Wie weit würde man für die eigene Überzeugung gehen? Rechtfertigt eine "gute Sache" schon den Einsatz von Gewalt? Wie sehr ist das Bewusstsein über diese Fragen in der Gesellschaft und speziell unter Jugendlichen verankert? Die deutsche Drehbuchautorin und Regisseurin Julia von Heinz ("Ich bin dann mal weg") hat sich Gedanken darüber gemacht und diese in ihren neuen Spielfilm "Und morgen die ganze Welt" einfließen lassen. Die 20-jährige Luisa (Mala Emde), eine Jus-Studentin, die am Land wohnt, steht im Zentrum der Handlung. Sie schließt sich in der Großstadt einer linken Kommune an und taucht mit dieser in die Antifa-Szene ein. Es werden Störaktionen bei Kundgebungen rechter Politiker geplant, man hängt aber auch zusammen ab und trainiert Boxen, druckt Flugblätter, füllt ausgeblasene Eier mit Farbe zum Bewerfen der Gegner, es ist ein bisschen Revolution in der Luft, aber ob das schon reicht, um das Leben in Deutschland zu verändern, so wie Luisa sich das wünscht? Die Truppe unterwandert eine Neo-Nazi-Formation, um mehr über einen geplanten Anschlag herauszufinden, doch bald werden auch Verbindungen in höchste Polit-Kreise sichtbar.

Der Film, ab 23. April auf Netflix, ist zutiefst persönlich, denn nach einem Überfall von Neonazis auf ihre Geburtstagsfeier in den Bonner Rheinauen schloss sich von Heinz 1991 als 15-Jährige antifaschistischen Initiativen an.

"Wiener Zeitung": Frau von Heinz, wie viele Details aus Ihrer Jugend stecken in "Und morgen die ganze Welt"?

Julia von Heinz will wahrhaftig erzählen. - © Katharina Sartena
Julia von Heinz will wahrhaftig erzählen. - © Katharina Sartena

Julia von Heinz: Die 1990er Jahre sind natürlich nicht die Gegenwart, aber der Film ist angelehnt an das, was ich damals erlebt habe. Nur ist im Film alles etwas geraffter und zugespitzter. Das, was ich in zehn Jahren erlebt habe, erlebt Luisa während der Laufzeit des Films. Das erfordert die Dramaturgie.

Steht eine solche Dramaturgie nicht auch der Wahrhaftigkeit im Wege, wenn man stark mit den Konventionen eines Genres arbeiten muss?

Ich gebe mir Mühe, meine Filme unterhaltsam und spannend zu gestalten. Sonst würde ich eine andere Form wählen, um meine Ideen zu verbreiten. Beim Film geht es ja auch darum, die Zeit zu vergessen und in die Geschichte einzutauchen.

Sie sagten, die 90er waren anders als heute. Gerade jetzt scheint es doch eine Bewegung zu geben, die sich wieder mehr engagiert und auf die Straßen geht, oder?

Das stimmt, man wird als Gesellschaft wieder politischer. Linke Bewegungen haben mehr Zulauf, ob es sich dabei nun um "Black Lives Matter" oder die Klima-Demos handelt, und mich freut das sehr. Die jungen Leute spüren, dass es um ihre Zukunft geht. Aber es ist offener als damals in den 90er Jahren. Die Antifa war damals viel straffer organisiert. Heute ist der Begriff mehr eine Haltung, würde ich sagen.

Nicht alle Figuren, die Sie in "Und morgen die ganze Welt" zeigen, sind gleich stark an einem Leben als rebellischer Aufrührer interessiert.

Das stimmt, das habe ich auch selbst so erlebt. Viele der Leute suchen und finden eine Ersatzfamilie in der Protestbewegung, sie verbringen viel Zeit mit ihr und merken dann irgendwann, dass die persönlichen Lebensentwürfe eventuell doch nicht so kompatibel sind mit dem, was sie gerade machen. Ich thematisiere den Umstand, dass es oft Kids aus der gut situierten Mittelschicht sind, die sich linken Bewegungen anschließen, mit dem Gedanken, diese auch jederzeit wieder verlassen zu können. Auch Luisa kommt aus gutem Haus. Ihre Herkunft wird ihr vorgehalten, man sagt ihr, ihre Eltern würden sie aus jeglicher Notsituation herausholen, wenn es sein muss. Das ist gleichzeitig Teil ihrer Motivation. Sie hat Schuldgefühle und will beweisen, dass sie ihr Engagement gegen Rechts ganz besonders ernst nimmt.

Ist rechte und linke Gewalt sehr unterschiedlich?

Ja, denn rechte Gewalt richtet sich gegen Dinge, die die Menschen, die es betrifft, nicht ändern können, also zum Beispiel gegen Behinderte, Flüchtlinge, Menschen mit anderer Hautfarbe. Linke Gewalt zielt hingegen immer auf Nazis, die sich selbst entschieden haben, eine solche unmenschliche Ideologie zu vertreten. Sie könnten jederzeit damit aufhören, so zu sein.

Sie wollen diesen Film schon seit bald 20 Jahren umsetzen. Warum hat es so lange gedauert?

Ich glaube, dass man im deutschen Film politische Themen nur zaghaft angreift. Man hat mir Jahr für Jahr erklärt, der Film sei zu aktuell, egal ob das nun Verleiher, Fernsehredakteure oder der Weltvertrieb war. Man traut sich oftmals zu wenig zu. Zum Glück haben dann doch die richtigen Leute daran geglaubt, und der Film ist aus meiner Sicht heute aktueller denn je. Schade, dass es nicht mehr solche politischen Filme in Deutschland gibt.

Ihr Film feierte vergangenen September in Venedig Premiere und kommt nun pandemiebedingt nicht in die Kinos, sondern startet bei Netflix. Ein Segen, oder unpassend für einen Kinofilm?

Das Kino ist schon ein sehr wichtiger Teil des Filmemachens. Ich bin dafür, dass es das erste Glied in der Verwertungskette bleibt, wenn die Kinos wieder öffnen können. Aber ein Streamingdienst wie Netflix ist natürlich ein wichtiger Ersatz - ich bin sehr froh, dass der Film nun auf diesem Weg zu seinem Publikum finden kann.