Wenn schon Trend, dann bitte divers: Nicht alle Superheldinnen können (und wollen) aussehen wie Wonder Woman, nicht alle sind blutjung wie die Schülerin, die in Stargirls Kostüm steckt. Nein, so manche Heldin ist mindestens Mitte 40, hat ordentlich Grips in der Birne und außerdem gewichtiges Durchsetzungsvermögen, so wie Lydia (Melissa McCarthy) und ihre Freundin Emily (Octavia Spencer). Von wegen, das Superheldengenre stecke voller Klischees! Die "Thunder Force", als die die beiden Damen antreten, ist der lebende Gegenbeweis!

Es ist grundsätzlich die richtige Message in den Plot dieses neuen Netflix-Films verbaut. Die da lautet: Auch, wenn du etwas mehr wiegst, und auch, wenn du etwas tollpatschiger bist als die anderen, kann aus dir ein echter Held werden. Pardon, eine Heldin.

Fitgespritzt

Lydia taucht nach vielen Jahren wieder bei ihrer einstigen Freundin Emily auf, die inzwischen an einem Rezept gegen die allerorts vorkommenden Superschurken forscht: Sie hat ein Mittel erfunden, mit dem man Menschen Superkräfte verleihen kann. Der Prototyp dieses Superhelden-Serums wird dank einer tollpatschigen Einlage ausgerechnet Lydia gespritzt, die daraufhin langsam, aber stetig erstarkt. Tag für Tag, Spritze für Spritze. Die Nadel kriegt sie ins Gesicht und in den Busen. Lydia entwickelt schnell einen Gusto der besonderen Art: Der Verzehr von rohem Hühnerfleisch macht aus der einstigen Loserin eine bärenstarke Superheldin. Gemeinsam mit Emily, die sich selbst die Fähigkeit gegeben hat, unsichtbar zu werden, macht sie sich nun als "Thunder Force" auf, die eigene Heimatstadt Chicago von den Superschurken zu befreien.

Die Action-Komödie von Regisseur Ben Falcone ist natürlich darauf getrimmt, mit dem Ulk-Faktor zu spielen, auch Hauptdarstellerin Melissa McCarthy weiß um ihre Wirkung mit voluminöser Präsenz und kann zudem mit witzigem Charme und Slapstick-Talent überzeugen. Ob sie nun im lila Lamborghini ihren Eisprung hat, weil sie "lila glänzende Lamborghini-Babies" kriegen will, oder ob sie in den eigenen Jogginganzug uriniert, die Grenzen des guten Geschmacks werden hier dann und wann etwas verschoben.

Legendär schon jetzt ihr Tänzchen im 80er-Jahre-Look mit dem feinmotorisch eher limitierten Mr. Krabbe (Jason Bateman), dessen Krabbenarme unbeholfen die Drinks zu holen versuchen. Oder auch ihre ungläubige Feststellung: "Ich habe gerade einen Bus geworfen", nachdem sie einen Bus geworfen hat.

Viel mehr Witz- und Wortzauber gibt es aber nicht in "Thunder Force", der in zahlreichen Details an Szenen und Figuren aus die skurrilen Comicverfilmungen von Tim Burton erinnern will. Und weil es ein geiler Song ist, darf "Kiss from a Rose" von Seal hier dafür herhalten, die Heldinnen aufzurichten, wie das schon bei "Batman Forever" so gut geklappt hat.

Nachlassendes Interesse

Allein: Keiner dieser Referenzen und keiner der vielen Einfälle ist wirklich nachhaltig witzig. Speziell ab der Mitte verliert man zusehends das Interesse an dem Klamauk, der bis zum Schluss nur mehr wenige Highlights bieten kann, darunter schmierig gezeichnete Lokalpolitiker mit dunklen Ambitionen und ein Surf & Turf mit Mr. Krabbe.

Das wiederum Schöne an Filmen wie "Thunder Force" ist, dass es sich dabei eigentlich um Familienarbeiten handelt. Regisseur Falcone ist der Ehemann von Melissa McCarthy, mit der er zwei Töchter hat. Er hat auch das Drehbuch geschrieben, das seiner Frau passt wie ein Maßanzug. Deshalb kann man dem Film keine Klischees unterstellen, sondern lediglich die Absicht, aus der gut geölten Comedy-Marke McCarthy ein turbulentes Spektakel zu machen, das die eigene Erfolgsgeschichte fortschreibt. Ein Sequel mit einem aufgewerteten Mr. Krabbe und noch mehr rohen Hendln wäre nett.