Manchmal muss man als junger Mensch gleich mehrere Erfahrungen auf einmal sammeln. So wie der Held dieser Geschichte: Der 15-jährige Cole (Caleb McLaughlin) wird von seiner Mutter Amahle (Liz Priestley) über die Sommerferien zu seinem Vater Harp (Idris Elba) nach Philadelphia geschickt, weil er zu Hause in Detroit Probleme an der Schule hat - und es sind nicht die ersten Probleme dieser Art. Also muss Cole sich mit dem zunächst verhassten Vater auseinandersetzen, und das bringt auch die Erfahrung mit sich, wie man ein wildes, ausgebüchstes Pferd wieder einfängt. Wer Angst zeigt, hat hierbei schon verloren, und wer das Tier mit einer solchen Angst besteigt, der landet schnell wieder abgeworfen auf dem harten Schotterboden.

Ein Western von heute

Die Pferde, sie spielen eine Hauptrolle in diesem Western, der ein besonderer Vertreter seines Genres ist: Er ist nämlich in der Gegenwart angesiedelt, nicht gerade in den besten Gegenden von Philadelphia, wo Coles Vater Harp sich einer Gruppe von Schwarzen Cowboys angeschlossen hat, die sich mitten in der Stadt um Pferde kümmern und auf ihnen ihr "Revier" bereiten. Die Gemeinschaft gibt Harp Sicherheit, denn sein Leben ist nicht so verlaufen, wie er es sich erträumt hatte. In dem heruntergekommenen Haus, das er bewohnt, gibt es nur Bierdosen und Schmelzkäsescheiben im Kühlschrank. "Du kannst mir ja nicht einmal was zu Essen bieten", schreit ihn sein Sohn an. Nebenbei erwähnt sollte auch sein, dass sich Harp das eigene Pferd direkt im Wohnzimmer hält und Cole gleich daneben auf dem Sofa schlafen soll.

Und auch, wenn Cole in dieser Coming-of-Age-Geschichte eine ganze Menge Pferdeäpfel einsammeln wird: Das Reiten hier im Fletcher Street Horse Riding Clubbietet ihm bald eine verlässliche Zuflucht vor seiner neuen Lebensrealität zwischen Gewalt und Armut. Es lauern viele Gefahren: Coles Cousin Smush (Jharrel Jerome), bei Harp schon längst in Ungnade gefallen, ist drauf und dran, den jungen Burschen ins Drogendealer-Milieu herunterzuziehen.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Greg Neri hat Regisseur Ricky Staub einen elegant und zuweilen düster gefilmten Großstadtwestern gedreht, der in die schwindende Welt der afroamerikanischen Reiterclubs von Philadelphia führt, die vor gut einhundert Jahren eine große Bedeutung in Verkehr und Polizeiwesen hatten, nach dem Aufkommen von Autos und Bahnen aber zunehmend obsolet wurden: Die Pferde wurden trotzdem behalten, so manche dieser Reiterclubs existieren bis heute. Anhand ihrer Existenz gelingt es dem Film, eine Lücke in der Filmgeschichte zu schließen - immerhin waren seinerzeit gut ein Viertel aller Cowboys in Amerika schwarz, aber Hollywood hat schon in seinen frühestens Tagen sehr konsequent damit begonnen, diesen Umstand weißzuwaschen: In Filmen sind die Cowboys meistens weiß. Bis heute.

Ricky Staub nimmt sich in der Verfilmung dem Thema Erwachsenwerden mit epischer Gemächlichkeit an, er hat keine Eile, Coles Befindlichkeit zu illustrieren, was leider zur Folge hat, dass so manche Leerstelle in seiner Dramaturgie entsteht.

Die Magie der Pferde

Immerhin ist "Concrete Cowboy" dank des Duos aus Idris Elba und Caleb McLaughlin gut besetzt. Vater und Sohn finden über das Pferd langsam zueinander, ein Pferd, das Trennendes beseitigen und Einendes betonen kann, das ist schon magisch. Insofern ist der Western auch eine Hommage an das wichtigste Tier dieses Genres. Das ungewöhnliche Großstadt-Setting fernab jeglicher Prärie betont das natürlich zusätzlich. Die ganze Lyrik, die diesem Gespann aus Vater, Sohn und Pferd innewohnt, ist der zweite Bremser in der Dramaturgie. Aber Filme müssen eben auch nicht immer mit Vollgas durchs Ziel galoppieren. Dann schon lieber so gemächlich, wie die Cowboys im Fletcher Street Horse Riding Club, wenn sie ihre Runden ziehen.