Von all den Regisseuren, die Frankreichs Kino in den 70er und 80er Jahren geprägt haben, ist Bertrand Tavernier der vielleicht produktivste gewesen. Seine Filme wie "Um Mitternacht", "Death Watch – Der gekaufte Tod", "Der Uhrmacher von St. Paul" oder "Der Richter und der Mörder" zählten schnell zu den französischen Kassenschlagern jener Zeit, hatten aber auch internationale Strahlkraft. Tavernier stand in der Tradition eines französischen Erzählkinos, das sich dem Amerikanischen verweigerte. Als Regisseur, der eine Generation nach den berühmten Vorbildern der Nouvelle Vague – von Godard bis Chabrol und Truffaut – schöpferisch tätig wurde, kokettierte er wenig mit den Formalismen des US-Kinos (die Nouvelle Vague hingegen sehr; sie zelebrierte deren Wirkungsweise und auch Umkehr). Tavernier reüssierte zwar oft in Genrefilmen, er drehte Krimis, Psychothriller, Historienfilme, Science-Fiction, Romanzen und Satire – jedoch ohne den Wohlfühlbonus auf das Publikum loszulassen, jedwede Wendung seiner Handlungen auszuerzählen.

"Je mehr ich mich mit dem Regieführen beschäftigte, desto mehr entfernte ich mich von diesem alles überstrahlenden amerikanischen Kino, das mit seiner Machart am Ende eines Films sämtliche Fragen gelöst haben will", so Tavernier 2005 in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". "Ich dagegen liebe das offene Ende! Das sind Dinge, die man dem Publikum als Geschenk mitgibt; es kann dann darüber spekulieren, was passiert ist. Für mich gibt es diesen Moment, in dem man die Story stoppen muss. In all meinen Filmen habe ich das praktiziert".

Taverniers Schaffen war weit gespannt. Der in Lyon geborene Tavernier gehörte zu den aktivsten Filmemachern Frankreichs, seine Filmographie umfasst rund 50 Arbeiten. Bekannt sind seine Filme auch für eine komplexe Kamerabewegung und für die unerwarteten Nahaufnahmen. Für sein umfassendes Repertoire erhielt der französische Filmemacher 2015 beim Filmfest in Venedig den Goldenen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk. Die Jury bezeichnete ihn damals als "nonkonformistischen und couragierten vielseitigen Autor".

Erfolgreiches Filmdebüt

Am 25. April 1941 wurde Tavernier als Sohn des Schriftstellers und Essayisten René Tavernier geboren. Die Kunst war ihm in die Wiege gelegt, von frühester Jugend an wollte er Filmregisseur werden. Gemeinsam mit Volker Schlöndorff besuchte er das Lycée Henri IV in Paris. Später studierte er Jus und schrieb Filmkritiken, ehe er als Regieassistent bei Jean-Pierre Melville unterkam. 1964 entstand sein Debütfilm "Der Uhrmacher von St. Paul" nach Georges Simenons Roman "Der Uhrmacher von Everton". Vielleicht die Blaupause für seine späteren Filme, die sich der amerikanischen Dramaturgie verweigerten: Das Buch, das in den USA spielte und auch zahlreiche amerikanische Mythen behandelte, verlegte Tavernier kurzerhand in seine Heimatstadt Lyon. Für den Film gab es einen Silbernen Bären.

Seine Ehefrau zwischen 1965 und 1980, die Britin Colo O’Hagen, verfasste viele der Drehbücher zu Taverniers Filmen. Sein größter künstlerischer Erfolg wurde "Um Mitternacht" (1986), der als einer der besten Filme über Jazz gilt und für den Herbie Hancocks Filmmusik einen Oscar erhielt.

Am Donnerstag ist Bertrand Tavernier im Alter von 79 Jahren verstorben.