Die Zeichen stehen auf Veränderung. Nach der Ankündigung von Disney, neue Blockbuster künftig weiterhin auf dem hauseigenen Streamingdienst Disney+ zu veröffentlichen, gerät der Verwertungsweg Kino mehr und mehr unter Druck. Die beiden voraussichtlichen Filmhits "Cruella" (ab 28. Mai) und "Black Widow" (ab 9. Juli) werden nun auch direkt auf Disney+ veröffentlicht, in Ländern, in denen die Kinos geöffnet haben, starten sie zeitgleich auch dort. Eine Strategie, die Disney bereits seit vergangenem Sommer fährt, als man "Mulan" gegen einen Aufpreis auch im Heimkino sehen konnte.

Disney profitiert gerade besonders von der Pandemie, wenn es um den hauseigenen Streamingdienst geht: Disney+, vor einem Jahr gestartet, zählt inzwischen 100 Millionen Abonnenten. Konkurrent Netflix hat schon doppelt so viele Kunden, jedoch sind die 203 Millionen User über zehn Jahre zusammengekommen. Disney+ wächst also deutlich schneller.

Sattes Wachstum

Überhaupt ist Streaming der Wachstumsmarkt der Stunde, sagt die Marktforschung: Bis 2026 soll der globale Streaming-Markt um jährlich mindestens 18 Prozent wachsen, der 2018 rund 38 Milliarden US-Dollar schwere Markt stünde 2026 dann bei 149 Milliarden. Die Corona-Pandemie hat diesen Markt wie ein Brandbeschleuniger angefacht.

Damit diese Traumzahlen realisiert werden können, muss in den Content investiert werden, und in die Marktforschung, denn produziert wird nur mehr das, was die zahlenden User auch tatsächlich anschauen. Die implementierten Algorithmen geben in Zukunft vor, was die Drehbuchautoren zu Papier bringen, nicht mehr nur alleine ihre Fantasie. Ob das der Qualität zuträglich ist, darf bezweifelt werden.

Wichtig ist nur, dass es gut aussieht, so wie die neue Marvel-Serie "The Falcon and the Winter Soldier". Es wird kräftig investiert in die dem Publikum so wichtige Hochglanzoptik. Die Verlierer der Entwicklung sind die Kinos: Solange sie überwiegend geschlossen sind, erleben die Streamingportale großen Zustrom. Disney ist zugleich seit Jahren auf Shopping-Tour und kaufte neben Marvel auch die Star-Wars-Franchise und das Studio 20th Century Fox, dessen Titel nun auf dem Sub-Kanal "Star" bei Disney+ laufen. Inhalte gibt es für die Kundschaft also mehr als genug.

Auch Konkurrent Warner Bros. hat sich augenscheinlich vom Kino als ersten Verwertungsweg von Filmen verabschiedet, als er verkündete, künftig alle seine Titel zeitgleich im Kino und am eigenen Streamingdienst HBO Max zu veröffentlichen, darunter auch "Wonder Woman 1984". Es gibt aber auch eine Gegenbewegung: Ab 2022 wird die Kinokette Regal Cinemas in den USA Warner-Filme zumindest einen Monat lang exklusiv in ihren Sälen zeigen, erst danach laufen sie auf HBO Max. Doch das ist vielfach Kosmetik: Das einstige, drei Monate andauernde exklusive "Kinofenster" für die Erstauswertung von Filmen scheint inzwischen unwiederbringlich verloren.

Günstiger Aufpreis

Zumal das Online-Vergnügen auch günstiger ist: Aufpreispflichtige Filme kosten bei Disney+ derzeit 21,99 Euro, das klingt viel, doch der Film kann dafür so oft und mit so vielen Familienmitgliedern und Gästen wie gewünscht gesehen werden. Im Kino gingen sich mit dem Betrag gerade einmal zwei Tickets aus.

Konkurrent Netflix holt inzwischen zu einer Content-Offensive aus und will nun ebenfalls mit sehr großen Namen punkten. Etwa mit Daniel Craig, den man für zwei selbst produzierte Sequels seines Krimikomödien-Hits "Knives Out - Mord ist Familiensache" ködern konnte. Das Abo-Preismodell wurde erst im Vorjahr "angepasst", also erhöht.

Für das Kino sind das keine guten Neuigkeiten. Zwar bescheinigt man der Branche weiterhin eine Berechtigung, "aber vielleicht nicht den Führungsanspruch" in der Filmverwertung, wie eine Umfrage des Wirtschaftsdienstleisters Deloitte zeigt. Nur knapp 29 Prozent der Amerikaner würden derzeit ein Kino besuchen, wenn es geöffnet wäre. Nur mehr 13 Prozent würden die Filme unbedingt im Kino sehen wollen, 22 Prozent wahrscheinlich. Die Gruppe derer, die mit Heim-Streaming sympathisieren, ist hingegen bereits 65 Prozent stark. Und noch ein entscheidender Umstand könnte den Kinos zusetzen: Während die Studios bei einem Film im Kino etwa 55 Prozent der Einnahmen erhalten, sind es im digitalen Vertrieb via Streaming satte 80 Prozent. Es ist ein bekanntes Phänomen, das sich die Gier schließlich doch meistens durchsetzt.