emotionen agierenden Kapitän eines futuristischen Raumschiffs, ein oftmals menschelnder Aspekt seiner Figur war ganz bewusst im Kontrast zu seinem ersten Offizier platziert worden: Denn Spock, der Vulkanier, kannte Gefühlsregungen nicht, sie waren ihm völlig fremd, und er entschied nur auf Basis von Fakten und Vernunft (und zog dabei - "Faszinierend!" - die charakteristische Augenbraue hoch).

Hinauf zum Mond!

Überhaupt muss man das Umfeld erkunden, in der diese bahnbrechende Sci-Fi-Serie entstand: "Star Trek" lief ab 1966 im US-Fernsehen, zu einer Zeit, als man sich fieberhaft auf die erste Mondlandung vorbereitete - der Bedarf nach Geschichten aus dem "Outer Space" war definitiv da. Was läge also näher, die unterschiedlichsten Figuren von verschiedenen Planeten gemeinsam in friedlicher Mission als im feschen Enterprise-Pyjama gewandete Troubleshooter durch die Galaxie zu schicken?

Der Kanadier Shatner und der in Boston geborene Nimoy lernten sich kennen, als sie für eine Episode von "The Man From U.N.C.L.E." vor der Kamera standen, das war 1964. Kurz darauf drehte Gene Roddenberry die erste Pilotfolge für "Raumschiff Enterprise", doch die Muster waren ein Desaster. Man gab Roddenberry, dem Erfinder des "Star Trek"-Universums, allerdings eine zweite Chance: Bedingung war, dass er die komplette Serie neu besetzte. Nur Nimoy blieb im ursprünglichen Team. Mit Shatner als Captain Kirk und den zahlreichen anderen Neubesetzungen konnte die Serie nochmals durchstarten, wurde aber trotzdem nach nur drei Saisonen eingestellt - just im Jahr der Mondlandung.

Der Kult kam später: Erst, als man die Serie Anfang der 1970er Jahre wiederholte, bildete sich eine rasch anwachsende Fangemeinde und brachte "Raumschiff Enterprise" unter diesem Titel erst 1972 auf hiesige Bildschirme. Seither ist der Kultstatus ungebrochen: William Shatner ist bis heute Teilnehmer an den "Star Trek"-Conventions, bei denen die Fans ihre Stars hautnah erleben können. Auch Sonderveranstaltungen macht der rüstige 90-Jährige gern. Etwa seine gut gebuchten Fan-Treffen am Star Trek-Set: Die Tour mit Shatner kostet 499 Dollar, ein Selfie mit ihm kommt auf zusätzlich 160 Dollar. Das Autogramm ist mit 80 Dollar vergleichsweise günstig. Wer mit Captain Kirk zu Abend essen will, zahlt 1500 Dollar für das "All Inclusive"-Package.

Shatner ist niemals müde geworden, vor der Kamera zu stehen, dreht bis heute Filme (neuestes Werk: "Senior Moment"), legte mit seiner Rolle als Denny Crane in der Anwaltsserie "Boston Legal" ein fulminantes Comeback hin, und hat mit "TekWar" eine neunteilige Serie von Krimi-Büchern verfasst. Seine zahlreichen Musikalben genießen Kultstatus: Shatners Gesangsstil besteht aus gesprochenen Worten, das klingt wie schauspielerisch gestaltete Lyrikrezitation mit musikalischer Untermalung. Erst im Herbst 2020 veröffentlichte er die Platte "The Blues", mit Gastmusikern wie Ritchie Blackmore, Brad Paisley und Ronnie Earl.

Auch Leonard Nimoy war zeit seines Lebens umtriebig - gemeinsam mit Shatner hat er einst bei den "Star Trek"-Produzenten gegenseitig die Verträge ausgehandelt, um das jeweils Beste für den anderen herauszuholen. Nimoy war ähnlich kreativ wie Shatner: Mit dem Verkauf von Staubsaugern finanziert er sich als 17-Jähriger das Schauspielstudium in Kalifornien. Auch er machte Musik, spielte Alben ein und wechselte als Regisseur hinter die Kamera: Zwei der späteren "Star Trek"-Kinofilme waren unter seinen Arbeiten, aber auch eher Unvermutetes wie "Noch drei Männer, noch ein Baby" (1987).

Aufgrund seiner Abstammung wusste Nimoy früh, was es hieß, ein Außenseiter zu sein, und der war er lange auch als Mr. Spock. Zu kühl, zu unnahbar, und gerade deshalb kultverdächtig. Dann sein vulkanischer Handgruß mit den gespreizten Fingern, der übrigens direkt auf ein jüdisches Ritual zurückgeht: Dafür hat sich Nimoy an ein Kindheitserlebnis in einer Synagoge erinnert, bei dem Betende mit gespreizten Fingern den Aaronitischen Segen erteilten. Erstaunlich, wie sehr sich die "Trekkies" über diesen Gruß heute freuen, nicht ahnend, dass er auf einem jüdischen Ritual beruht.

Mehr Fanpost für Spock

Es gab natürlich auch Konflikte im Leben der beiden: Obwohl Shatner der Captain war, bekam Nimoy als Mr. Spock viel mehr Fanpost, was Shatner doch nachdenklich stimmte. "Damit konnte ich lange Zeit überhaupt nicht umgehen", beschreibt er sein gekränktes Ego.

Privat wurden die beiden Jubilare schnell gute Freunde, ein Schicksalsschlag schweißte sie zusammen: Als Shatners Ehefrau Nerine Kidd 1999 im hauseigenen Swimmingpool ertrunken ist, war Nimoy für Shatner der rettende Trost in dessen Trauer.

Mit Freundschaften ist es in einer Branche wie dem Showgeschäft jedoch meistens nicht weit her. "Dort hast du an jedem Filmset unendlich viele Freunde", schrieb Shatner einmal. "Und nach Drehschluss verlieren sich alle aus den Augen". Nicht so im Fall von Nimoy. "Vor Leonard wusste ich nicht einmal, was wahre Freundschaft ist", so Shatner.

Zusammen haben Shatner und Nimoy das wohl legendärste Weltraum-Duo der Filmgeschichte geschaffen - nach der Serie folgten insgesamt sechs gemeinsame "Star Trek"-Kinofilme, die bis 1991 entstanden. Während Nimoy als Spock nochmals im "Star Trek"-Reboot von 2009 vorkam, und auch in "Star Trek: Into Darkness" (2013), hielt sich "Kirk" lieber zurück. Dafür drehte er die Dokumentation "The Captains", in der er tiefgehende Gespräche mit allen Star-Trek-Captains führt.

Die Zeit als Captain ist für ihn zwar vorbei, dem Mystischen blieb er jedoch treu, etwa für die Doku-Serie "The UnXplained mit William Shatner", die er für den History-Channel drehte. Außerdem ist er in den USA einer der begehrtesten Gäste in Talkshows. Wenn "Willie Shat" irgendwo auftritt, dann sind die Einschaltquoten verlässlich top. Ein rüstiger 90er, dem man noch viele Jahre wünscht. Wie Kollege Spock schon immer sagte: "Live long and prosper".